Von utopischen und anderen Phantasien

Walter Delabar und Frauke Schlieckau stellen einen Doppelband des Periodikums „Juni“ unter das Thema „Visionen, Träume, Albträume und Reflexionen des Phantastischen und Utopischen“

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Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wohl kaum jemand würde noch ernsthaft bestreiten wollen, dass es sich bei Fantastik und Utopien um literarische oder sonstige kulturelle Erzeugnisse handelt, zu denen man nicht nur um der leichten Unterhaltung willen greifen kann, sondern auch um der Erkenntnis willen, die sich anhand ihrer – oder doch zumindest über sie – gewinnen lässt. So war es denn vermutlich auch nur eine Frage der Zeit, bis das von Gregor Ackermann, Karl Boland und Walter Delabar herausgegebene Periodikum, das den sommerlichen Monat „Juni“ im Titel führt, mit einem Band zu diesen beiden eng miteinander verwandten Bereichen kulturellen Schaffens aufwarten würde.

Mit der soeben erschienenen Doppelnummer 43/44 ist es nun soweit. Unter dem Titel „Bluescreen“ befassen sich nahezu zwanzig Beitragende mit „Visionen, Träumen, Albträumen und Reflexionen des Phantastischen und Utopischen“. Ediert wurde das Heft von Zeitschriftenmitherausgeber Delabar und Frauke Schlieckau.

Eröffnet wird der Band mit Klaus Heids „Entdeckung Utopias“, einem allenfalls scheinbar klassischen „Reisebericht“, der mitnichten irgendwo im Nirgendwo abgesandt wurde, sondern aus Texas, rund hundert Meilen südlich von San Antonio. Heid folgt – im Heft, nicht nach Texas – Luca Clabots „Ballade vom Mann mit den vielen Facetten“, die selbst wiederum mindestens zwei hat, nämlich eine deutschsprachige und eine italienische. Auch sonst ist der Band äußerst facettenreich. Das seinerzeit in der DDR wohlbekannte SF-AutorInnen-Paar Johanna und Günter Braun deckt diverese „Irrtümer, Widersprüche, Wirklichkeiten“ auf. Matthias Schwarz folgt der „Besiedlung der Zukunft“ in der „sowjetischen Science Fiction nach dem ersten Sputnikflug 1957“ und Jacek Rzeszotnik macht auf die „epistemologische Impotenz des Menschen nach Stanislaw Lem“ aufmerksam.

Nicht nach Osten, sondern nach Westen blickt Ralph Pordzik und stößt in seinem Ausflug in „angloamerikanische Utopien der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert“ auf die nicht nur in diesem Genre meisterInnenhaft reüssierende Marge Piercy und ihre Zukunftsvision „Woman At The Edge Of Time“, der Pordzik zurecht „höchste[s] literarische[s] Niveau“ bescheinigt.

Jedoch haben sich nicht alle Beitragenden dafür entschieden, Werke dieser Güte in den Blick zu nehmen. Patrick Ramponi befasst sich lieber mit Frank Schätzings unter dem Titel „Der Schwarm“ bekannt gewordenem Katastrophenkitsch für pubertierende Jungs, die heimlich den feschen Mädchen nachschauen.

Dass auch deutschsprachige AutorInnen ganz hervorragende „SAIÄNS-FIKTSCHEN“ schreiben können, weiß man allerdings spätestens seit Franz Fühmann, dessen „Doppelstrategie der Technik“ Chrstian Schobeß nachgeht. Nicht der reinen, also unbebilderten Literatur, sondern dem Comic respektive dem Film gelten zwei weitere Beiträge. Roland Graf geht den „Ängsten im Superhelden-Comic“ anhand des „Gothic Horror“ in Batmans Heimatstadt Gotham City auf den Grund und Thomas Weber thematisiert „Medien als Thema von Science Fiction-Filmen“.

Die HerausgeberInnen selbst widmen sich einem „Freizeitraum der Zukunft (Delabar) und der „Utopie der Liebe“ im Werk von Haruki Murakami (Schlieckau).

R. L.

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeiter / innen der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

Titelbild

Walter Delabar / Frauke Schlieckau (Hg.): Bluescreen. Visionen, Träume, Albträume und Reflexionen des Phantastischen und Utopischen.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2010.
312 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-13: 9783895287695

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