Rudern zu Gott

Die späten Gedichte der amerikanischen Lyrikerin Anne Sexton

Von Eva LeipprandRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eva Leipprand

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Jesus sah die hungrige Menge / und sprach: O Herr, / schick wen herab, der schnell ein Essen richtet./ Und der Herr sprach: Abrakadabra." Sehr eigenwillig behandelt Anne Sexton den christlichen Mythos in ihren späten Gedichten. Sie stellt die Tradition auf den Kopf und besetzt sie mit ihrer eigenen Privatmythologie, wendet sie auch, ganz ohne Ehrfurcht, ins Komische. Ihre Gottsuche ist theologisch keineswegs korrekt, aber doch von tiefer Sehnsucht getrieben.

Der S. Fischer Verlag legt das Werk der amerikanischen Dichterin (1928 - 1974) in einer vierbändigen Ausgabe vor. Herausgeberin ist Elisabeth Bronfen, die letzten Herbst auch eine Plath-Monographie veröffentlicht hat. Sylvia Plath und Anne Sexton besuchten die gleiche Lyrik-Klasse an der Universität Boston und führten leidenschaftliche Gespräche über die Lust am Selbstmord. In ihren Einleitungen zu den vier Bänden deutet Elisabeth Bronfen Anne Sexton ähnlich wie sie Sylvia Plath charakterisiert - als Hysterikerin an der Schwelle zwischen Tod und Leben. Band vier, soeben erschienen, vereint "Das Buch der Torheit", "Die Sterbehefte" und "Das ehrfürchtige Rudern hin zu Gott". Aus den "Sterbeheften" ist nur der letzte Zyklus "O ihr Zungen" aufgenommen. Nicht Vollständigkeit, sondern thematische Schlüssigkeit war Ziel der Herausgeberin. Allerdings wären klare Angaben darüber, was weggelassen wurde, hilfreich gewesen.

Schon in früheren Gedichten Sextons klingt der religiöse Grundton an; in diesem letzten Band ist er vorherrschend. In sechs Sonetten werden die "Engel der Liebesgeschichte" angerufen, "O ihr Zungen" besteht aus liturgisch aufgebauten Psalmen, neun Jesus-Gedichte sind in der "Jesus-Akte" zusammengefaßt. Der letzte Zyklus zeigt die Richtung an: "Das ehrfürchtige Rudern hin zu Gott". "The Awful Rowing Toward God" - im Englischen ist das Rudern nicht nur ehrfürchtig, sondern auch furchtbar. Es ist ein Rudern gegen den Wind, das Ziel ist zweifelhaft, die Insel, auf der Gott vermutet wird, unvollkommen. Aber das Rudern ist die einzige Möglichkeit, um sich von der Ratte im Innern zu befreien, "der scheußlichen nagenden Ratte./ Gott wird sie mit beiden Händen empfangen/ und annehmen."

Die nagende Ratte, das Böse in ihrem Innern ist ein zentrales Bild in Anne Sextons Werk, ein Symbol auch für die psychische Krankheit, den Wahnsinn, der sie ein Leben lang verfolgt. "Rats live on no evil star" - Ratten leben auf keinem bösen Stern - dieses Palindrom, das im Englischen gleichlautend von rückwärts gelesen werden kann, wollte Anne Sexton auf ihren Grabstein geschrieben haben. Aus der Ratte sollte in der Umkehrung der Stern werden, aus dem Bösen das Leben, und für diese produktive Verwandlung brauchte sie Gott. Auch in diesen späten Gedichten nennt sie das lyrische Ich gern Anne und läßt es ihren eigenen Lebens- und Glaubenskampf darstellen. Annes Stimmungen schlagen um von einem Extrem ins andere, oft hört man geradezu zwei verschiedene Stimmen, die sie wie einen "Bürgerkrieg" erlebt - hier Selbsthaß und gottverlassene Todessucht, dort Hymnen auf das Leben in seiner bunten Vielfalt. Als Anne am Ende die Insel erreicht, findet sie dort Gott als einen sich vor Lachen krümmenden Pokerspieler: "Das Meer lacht. Die Insel lacht. Das Absurde lacht." Am 4. Oktober 1974, kurz vor ihrem 46. Geburtstag, gab Anne Sexton diese Gedichte zum Druck frei. Am gleichen Tag nahm sie sich das Leben.

Anne Sexton gilt als herausragende Vertreterin der "confessional poetry" (Bekenntnislyrik), auch wenn sie sich selbst am liebsten als "storyteller" sieht. Nach einem schweren psychotischen Schub beginnt sie mit achtundzwanzig Jahren, auf Anraten ihres Therapeuten, Gedichte zu schreiben. Das eigene Leben ist ihr Gegenstand, die Verletzungen der Kindheit, die komplizierten Familienbeziehungen, ihr Hausfrauendasein, Todeslust und Suizidversuche, der Wahnsinn, die regelmäßigen Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten. Sucht, Alkohol, Drogen. Körperlich und seelisch kehrt sie ihr Innerstes nach außen, scheut vor keiner Intimität zurück. Sie benutzt die Tonbänder ihrer Therapiesitzungen als Material für ihre Gedichte, will "das Unbewußte melken". Gerade die letzten Gedichte lesen sich stellenweise wie Psychoanalyse in Versen, ein ungebändigter Bilderstrom, der ihr persönliches Drama immer wieder von vorn erzählt. Das Schreiben ist nicht mehr Therapie sondern Besessenheit. "Die Sache mit den Wörtern" hält sie nächtelang wach, der "Vogel Ehrgeiz" zwingt sie, Gedicht um Gedicht zu schreiben für die "Unsterblichkeitskiste", die zugleich ihr Sarg ist.

Anne Sexton war als Lyrikerin ebenso erfolgreich wie umstritten. Ihre Kritiker warfen ihr Narzißmus vor, peinliche Selbstentblößung, eine unzulässige Mischung von Kunst und Leben. Doch erreichte sie in kurzer Zeit hohe Auflagen und ein großes, begeistertes Publikum. Sie wurde mit Preisen und akademischen Ehrungen überhäuft (Pulitzer-Preis 1967 für "Lebe oder stirb").

"Es werde ein Gott, groß wie eine Höhensonne, der euch seine Wärme zulacht." Kühn und mühelos mischt Anne Sexton auch in diesem letzten Band Erhabenes mit dem Alltäglichen in einer sorgfältig rhythmisierten Sprache. Das Ungeheure findet sich im banalen Ausdruck wieder. So wird dem Pathos die Spitze genommen, es entsteht Komik, auch makabrer Humor. Ihre Bilder wirken überraschend, schockierend, grell, surrealen Gemälden ähnlich: "Wie ein Plymouth-Kotflügel wurde ich/ in diese Welt gepreßt." Die Lebenswirklichkeit der amerikanischen Mittelklasse-Hausfrau wird dabei zum Element der Poesie. "Der Mensch vertilgt die Erde/ wie einen Schokoladeriegel." Mit ihrer Lyrik traf Anne Sexton das Dilemma ihrer Zeitgenossinnen - den Konflikt zwischen den Rollenerwartungen an die Vorstadthausfrau und dem Wunsch nach Selbsterfüllung. Wahnsinn und Selbstmord ließen sich verstehen als der einzig mögliche Ausweg aus den Fesseln des konventionellen Frauendaseins.

Doch hat sich Anne Sexton immer wieder gegen eine Vereinnahmung durch die Frauenbewegung gewehrt. Auch in ihren späten Gedichten leidet sie als Mensch, nicht als Frau. Der Zyklus "Tod der Väter" klagt den Vater an, weil dieser in seiner Beschützerrolle versagt hat. Der Gott, den sie in ihren Gedichten sucht, heraufzubeschwören sucht, soll ein starker Mann-Gott sein, und ist dann doch nur ein lachender Pokerspieler. Anne, ganz angepaßte Frau, lacht mit.

Anne Sextons aufwühlende und schwierige Gedichte haben in Silvia Morawetz eine kongeniale Übersetzerin gefunden. Sie bietet farbkräftige Entsprechungen für die Bilderfülle und eine schlüssige Tonmischung für den unverwechselbaren Sexton-Sound. An einigen Stellen allerdings würde man gerne Gegenvorschläge machen: "Gott schlurft im Himmel herum,/ ganz geknickt" (without a shape). Gott möchte in diesem Gedicht nicht nur Seele sein, sondern einen Körper haben und auch einmal eine Zigarre rauchen und an den Fingernägeln kauen. "Without a shape" - müßte das hier nicht "ohne Gestalt" heißen? An anderer Stelle macht sich das lyrische Ich aus verschiedenen Gegenständen Körperteile und aus einem Fingernagel ein Augenglas: "I will take a slug if you please/ and make myself a perfectly good appendix". Trinkt das Ich hier wirklich einen Schluck, wie Silvia Morawetz übersetzt? Nimmt es nicht eher eine Nacktschnecke (slug), um sich daraus einen Blinddarm zu machen?

Die zweisprachige Ausgabe des S. Fischer Verlags gibt dem Leser die Möglichkeit, zwischen Original und Übersetzung hin und her zu springen und der Lust an Sprache freien Lauf zu lassen. Gerade aus dem Vergleich erwächst ein vertieftes Verständnis für die Ausdruckskraft einer faszinierenden Dichterin.

Titelbild

Anne Sexton: Buch der Torheit.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
354 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3100725115

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