Bleisatzfuß und leichte Feder

Die neuen Stilkritiken sind die alten

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stilkritiken haben ihre Konjunkturen. In den Jahren 2004 bis 2008 feierte Bastian Sick große Erfolge mit seinen Büchern und sogar seinen Lesungen. Sick ist lediglich ein Stilkritiker, der öffentlich bekannt wurde. Von ihnen gibt es viele und ihre Ahnenreihe geht weit zurück. Willy Sanders hat sie alle gesichtet und mit dem einen oder anderen Zitat sowie Beispiel in seinen zahlreichen Kompendien aufgeführt und typologisiert. Wolf Schneider ist nicht so bekannt wie Sick, dürfte aber ungleich wirkungsmächtiger sein, denn er ist die Verkörperung deutschen Journalismus‘.

Wolf Schneider: Der Praktiker

Seit über 60 Jahren ist er im Medienbetrieb tätig, war in den 1950er-Jahren Korrespondent von Associated Press, bis Mitte der 1960er-Jahre Washington-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ und wechselte dann zum „Stern“, wo er erst Chef vom Dienst und dann Verlagsleiter wurde. 1971 ging er zu Springer und wurde 1973 Chefredakteur der „Welt“. Ende der 1970er-Jahre verließ er die Printmedien, bildete aber für sie aus. 16 Jahre lang, von 1979 bis 1995, war er Leiter der Hamburger Journalistenschule, die später auf den Namen „Henri-Nannen-Schule“ hörte. Von 1979 bis 1987 und von 1991 bis 1992 moderierte er die „NDR-Talkshow“. Seit 1995 gibt er Sprachseminare für Presse und Wirtschaft und ist er Ausbilder an Journalistenschulen.

Seine Bemühungen um Stilbildung bringt er seit fast 30 Jahren auch in Buchform unter die Leute. Schneider selber bezeichnet sich als den „meistgelesenen Stillehrer deutscher Sprache“, und wahrscheinlich stimmt dies sogar. Seine Bücher sind als alltagstaugliche Ratgeber aufgezogen, haben zackige Titel und beginnen meistens mit „Deutsch“. Nach dem „Deutsch für Profis“ (1982) folgte das „für Kenner“ (1987), dann das „fürs Leben“ (1994), und schließlich das „für Werber“ (1997). Sein „Handbuch für attraktive Texte“ heißt mit Haupttitel einfach nur „Deutsch!“ (2005), ein anderes fordert dazu auf, Deutsch statt Englisch zu sprechen (2008). Alle diese Bücher sind nur ein kleiner Ausschnitt aus seiner unermüdlichen Publizierwut. Hinzu kommen Sachbücher über Gott und die Welt sowie diverse Handbücher für und über den Journalismus.

Die Titel seiner Bücher klingen nach einem polternden journalistischen Selbstbewusstsein, dessen Überheblichkeit sich selten mit gutem Stil verträgt. Wenn es Schneider um „Muster für pfiffigen Journalismus“ geht, um die „Basis aller unverkrampften Kommunikation“, dann kann man den Eindruck bekommen, dass er im Bunde mit der so genannten Infotainment-Elite stünde. Aber im Vergleich zu etwas neueren Medienprodukten wie dem „Focus“ oder der „Financial Times Deutschland“ gehört Schneider – nicht nur vom Alter her – eher zum älteren Semester, und dies macht ihn sympathisch.

Er gibt konkrete Tipps und Anleitungen, wie man so schreiben kann, wie er es für angemessen hält und was somit seinem obersten Grundsatz folgt, der Verständlichkeit. Wie allgemein üblich wendet er sich gegen den Nominalstil, empfiehlt die aktivische Formulierung an Stelle der passivischen und warnt vor abgegriffenen sowie verrutschten Bildern. Schneider eigentümlich ist eine Abneigung gegen Adjektive und Synonyme. Alles soll kurz, knapp, präzise, klar und nüchtern sein; seine literarischen Vorbilder sind Luther, Lichtenberg, Heine, Büchner, Brecht, Kafka und Böll.

Einer der Aspekte, bei denen Schneider in Wallung gerät, ist das Einsickern englischen Vokabulars in die deutsche Sprache. Für dieses angebliche Problem gründete er vor Kurzem die „Aktion lebendiges Deutsch“. Er betont, kein Sprachreiniger zu sein und englische Ausdrücke nicht per se abzulehnen, sondern sie nach ihrer Brauchbarkeit zu selektieren. Aber seine Alternativvorschläge für das „Denglisch“ sind häufig unfreiwillig komisch bis lächerlich und verkrampft und wurden an anderer Stelle bereits gewürdigt (siehe: literaturkritik.de, 03/2008). Seine Kritik mündet in eine allgemeine Klage über den „Kulturverfall“, den „Amerikanismus“, über freche Schüler, die – man stelle sich das vor! – im Unterricht essen und die Baseballkappe (die sie auch noch falsch herum auf dem Kopf tragen) nicht abnehmen, im Besonderen und die ’68er im Allgemeinen. Den Deutschen attestiert er eine „Verliebtheit in exotische Rülpser, wenn sie nur aus Colorado oder Kalifornien stammen“. Dass Schneider bei der Wahl seiner Bilder ins Reich der unkontrollierten Ess-Laute ausschweift, ist bereits bezeichnend. Und wenn er beklagt, dass deutsche Intellektuelle bei ihrer Begeisterung fürs Englische „die Chance wittern, den Zweiten Weltkrieg Tag für Tag aufs Neue zu verlieren“, dann scheint er einer verpassten Chance hinterherzutrauern und den Vorwurf der Wehrkraftzersetzung zu reaktivieren.

Davon abgesehen leiden seine Ratschläge unter unaufgelösten Antinomien. Damit ist nicht das zunächst überraschende, dann aber sympathische Nebeneinander gemeint, einerseits zu Sachlichkeit, Kürze, Knappheit und Nüchternheit aufzurufen, andererseits aber sich zu sprachlicher Schönheit und künstlerischem Esprit zu bekennen. Sondern es geht beispielsweise darum, auf der einen Seite – durchaus autoritär – dazu aufzufordern, sich an seine Regeln zu halten, auf der anderen Seite aber einzugestehen, dass der kalkulierte Regelverstoß vor der Text-Ödnis bewahrt, die Schneider perhorresziert. Er will allgemeine Regeln und nicht nur Beispiele für guten und schlechten Stil geben – aber ihnen zu folgen, würde nur literarische Langeweile entstehen lassen. Seine allgemeinen Regeln sind nur abstrakte Umbenennungen bestimmter inhaltlicher Vorgaben. Was „witzig“, „saftig“, „verblüffend“, „Kraft habend“ oder „Sinn tragend“ sein könnte, das kann jenseits des konkreten Beispiels keiner wissen. Schneiders Forderungen sind pseudo-konkret.

Willy Sanders: Metastilistik

Dieses Problem potenziert sich bei Willy Sanders. Er ist emeritierter Professor für Deutsche Sprache und Germanistische Linguistik an der Universität Bern. Das vorliegende Buch wurde bereits 1996 und 2005 verlegt und seitdem immer wieder überarbeitet. Alle seine Veröffentlichungen behandeln die Themen Stilistik und Stilkritik. Wie bei Wolf Schneider auch überschneiden sich seine Publikationen; wenn man mehr als ein Buch liest, liest man oft doppelt. Mit „Gutes Deutsch“ hat er all die Bemühungen seiner vorhergehenden Einzelveröffentlichungen zu einer endgültigen Form gebracht.

In diesem Buch möchte er eine „praktische Stillehre“ entwickeln, also nicht nur Beispiele ex negativo, sondern der Stilistik endlich die wissenschaftliche Grundlage geben, die ihr bislang fehlte. Seine Stillehre soll normativ sein, aber von der Gegenwartssprache ausgehen. Das Stilideal, das er dabei vorgeben möchte, „muß allgemein genug sein, um als Leitidee für das gesamte Stilverhalten gelten zu können, und zugleich hinreichend konkret oder mindestens konkretisierbar, um auch als Maßstab für alle stilistischen Einzelregelungen zu dienen.“ „Guter Stil“ ist für ihn der Stil, der dem „Superprinzip“, der Anforderung „kommunikativer Adäquatheit“, willfährt: der „angemessenen Berücksichtigung aller an einem Kommunikationsakt beteiligten Kommunikationsfaktoren im Hinblick auf die bestmögliche Formulierung“. „Stilgefühl“, das sei dann schließlich die Kombination dieser Umstände und der Grammatik.

Was aber ist die „Angemessenheit in Ton und Sache“, auf die Sanders „das recht komplizierte Beziehungsgeflecht“ von Sender, Empfänger, Sprache und Text meint reduzieren zu können? Seine praktische Stillehre enthält sich weitgehend der Ratschläge, zu welchen Wendungen man nicht greifen sollte. Er handelt sich seine Probleme auf einer ganz anderen Ebene ein.

Mit „praktisch“ und „Stillehre“ hat Sanders bereits Wasser und Öl zusammengeschüttet. Das „praktisch“ verspricht, auf konkrete Anwendung der Lehre hin angelegt zu sein. Stil existiert eigentlich nur in actu. Er „bezeugt sich selbst, indem er erscheint“, so Alfred Behrmann in „Was ist Stil?“ Er gibt stets die Schwierigkeit auf, nur in der Praxis vorhanden zu sein – und gleichzeitig demjenigen, der Stil sucht, auch etwas Objektives zu sein, nämlich etwas, was das bloß Subjektive übersteigt, etwas, wonach man strebt und woran man sich messen kann. Stil ist ein Subjekt-Objekt. Sanders hingegen trennt den Stil von dessen Praxis, legt den konkreten Fall auf die eine Seite und die abstrakte Lehre auf die andere, und macht sich sodann daran, beide wieder miteinander zu vermitteln. Umständlicher kann man sich das, was bereits an sich ein Problem ist, nicht für sich präparieren. Und genau hieran: die sprachlichen Einzelfälle durch ein allgemeines Regelwerk zu präjudizieren, daran scheitert Sanders.

Infolge dessen schlingert er zum einen immer wieder zwischen einem Einerseits – Andererseits hin und her. Einerseits wirkt zu viel Subjektivität im Text zu prahlerisch – andererseits wirkt zu wenig davon antiquiert. Einerseits müsse man sich an Stilmuster halten und Stilebenen respektieren – andererseits ist genau dies öde und ist es Kennzeichen des guten Stilisten, den konvenierten Stil zu durchbrechen.

Zum anderen sind seine Anleitungen nichts als Pseudokonkretionen. Wenn „Klarheit“ durch „sachliche Eindeutigkeit“ und „Ordnung“ durch „gedankliche Organisation des Sachverhalts“ erklärt wird, dann werden nur Synonyme aneinander gereiht, nicht aber das eine durch das andere näher bestimmt. So geht es viele Seiten lang. Wie mache ich einen Text „stimmig“? Indem ich auf „Lückenlosigkeit, Folgerichtigkeit, Widerspruchsfreiheit und Unzweideutigkeit“ achte! Wie wähle ich den „treffenden Ausdruck“? Indem ich „ein einziges, eben an dieser Stelle allein richtiges Wort“ verwende! Wer hätte das gedacht! Und so springt das Gesuchte von einer Stelle zu anderen und findet immer einen Busch, hinter dem es sich verstecken kann. Die Kette, die dabei entsteht und die so endlos ist, so weit die Sprache reicht, verwechselt Sanders mit einer Erklärung.

Helmut Arntzen: Die Philosophie der Sprache

Helmut Arntzen, geboren 1931, war von 1968 bis 1996 ordentlicher Professor für neue deutsche Literatur und Direktor des Germanistischen Instituts an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Daneben war er Gastprofessor an der Ain Shams Universität sowie an der Al-Azhar-Universität in Kairo, an der Hebrew University in Jerusalem und er war Max Kade Distinguished Professor an der University of Kansas in Lawrence. Gegenwärtig ist er Mitglied der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, der Akademie-Stipendium der Stiftung Volkswagen-Werk und wissenschaftlicher Beirat der Germanistischen Studien Kairo. Die Stadt Klagenfurt verlieh ihm die Robert-Musil-Medaille.

Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören nicht nur Fachbücher zur Literaturwissenschaft, sondern er war auch als Essayist, Aphoristiker und Fabelautor tätig. Seine Arbeits- und Interessengebiete widmen sich vor allem dem Sprachdenken, dem Verhältnis von Sprache und Literatur sowie der Literaturtheorie.

Der vorliegende Band ist eine Aufsatzsammlung. Worauf er hinaus will, was er letztendlich meint, das bleibt an einigen Stellen dunkel – auch wenn seine Überlegungen, so weit man ihnen folgen kann, äußerst erhellend und bemerkenswert sind. Arntzen geht es um eine philosophische Reflexion auf Sprache; nicht um eine Sprachphilosophie, sondern – um eine Formulierung eines seiner Vordenker, nämlich Bruno Liebrucks’, aufzugreifen – um eine „Philosophie von der Sprache her“. Sprache ist für ihn dann Sprache, wenn Sprache als Sprache reflektiert wird. Arntzen wendet sich gegen das Nichtgedachte, gegen das Bewusstseinslose im Sprechen. Der Mensch konstituiere sich durch Sprache, denn diese sei seine Anschauungsform. Sprache konstituiert und erweitert das Bewusstsein, sie setzt und verändert Realität. Von hier aus erklärt sich Arntzens Verhältnis zur Sprachkritik: Nicht geht es ihm darum, einzelne Fehler anzukreiden, sondern um die Kritik der Verheerung der Sprache als ganzer. Wird Sprache zerstört, dann auch die Existenzgrundlage des Menschen.

Wie sehr Sprache, Denken, Sprachreflexion und die sprachlich konstituierte Anschauungswelt zusammenhängen, das kann man an dem Problematischen sehen, das in diesen basalen Formulierungen steckt: Denn deren sprachliche Form legt nahe, als gäbe es etwas Solides (ein ‚Eigentliches‘ gar?), das zerstört werden könnte. Aber gibt es nicht vielmehr nur historisch wandelbare, einander ablösende Formen, in denen sich der Mensch seine Existenzgrundlage sprachlich schafft? Was ist der Maßstab der Kritik, von dem aus Arntzen seine Sprachkritik betreibt? Nachvollziehbarer als die ominöse „Existenzgrundlage“ ist das Kriterium der Bewusstheit sprachlichen Umgangs. Hat der Mensch Klarheit über das, was er sagt, dann hat er sie auch über sich selbst.

An der Erfindung / Entstehung des „Faktums“ kann er zeigen, dass die Transformation respektive Verheerung der Sprache und damit der Welt an breiterer Front geschieht denn nur im Journalismus. Denn die Idee des Faktums findet sich auch in allen Wissenschaften, sie ist eine allgemeine Denkform geworden. Dadurch, dass der Journalismus ein Ereignis als Faktum präsentiert, löst sich die Welt auf in ein Nebeneinander von Fakta.

Angelehnt an Karl Kraus soll Arntzens Medienkritik „fundamental und strukturell“ sein, doch krankt sie – wie wahrscheinlich alle Medienkritiken – daran, Substanz und Akzidenz miteinander zu verwechseln. Dass Journalisten oberflächlich und schluderig schreiben, ist eine Verfehlung des je einzelnen Schreiberlings, nicht des Mediums an sich. Auch die ökonomischen Motive wie Zwang zur Periodizität und zur Konkurrenz lassen sich innerhalb bestehender Strukturen als lösbar denken respektive auf die Anspruchslosigkeit der Konsumenten abwälzen. Auch Arntzens Kritik der Instrumentalisierung der Sprache zeigt weniger inhaltlich die Resultate der Instrumentalisierung auf, als sie vielmehr einen bestimmten kulturkritischen Reflex aktiviert: dass etwas für und durch etwas anderes verwendet wird, für das es eigentlich nicht zur Verfügung stehen sollte.

Titelbild

Wolf Schneider: Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.
256 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-13: 9783499624636

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Willy Sanders: Gutes Deutsch - besseres Deutsch. Praktische Stillehre der deutschen Gegenwartssprache.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009.
294 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783534231546

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Helmut Arntzen: Sprache, Literatur und Literaturwissenschaft, Medien. Beiträge zum Sprachdenken und zur Sprachkritik.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
241 Seiten, 44,80 EUR.
ISBN-13: 9783631589373

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Titelbild

Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis. Wie man gut und lebendig schreibt.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2010.
192 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783871346729

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