„Wenn halt des Luader nemme will“

Sebastian Blaus Mundart-Gedichte sind eine Fundgrube

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwischen 1933 und 1981 hat Sebastian Blau, der am 8. September 1901 in Rottenburg am Neckar als Josef Eberle geboren wurde und am 20. September 1986 an seinem Altersruhesitz in Graubünden starb, seine schwäbischen Gedichte in sieben Bänden publiziert. Nach der Mittleren Reife beginnt Eberle eine Buchhändlerlehre bei Heckenhauer, jener Buchhandlang in Tübingen, in der zwei Jahrzehnte zuvor bereits Hermann Hesse gelernt hatte. Nach Stationen als Buchhändler in Berlin, Stuttgart, Karlsruhe, Baden-Baden, Leipzig und Paris wird der als Tyll und Pickelhering in der Sonntags-Zeitung bekannte Autor ab 1927 Lektor, danach Leiter der Vortragsabteilung des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart. Ab 1931 erscheinen Mundartgedichte in Zeitschriften und Rundfunkbeiträgen. Im Juni 1933 wird Eberle, der 1929 die Jüdin Else Lemberger geheiratet hatte, entlassen und für sechs Wochen als „Schutzhäftling“ im KZ Heuberg inhaftiert. Im selben Jahr erscheint unter dem Pseudonym Sebastian Blau und dem Titel „Kugelfuhr“ sein erster Band mit schwäbischen Gedichten. Zur Zeit der Naziherrschaft erscheinen noch „Feierobed“ (1934) und nach dem Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer der Band „Schwäbisch“ (1936).

Eberle arbeitet zwischen 1936 als Angestellter beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart und ab 1942 als Bibliothekar und Korrespondent der Württembergischen Feuerversicherung. Als seine Frau Ende Januar 1945 ins KZ deportiert werden sollte, taucht das Paar unter. Im September 1945 wird Eberle Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung. 1946 erscheinen seine „Schwäbischen Gedichte“, dann 1973 „Schwäbischer Herbst“. Die lange Pause begründet der Autor selbst: „Warum ich nicht mehr schwäbisch dichte / ‚en ao’sre süaße Na’setö’?‘ / Erlaßt mir, Freunde, die Geschichte – s ist älles bloß e’ Weile schö’… / Und überhaupt schon Mörike / sprach dazu das Gehörige: / gefragt, warum er denn so still, / so untreu worden sei der Muse, / versetzte dieser kühl: ‚frog du se – / wenn halt des Luader nemme will…“

1975 erscheinen „Die trauten Laute“, 1978 „Dr Hase em Pfeffer“, der beispielsweise diese „Kleine Ballade“ enthält: „Koa’ Schuuz, koa’ Rock ist vor em sicher gsei’. Jatz ist r taot. Ond trotz em Leicheschei’ hot s Weib deam Schwerenöter noh et traut – ma’ woaß jo wia bei so re’ leichte’ Haut… Des Grab muaß nohmol uf! Se geit koa’ Ruah. Ma’ tuat s, se stoht debei ond gucket zua. Ma’ fendt de’ Sarg, zwoa Meter tiaf o’gefähr, ond lupft de’ Deckel: Do! Dr Sarg ist leer! Nao uf em Bode’ leit e’ Blatt Papier, ond dodruff stoht – de Alt verzwazzlet schier: ,I be’ drui Gräber weiter beim Fräule Seiter.‘“

1981 erscheint schließlich „Sebastian Blau’s Schwobespiagel“. Lange Zeit waren die sieben Bände vergriffen. Nun liegen die Gedichte in einer Gesamtausgabe wieder vor. Die Herausgeber Eckart Frahm und Rolf Schorp haben nicht nur die 375 bekannten Gedichte der Erstausgaben zusammengetragen, sondern auch 125 verstreut publizierte Gedichte des vielfach geehrten Tübinger poeta laureatus wieder zugänglich gemacht. Die ansprechend aufgemachte Fundgrube mit entsprechenden Anmerkungen und Erläuterungen rundet eine Doppel-CD ab, auf der Sebastian Blau 70 seiner Gedichte selbst spricht. Diese Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1968, wurden damals jedoch nicht gesendet. Alles in allem eine Trouvaille, die die Mundart-Gedichte Blaus buchstäblich zum Klingen bringt.

Titelbild

Rolf Schorp / Eckhart Frahm (Hg.): Sebastian Blau. Die Gedichte.
inklusive zweier Cds »Josef Eberle spricht schwäbische Gedichte von Sebastian Blau«.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2009.
560 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783940086396

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