Einfach mal abschalten

Nicholas Carr geht in „Wer bin ich, wenn ich online bin… und was macht mein Gehirn solange?“ der Frage nach, wie unser täglicher Internetgebrauch unser Denken verändert

Von Jutta LadwigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jutta Ladwig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Studien zufolge verbringen wir Deutschen durchschnittlich zweieinhalb Stunden im Internet. Wir klicken uns mit Google durch die ganze Welt, halten unsere Freunde via Twitter oder Facebook auf dem Laufenden, was wir gerade so machen, flirten oder plaudern in Chatrooms oder schreiben uns gegenseitig E-Mails.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass das Internet unser Leben ungemein erleichtert und uns viele Vorteile bietet, auf die wir sonst verzichten müssten. Doch der US-amerikanische Publizist Nicholas Carr schlägt in seinem neuen Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin… und was macht mein Gehirn solange?“ Alarm: Neuesten Studien zufolge verändert Surfen im Internet unsere Gehirnstrukturen – und das bereits nach einer Stunde.

Diese Veränderungen stellte Carr bei sich selbst fest und beschreibt die Symptome wie folgt: „Während der letzten paar Jahre beschlich mich immer wieder das unangenehme Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas an meinem Gehirn herumgepfuscht, die neuronalen Schaltkreise neu vernetzt und mein Gedächtnis umprogrammiert hatte. Einst fiel es mir leicht, mich in ein Buch oder einen langen Artikel zu vertiefen und ich konnte mich stundenlang mit Prosa beschäftigen. Heute ist das nur noch selten der Fall. Nach einer oder zwei Seiten schweifen meine Gedanken ab.“

Bestätigung fand Carr bei Freunden und Bekannten, denen es ähnlich ging. Doch woher kommt dieser Mangel an Konzentration, warum neigen wir zu oberflächlichem Lesen und warum verschlechtert sich unser Gedächtnis? Carr glaubt den Schuldigen gefunden zu haben: das Internet. Er begründet seine These damit, dass wir durch die Fülle der Informationen, die im Internet jederzeit abrufbar sind, überfordert sind. Unser Gehirn könne all die akustischen Signale, Bilder oder Videos, die auf einer Webseite erscheinen, nicht richtig verarbeiten, da sie uns beim Lesen permant Ablenken.

Carr führt neurologische und psychologische Studien auf, die seine Behauptung bestätigen: „Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung, die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert. Freilich ist es möglich, beim Surfen im Netz angestrengt nachzudenken, doch es ist nicht die Art von Denken, die von der Technologie gefördert und belohnt wird.“

Dies habe direkte Auswirkungen auf unser Gehirn, so Carr, denn wie man durch häufiges Wiederholen eine bestimmte Technik einstudieren könne, so passe sich auch die Art des Denkens an: Wenn die Zerstreuung also tatsächlich zum Normalzustand würde, verlernten wir das kontemplative Denken.

Carr relativiert jedoch seine erschreckende Erkenntnis, indem er verschiedene Entdeckungen der Menschheitsgeschichte aufzählt, welche unseren Denkprozesses veränderten – zum Positiven. Natürlich darf auch die Schrift hierbei nicht fehlen, genausowienig wie die Uhr, die Landkarte und der Buchdruck. Carr schlägt hier die Brücke zu Google, die mit ihrem umstrittenen wie ehrgeizigen Projekt Google Books die größte digitale Bibliothek bereitstellen will, die der Internetnutzer jederzeit auf bestimmte Schlagwörter durchsuchen kann.

Doch Carr bezweifelt, dass sich unsere geistigen Fähigkeiten durch das Internet verbessern, denn eine Suchmaschine könne nur einen beschränkten Blick auf ein bestimmtes Thema bieten, da sie nur die beliebtesten oder aktuellsten Beiträge berücksichtigt: „Häufig lenkt eine Suchmaschine unser Augenmerk auf einen bestimmten Textausschnitt, ein paar Worte oder Sätze, die für das im Augenblick Gesuchte besonders relevant sind. Der Anreiz, das jeweilige Werk ganz zu lesen, bleibt indes relativ gering. Wenn wir das Netz durchforsten, sehen wir den Wald nicht. Wir sehen noch nicht einmal die Bäume. Wir sehen Zweige und Blätter.“

Der Autor untermalt seine Thesen mit Studienergebnissen von Neurologen, Psychologen und Computerspezialisten. Dennoch vermeidet er den Fachjargon, seine Ausführungen sind leicht verständlich und nachvollziehbar ausgearbeitet, was „Wer bin ich, wenn ich online bin…“ zu einer unterhaltsamen wie aufschlussreichen Lektüre macht.

Doch schadet das Internet wirklich unserem Denken? Carrs Thesen polarisieren, Experten bemängeln, dass sich seine Behauptungen trotz der angeführten Studien nicht belegen lassen. Es wird kritisiert, dass die Gesellschaft nicht miteinbezogen wurde, denn hier spielt sich die Internetnutzung ja ab: Auch der Internetnutzer vor dem Computer trägt eine Verantwortung. Dies vernachlässigt Carr, der selbst beschreibt, wie er sich vom Intenet abhängig macht, sei es das Checken von E-Mails oder der eigene Blog. Das Internet alleine für unseren geistigen „Verfall“ verantwortlich zu machen, ist einseitig und nicht gerechtfertigt. Carr selbst nennt viele Vorteile des World Wide Webs, die für unsere Zeit prägend sind. Doch egal, ob er recht hat oder nicht, sein Buch regt dazu an, eigene Internetgewohnheiten genauer unter die Lupe zu nehmen. Zwar mag es für viele Menschen bereits ein Ding der Unmöglichkeit sein, auf das Internet und seine Vorzüge zu verzichten, aber vielleicht ist weniger Internet doch mehr. Und in einem Punkt ist Carr definitv zu widersprechen: Nicht das World Wide Web ist Herr über uns, denn uns bleibt immer diese eine Option, dem entgegen zu wirken: den Computer oder das Handy einfach mal abschalten.

Titelbild

Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin... ... Und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert.
Übersetzt aus dem Amerikanischen Englisch von Henning Dedekind.
Karl Blessing Verlag, München 2010.
383 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674289

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