Vorauseilender Gehorsam im Auswärtigen Amt

Christopher Browning schreibt, dass die so genannten Judenexperten des Auswärtigen Amtes karrierebewusst und nicht wirklich antisemitisch waren

Von Klaus-Jürgen BremmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man stelle sich nur vor, das fraglos grundlegende Werk des amerikanischen Geschichtsprofessors Christopher Browning über die fatale Rolle des Auswärtigen Amtes bei der so genannten Endlösung wäre schon nach seiner ersten Veröffentlichung auch gleich in deutscher Übersetzung erschienen und nicht erst 30 Jahre später. Eine breite Debatte ähnlich der über Daniel Jonah Goldhagens provozierende Thesen hätte in den 1980er-Jahren die verschlafene Republik aus ihrer lieb gewordenen Illusion gerissen, das deutsche Volk sei 1945 von der Nazi-Diktatur befreit worden und habe in seiner Masse weder von deren Verbrechen gewusst noch daran mitgewirkt. Wie inzwischen feststeht, waren Zustimmung und Mittäterschaft der traditionellen deutschen Eliten bei der verbrecherischen Politik Adolf Hitlers die Regel und nicht die Ausnahme. Auch das renommierte Auswärtige Amt wurde – wie Wirtschaft und Wehrmacht – von einer Gruppe ambitionierter Karreristen geprägt, die, so Browning, durchaus nicht präziser Anweisungen von ganz oben bedurften, sondern in einer Art vorauseilendem und „kreativem“ Gehorsam jeder Andeutung eines „Führerwillens“ in ihren Verantwortungsbereichen tatenfroh die Bahn brachen. „Eigeninitiativen von unten machten die Notwendigkeit von Befehlen überflüssig.“

Brownings brillante Studie berührte bereits damals sämtliche strittigen Punkte der in den 1990er-Jahren geführten Debatten über die aktive Mittäterschaft der militärischen und zivilen Führungselite des Reiches an den Verbrechen des Dritten Reiches. Auf breiter Quellenbasis gelangte der Verfasser bereits vor knapp drei Dekaden zu dem klaren Befund, dass mit dem Auswärtigen Amt eines der klassischen Ressorts der Politik nicht nur über die rassistischen Verbrechen des NS-Staates im Detail informiert war und sie im Grundsatz befürwortete, sondern sich auch aktiv an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligte. Wie Browning hätte sich schon damals jeder deutsche Historiker in den frei zugänglichen Beständen des Politischen Archivs darüber informieren können, dass selbst ein so hoher Diplomat wie Staatssekretär Ernst von Weizsäcker – hinter Joachim von Ribbentrop der zweite Mann in der Wilhelmstraße – sämtliche Berichte kannte, die seiner Behörde offiziell über die systematischen Massenmorde der SS-Einsatzgruppen an den Juden in der westlichen Sowjetunion zugeleitet wurden und in deren siebten Ausgabe vom Dezember 1941 es schließlich unmissverständlich hieß: „Die Judenfrage im Ostland ist als gelöst anzusehen.“ An der Kennzeichnungsverordnung für die im Reich ansässigen Juden hatte der Vater des späteren Bundespräsidenten gegenüber seinem Abteilungsleiter Martin Luther lediglich zu monieren, dass der Vorgang nicht ordnungsgemäß über seinen Tisch gelaufen sei. Gerade die Abteilung „Deutschland“ des umtriebigen und energischen Ribbentrop – Protegé Luther arbeitete seit 1941 eng mit Reinhard Heydrichs Reichssicherheitshauptamt zusammen, wenn es darum ging, die Juden aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten oder aus den verbündeten Staaten in die östlichen Vernichtungslager zu deportieren, wobei Luther und seine Mitarbeiter genau wussten, welches mörderische Schicksal ihren Opfern dort zugedacht war. Spätestens die berüchtigte Wannseekonferenz im Januar 1942, an der auch Luther und sein Referatsleiter Franz Rademacher als Vertreter des Auswärtigen Amtes teilnahmen, machte den dazu eingeladenen Vertretern der Ministerialbürokratien unmissverständlich klar, dass die so genannte Judenpolitik des Dritten Reiches nach einer langen Phase stümperhaften Schwankens zwischen Auswanderung, Umsiedlung und systematischer Ausplünderung nunmehr an den Punkt gelangt war, wo die physische Vernichtung von elf Millionen europäischer Juden offen auf die politische Agenda gesetzt wurde. Von grundsätzlichen Bedenken humanitärer Natur ist in dem von Adolf Eichmann verfassten Konferenzprotokoll keine Rede.

Die Vertreter des längst marginalisierten Außenministeriums schienen im Gegenteil bemüht, sich durch ihre bereitwillige Kooperation an der „Endlösung der Judenfrage“ wenigstens ein Minimum an Einfluss in der Reichspolitik zu sichern.

Nach Brownings Ansicht war somit kein Judenhass à la Stürmer die treibende Kraft bei Luther und seiner Führungsmannschaft, sondern eher Opportunismus und mehr noch ein ausgeprägtes Karrieredenken. Gerade aus den Biogrammen der Angehörigen des Referats D III, fast sämtlich Seiteneinsteiger, die nicht über die übliche Diplomatenlaufbahn ins Auswärtige Amt gelangt waren, glaubt er allenfalls einen damals weit verbreiteten unterschwelligen Antisemitismus herauslesen zu können. Über Luther schreibt Browning sogar, er sei zweifellos antisemitisch eingestellt gewesen, doch seine Ressentiments seien nicht die wahre Triebfeder seiner Karriere gewesen: „Wenn er antijüdische Maßnahmen effizient und skrupellos durchführte, war das seine Art.“ Ob der später – wegen einer Intrige gegen Ribbentrop – gestürzte Abteilungsleiter und seine verschworene Gemeinschaft so genannter Judenexperten tatsächlich jeden anderen Kurs des Regimes genau so zielstrebig verfolgt hätten, wie es der Verfasser vermutet, erscheint jedoch unwahrscheinlich, wiese dies doch wieder – wie gehabt – Hitler und der Parteispitze ausschließlich die Rolle der notorischen Judenhasser zu. Ist es aber nun wirklich vorstellbar, dass eine derart tatkräftige und langfristige Beteiligung breiter Führungsschichten an einem in der bisherigen bekannten Geschichte einmaligen Genozid allein aus Karriereerwägungen erfolgte, ohne tiefgehende ideologische und emotionale Zustimmung zur rassistischen Politik des Dritten Reiches?

Hier scheint Brownings ansonsten überzeugende Studie psychologisch zu kurz zu greifen, zumal er sich in seiner Beurteilung auch auf spätere Schutzbehauptungen wie etwa die des langjährigen Referatsleiter Rademacher stützt, der den bundesdeutschen Ermittlungsbehörden später zu Protokoll gab, sein Wille sei lediglich darauf gerichtet gewesen, „dem Staate zu dienen unabhängig von der politischen Meinung der jeweiligen Staatsführung.“ Die umstrittenen Thesen Goldhagens über einen tief sitzenden, schon in der deutschen Kultur des 19. Jahrhunderts angelegten Judenhass liegen offenbar doch näher bei der gewiss unbequemen Wahrheit.

Titelbild

Christopher Browning: Die "Endlösung" und das Auswärtige Amt. Das Referat D III der Abteilung Deutschland 1940-1943.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Claudia Kotte.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010.
320 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783534228706

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