Ilja, Tag und Nacht

Marica Bodrozic lotet in ihrem eigensinnigen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ die Abgründe einer schmerzhaften Selbstwerdung aus

Von Monika StranakovaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Stranakova

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Soviel vorweg: Marica Bodrozics Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ ist ein etwas verwirrendes Buch. Auf den ersten Blick ist es ein zu lang geratener Monolog einer jungen Frau, die wegen eines Mannes „in allem von [ihrer] Perspektive abgerückt“ ist. Nun ist die Liebe gescheitert und die eigene Person ein Rätsel. Man blickt zurück in der Hoffnung, verschüttete Reste des früheren Ichs ausfindig zu machen. Was folgt, ist exzessives Erzählen, das die Gesetze der Erzählkunst außer Kraft setzt. Halbwegs Erinnertes wird mit überflüssigen Details überfrachtet, sogar die spärlichen Fakten erscheinen durch die eigenwillige Logik des Textes fraglich. Man kann sich streckenweise des Gefühls nicht erwehren, dass die Autorin vorher selbst nicht weiß, welchen Verlauf die Geschichte nehmen wird. Wenn es eine Arbeitsmethode sein soll, dann ist es eine durchaus faszinierende.

Die Ich-Erzählerin heißt Nadeshda und sie hat sich ihren Namen selbst ausgesucht. Sie ist, wie Nadeshda Mandelstam, von der sie ihren Namen nicht haben soll, die große Liebende: „In der Liebe dient man nur. Diese Art Dienst ist freiwillig und macht schön. Wer einmal reflexartig gehorcht hat, der weiß, dass Gehorsam hässlich macht. Und doch hat die Liebe zu Ilja mich an die Grenze zu beidem gebracht.“ Unterwegs nach Amsterdam, zu einem ihrer wenigen Treffen zwischen Split, New York und Moskau, fantasiert sie sich ihrem Liebsten entgegen. Während des Wartens auf seine Sätze und auf seine Hände werden die Konturen einer Beziehung sichtbar, die von Anfang an keine ist. Denn Ilja ist verheiratet und zumeist als „Gedankenbesucher zu Gast“. Wie oft sie die „Kopfparadiese“ mit der Wirklichkeit verwechselt hat, bleibt dem Leser allerdings unklar. Doch auch dies hat bei Bodrozic Methode, heißt doch Erinnern Abtauchen in fremdartige Sphären, in denen es keine Gewissheiten nur Möglichkeiten gibt.

Aus der Rückschau Fragen zu stellen birgt die Gefahr, auch Traumatisches zutage zu fördern. Auf die unzähligen, realen wie fiktiven Glücksmomente mit Ilja legt sich der Schatten einer privaten Katastrophe, auf die mit dem poetischen Titel des Romans angespielt wird: Der Vater war ein Kindermörder, der im dalmatischen Heimatdorf von seiner Frau gedeckt sein Unwesen trieb und sich später durch die Flucht nach Amerika der Gerechtigkeit entzog. Das Kindheitstrauma erschließt sich dem Leser nur zögernd und bleibt, nicht zuletzt wegen der Bedeutungsschwere, mit der über das Geheimnis berichtet wird und die eine glaubwürdige Einbettung des Handlungsfadens verhindert, ein irritierender Moment des Romans.

Teil des uferlosen Redeflusses sind auch die Gespräche mit Arjeta, einer Freundin, die, wie Ilja, aus Sarajevo kommt und die Nadeshda in Paris kennen gelernt hat. Sie ist eine anteilnehmende und konzentrierte Zuhörerin, und das nicht nur in Liebesdingen. So kreisen zwar ihre Gespräche immer wieder um das Wesen (und Unwesen) des geliebten Mannes, aber auch um Sehnsucht, Freundschaft, Betrug und die Zerbrechlichkeit des Glücks. Wenn Nadeshdas Thema die Liebe ist, dann ist Arjetas der Tod. Auch sie hat an ihrem Schicksal schwer zu tragen, starb ihr kleiner Bruder während des Bosnien-Krieges in ihren Armen, nachdem ihm eine Granate die Füße zerfetzt hatte. Schließt sie die Augen, sieht sie das alte Sarajevo. Wird sie vom Schmerz der Erinnerungen überwältigt, backt sie Apfelkuchen.

Durch die Wiederaufnahme und Fortführung ist auch dieses europäische Trauma im Roman stets präsent. Angesichts der jugoslawischen „Vogelkinder“, die wie Arjeta „in der Heimatlosigkeit der Luft fliegen lernten“, kommt sich die Ich-Erzählerin wie ein „schicksalsloser Mensch“ vor. Schweigen und Verdrängen oder Reden und Annehmen, auch das steht hier zur Debatte. Arjeta strebt ein Leben im Jetzt an; für Nadeshda ist Vergessen keine Option: „Etwas zu erzählen, das ist meine Art, die Welt zu verstehen, sie auszuhalten, in ihrer Form und Verhüllung.“

Man muss Marica Bodrozics Roman unvoreingenommen lesen, um auch seine Brüche und kryptischen Passagen, die nie wirklich undurchdringlich sind, genießen zu können. Bloße Willkür ist dieses jede Zielgerichtetheit vermeidende Erzählen nicht. Wenn die divergierenden Einzelheiten zu keinem einheitlichen Ganzen zusammengefügt werden, dann nur, weil es für die Autorin keine Eindeutigkeiten gibt. Die Welt ist trügerisch und manchmal ist es – zumindest für die Literatur – auch gut so.

Titelbild

Marica Bodrozic: Das Gedächtnis der Libellen. Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2010.
253 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783630873343

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