Vergessene Diskurse

Gísli Magnússon schreibt in „Dichtung als Erfahrungsmetaphysik“ über die „Esoterische und okkultistische Modernität bei R.M. Rilke“

Von Marco BormannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marco Bormann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man stelle sich vor, wir wüssten über das Christentum nur aus Erzählungen über die Märtyrer, verfügten aber weder über orginär christliche Texte, noch über heidnische Berichte von deren Lehre. Vermutlich würden wir die Christen dann einfach für eine Gruppe von extremen Stoikern halten, welche die Ataraxia bis zum äußersten Extrem der Selbstaufgabe getrieben haben. Nun gibt es aber christliche Texte in Mengen und selbst wenn das Christentum den Aufstieg zu seiner kulturellen Dominanz nicht geschafft hätte, wäre es höchst unwahrscheinlich, dass sie nicht zur Kenntnis genommen würden. Denn antike Texte, so abstrus ihre Thematik sein mag, werden allein schon aufgrund ihres Alters, und vielleicht sogar ein wenig als Würdigung des glücklichen Umstands ihrer Erhaltung, von Philologen gepflegt, übersetzt und kommentiert. Will man in der Antike neues Gedankengut finden, so muss man geduldig darauf warten, dass die Erde bei Grabungen neue Texte freigibt. Und aufgrund der flächendeckenden Erforschung aller Gedankenströmungen – seien sie auch nur hier und da als Andeutung vorhanden – ist es sehr unwahrscheinlich, hierbei auf neue Ideen zu stoßen. Dennoch gibt es solche zumindest im wissenschaftlichen Diskurs vergessenen Strömungen und Gedankengänge. Aber sie finden sich gerade nicht in der Antike, sondern zeitlich gesehen viel näher vor unserer Tür, nämlich im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Als unwissenschaftlich verbrämt sind die esoterischen und okkultistischen Diskurse ganz aus dem Blickfeld der Akademien verbannt worden. Das aber kann und konnte nichts daran ändern, dass diese Diskurse eine quantitativ zwar sicherlich eingeschränkte, qualitativ aber bisweilen ungeheure Auswirkung hatten. Auf diesem Gedanken aufbauend stellt uns Gísli Magnússons Buch exemplarisch einen Fall vor, bei dem die strengen Ausschlussmechanismen der akademischen Welt sich selbst den Blick auf einen vor ihren Augen liegenden Schatz verbaut haben.

Dies ist der Fall bei Rainer Maria Rilke, einem der bekanntesten deutschen Dichter, der doch – so Magnússons These – in einer für sein Werk ganz wesentlichen Hinsicht ganz und gar unbekannt geblieben ist. Magnússon führt zahlreiche und sehr eindruckvolle Belege dafür an, dass die Welt des esoterischen Denkens ganz und gar auch Rilkes Welt war. Nicht, dass dieser sich jenen Gedanken kritiklos hingegeben hätte, aber er hat sie nicht nur nicht ignoriert, sondern für seine ganze Weltsicht produktiv mit ihnen gearbeitet. Dieses aufdeckend, stellt uns Magnússon eine sicherlich vielen seiner Leser, welche die Schule der Aufklärung durchlaufen und sich deren rationale Strenge angeeignet haben, ganz neue und unbekannte Geisteswelt vor, voll von Darstellern und Diskursen, welche der akademische Mainstream schlicht in Vergessenheit geraten lassen hat. Zwar gibt es diese Bücher noch, aber sie stehen verstaubt in den Ecken der Bibliotheken. Ihre Lektüre verwirrt den akademische Leser allenfalls, weil ihnen mittlerweile die Anknüpfungspunkte fehlen. Allein schon die Aufarbeitung dieser Diskurse entlang der mit ihnen eng verwobenen geistigen Biografie Rilkes macht Magnússons Buch lesenswert. Betrachtet man die Bedeutung dieser Diskurse für Rilke selbst und für sein Werk, so erkennt man, wie sehr die gängige Interpretation dieses Dichters etwas ganz Wesentliches verfehlt. Stellt man Rilke nämlich bloß in den bekannteren geistigen Zusammenhang seiner Zeit, so verkürzt man ihn, macht aus ihm einen nietzscheanischen Nihilisten und Atheisten. Natürlich findet sich auch diese Dimension bei Rilke, aber sie ist – wie Magnússon zeigt – eben nicht das geistige Ziel des Dichters, nicht dessen tiefere Absicht. Das Negative des Nihilismus und Atheismus taucht bei Rilke wie bei seinen Zeitgenossen als eine Reaktion auf die immer rationaler und dabei auch immer materialistischer werdende Moderne auf. Dieser Materialismus der Moderne verkörpert in gewisser Weise schon in sich einen Nihilismus, den der schnell unter ihm zu leiden beginnende geistigere Mensch dann nur noch erkennen und aufzeigen muss. Dieses negative Moment setzt aber dem Materialismus noch nichts entgegen und stellt so in sich nicht den Ausdruck einer positiven Alternative dar. Rilke ist nun nach Magnússon nicht im Stadium des Negierens verblieben. Er hat gerade in seiner Auseinandersetzung mit esoterischen und okkultistischen Diskursen eine solche positive Alternative gefunden. Zentral für diese positive Dimension ist nach Magnússon der Begriff der künstlerischen Gnosis, die für Rilke aus einer Offenheit für erfahrungsmetaphysische Gehalte erwachsen kann. Die Begegnung mit dem Unverstehbaren und dem Okkulten ist für die Aufklärung ein bloßer Störfall auf dem vorausgeplanten Weg der Rationalität. Folgt man diesem Weg, verschließt man sich vollkommen und der Materialismus ist das vorausbestimmte Ziel. Aufhalten kann man diesen Prozess auch für die eigene geistige Entwicklung, die immer wieder in die kulturell vorgegebenen Gleise zu münden droht, nur dann, wenn man sich für Nebengleise offen hält. Diese Offenheit war für Rilke, so wie ihn uns Magnússon vorstellt, kein dogmatischer Glaube an das Okkulte. Es war vielmehr die Kunst, das, was für uns Wirklichkeit heißt, geschickt in der Schwebe zu halten. Zugleich ist aber bei Rilke auch das Mittel dieses Schwebezustands die Kunst selbst. Das konstituiert dann sogleich ein geistiges Ökosystem für den Künstler, denn der Schwebezustand ermöglicht zugleich sein künstlerisches Schaffen und wird von diesem immer wieder neu hervorgebracht. Hier tut sich eine ganz neue Welt auf, viel idealistischer noch als die Welt der geronnenen Ideen des Deutschen Idealismus. So kann sich, wie Magnússon schreibt, „der Einzelne … über die Trägheit kulturell geerbter Vorstellungen heben, um eine neue selbständig errungene Erkenntnis zu erlangen“.

Titelbild

Gisli Magnusson: Dichtung als Erfahrungsmetaphysik. Esoterische und okkultistische Metaphysik bei R. M. Rilke.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2009.
453 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783826040764

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