Dunkle Vergeltungssucht

James Sallis’ „Dunkle Vergeltung“ hat einen unglaublich dämlichen Titel, ist aber trotzdem ein guter Krimi

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass James Sallis gute Krimis schreibt, ist auch in deutschen Landen mittlerweile einigermaßen bekannt. Wer wollte, konnte sich an den bereits auf deutsch erschienenen Büchern von Sallis’ Schreibkunst überzeugen („Driver“, „Deine Augen hat der Tod“, „Dunkle Schuld“). Insofern ist dem Heyne Verlag für seine Mühen zu danken. Immerhin trägt er zu unterhaltsamen Krimilektüren bei.

Wieso allerdings der Verlag solche Titel durchwinkt, ist wohl eines der unerklärlichen Geheimnisse der Krimibranche, und da helfen auch kein Ermittlergenie und kein hackender Nerd. Wie aus „Cripple Creek“ „Dunkle Vergeltung“ wird, wird wohl unerklärt bleiben. Am Ende steht sogar eine Marketingstrategie dahinter, die möglicherweise auf ein Publikum hofft, das ansonsten Vampirromänchen liest oder auf andere undurchsichtige (dunkle?) Merkwürdigkeiten steht. Dächte man noch weiter nach, würden einem vielleicht noch mehr Unappetitlichkeiten einfallen – und sie haben trotzdem ein gewisses Maß an Wahrscheinlichkeit. Da wird es auch nicht helfen, wenn man denjenigen, der dafür verantwortlich ist, zu vier Wochen Kishon-Lektüren verurteilen würde (Stufe zwei in Sachen Lektüren-Vorhölle).

Das Wort „dunkel“ gehört außerhalb des Beleuchtungsthemas sowieso aus dem Wortschatz getilgt: dunkle Geheimnisse, dunkle Vergangenheit, dunkle Schuld, dunkle Zimmer, finstere Gesellen und so weiter. Was „Dunkle Schuld“ sein soll? Keine Ahnung. Aber nun auch noch „Dunkle Vergeltung“.

Wahrscheinlich interessiert es niemanden, aber der Rezensent hat weder eine dunkle Vergangenheit noch ungewöhnliche dunkle Gedanken. Es wird ihm nur manchmal schwarz vor Augen, wenn er mit allzu großen Dämlichkeiten konfrontiert wird (das nennt man Wegducken). Aber das scheint den Titeltextern der Verlage egal zu sein. Sie sollten mehr Verantwortung übernehmen, und zwar ziemlich helle, wenn es bitte sein soll. Auch um den Büchern, die sie so verhunzen, die Behandlung zukommen zu lassen, die ihnen zukommt. Da gibt es Autoren, die sich Mühe geben mit Plot und Dialog, Übersetzer, die sich an der unmöglichen Aufgabe abarbeiten, den Sound eines Autors in eine andere Sprache zu übersetzen, da gibt es Grafiker, die einen Buchumschlag schön zu machen versuchen, die Produzenten suchen Papier aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern und Material aus anderen kontrollierten Herkünften aus, die Drucker geben sich ebensolche Mühe wie die Buchbinder, alles wird hübsch – und dann textet jemanden einen der Dunkeltitel plus Vergeltung drauf. Alles umsonst.

Aber vielleicht lesen Leser alles Mögliche, nur keine Titel? Wer kann das wissen. Wenn es nun doch Menschen gibt, die auf einen solchen Titel anspringen – will man zu ihnen gehören, indem man denselben Roman liest wie sie?

Und dennoch, Sallis’ Roman ist ein ungemein gelungener Krimi, gerade weil er ein bisschen am Plot gedreht hat und weil wunderbar lakonisch zu erzählen vermag.

In einer kleinen Stadt hält der Sheriff einen Mann an, der sich an kein Geschwindigkeitslimit hält. Aus dem Strafzettel wird eine Verhaftung, weil der Fahrer des Wagens Rabatz macht. Aus der Verhaftung wird einer ernstere Sache, als die Polizisten den Wagen untersuchen und eine Tasche mit 200.000 Dollar finden. Das meldet man und dann sieht man weiter.

Nur eskaliert das Ganze: Als der Held des Krimis, ein Ex-Cop und Ex-Therapeut aus Memphis namens Turner, der neuerdings und gegen seinen Willen als Deputy in dem Kaff arbeitet, am nächsten Morgen in die Polizeistation kommt, liegen der Sheriff und eine Sekretärin niedergeschlagen auf dem Boden. Der Gefangene und das Geld sind weg.

Und damit fängt die Geschichte an. Denn Turner, der sich nach einer aus dem Ruder gelaufenen Schießerei aus Memphis verabschiedet hat, kehrt nun in die große Stadt zurück, weil er die zu Strecke bringen will, die seine Kollegen so zugerichtet haben.

Er macht dabei Stippvisite in seinem alten Revier, ist mit seiner Sache erfolgreich, lernt sogar seine Tochter kennen und kehrt wieder heim. Alles könnte also gut sein, aber Leute, die wegen 200.000 Dollar ein Polizeirevier überfallen, lassen sich nicht gern von einem Provinzcop schurigeln. Also schicken die Herren immer wieder mal einen Killer los, zwar allesamt Profis, die Turner dennoch allesamt souverän erlegt. Dabei kommt es jedoch zu Kollateralschäden, das heißt, Turners Geliebte Val wird erschossen. Und damit ist dann Schluss.

Aber es ist nicht Turner, der für Ruhe sorgt, die dann am Ende einkehrt – und damit soll mit den Enthüllungen zum Plot auch schon Schluss sein. Sallis ist ein Meister in der verschleppten Erzählung, zumindest haben die beiden Übersetzer Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger einen schönen Erzählton getroffen. Sallis liebt Aussparungen und kleine Exkurse, die jedoch schnell wieder zurück zum Hauptstrang führen. Und Sallis liebt das Understatement. Eine konventionelle Erzählform wie die Ich-Erzählung zum Leben zu erwecken, ist nicht einfach, Sallis ist es gelungen, ohne dass der Text speckig oder allzu überheblich wirkt. Umso schlimmer der Titel, der nach dunkler Vergeltung schreit.

Titelbild

James Sallis: Dunkle Vergeltung. Roman.
Überarbeitet von Angela Kuepper.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2010.
236 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-13: 9783453434110

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch