Der kanonische Rang eines Klassikers

Ernst Jünger – mehr als eine Bilanz in einem neuen Sammelband

Von Gabriele GuerraRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gabriele Guerra

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Immer wieder kehrt die Forschung über Ernst Jünger zu dem etablierten Urteil zurück, dass die Schriften – und vor allem die Romane –, die Ernst Jünger nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gefasst hat, längst nicht so interessant seien wie seine literarische und nicht-literarische Vorkriegsproduktion. Und in der Tat: Wenn es darum geht, eine wissenschaftliche Bilanz über Jüngers Schreiben, Denken und Leben zu ziehen, begegnet man meist einer literarischen Figur, die sich zwischen dem Kriegsfreiwilligen, dem politischen Agitator in der Weimarer Republik und dem verkappten Widerständler des nationalsozialistischen Lagers bewegt, also eine Figur, die die „Entscheidungsjahre“ 1914-1945 tiefgründig wiedergibt.

Jüngers Schriften aus dieser Zeit können sogar, wie er selbst sagte, als „Altes Testament“ bezeichnet werden, wie die Herausgeber dieses Sammelbandes – Ergebnis einer Jünger-Tagung, die 2009 in Polen stattfand – in ihrem Vorwort in Erinnerung rufen. Und doch sind die Herangehensweisen an Jüngers Werk vielgestaltiger als früher, unterstreichen sie weiter, „auch für den Umgang mit seiner Person in der zweiten Hälfte des zurückliegenden Säculums und den Schriften jener Zeit“. Daraus ergibt sich eine Figur, die zweifellos zu den wichtigen Protagonisten des deutschsprachigen Schrifttums des 20. Jahrhunderts zählt. Doch „Fundamente“ (so die erste Sektion des Sammelbandes) meint hier zunächst Jüngers frühe Tätigkeit (Hans-Harald Müller, „Ernst Jüngers Frühwerk im Kontext der literarischen Moderne der zwanziger und frühen dreißiger Jahre“), andererseits aber auch den Begriff der Mobilmachung aus der Weimarer Zeit (Harro Segeberg, „Mediale Mobilmachung – Ernst Jünger in der Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts“). Sowohl Müller als auch Segeberg können zeigen, dass Jünger dort seine tiefste Wirkung auf die (nicht nur literaturgeschichtlich konzipierte) Gegenwart hat, wo er auch intellektuell am leistungsstärksten ist, nämlich in der „forcierten Akzelerationsphilosophie“ und „eschatologische[n] Erwartung“ der 1920er-Jahre (Müller), sowie in deren mediengeschichtlicher Bedeutung, also in der gegenseitigen Achse einer „politische[n] Funktionalisierung des Medialen“ und einer „mediale[n] Funktionalisierung des Politischen“, was selbstverständlich nicht nur charakteristisch ist für die Zeit des „Totalitarismus“, die im Zentrum des Aufsatzes Segebergs steht.

Auf dieser Grundlage überbieten die vielen anderen Beiträge einander und dokumentieren die facettenreiche Aktivität Jüngers ad libitum, wie sie sich zwischen Geschichts- und Naturstudium, stereoskopischer Sichtweise und mechanistischen Vorstellungen, Sprachphilosophie und Theologie, und schließlich zwischen Literatur und Politik entrollt. Auf diese Weise entsteht das Bild Ernst Jüngers als einem homo universalis, der Philosoph, Schriftsteller, Naturbeobachter, politischer Agitator und Reiseberichterstatter zugleich ist.

Dazu tragen viele Wissensbereiche bei: von einer autorbezogenen Literaturwissenschaft bis hin zu den vielen Varianten der Philosophie, über die Mentalitäts-, Geschlechts- und Rezeptionsgeschichte. Wenn übrigens die Rezeption von Jüngers Werken jetzt als europaweit gelten kann (wie Helmuth Kiesel registriert), gilt es auf die bedeutende Rolle von Italien und Osteuropa aufmerksam zu machen, das heißt nicht mehr nur Frankreich ist als nicht-deutschsprachiges Rezeptionsland zu nennen.

Neue Forschungsperspektiven sehen dann so aus, dass man sich der Rekonstruktion einiger in Vergessenheit geratener oder wenig bekannter Beziehungen von Ernst Jünger widmet und seine Kontakte zu den verschiedensten Intellektuellen Europas, die er in seinem langen Leben pflegte, in Erinnerung ruft: Henri Plard, Julius Evola, Gustaw Herling, Valeriu Marcu, Mircea Eliade, Gotthard Günther und viele andere aus einem intellektuellen Vor- und Nachkriegsmilieu. Und immer ragt dabei Ernst Jünger wie eine Sonne im Zentrum dieses kulturkonservativen Kosmos heraus. Dass diese Kreise nicht rein literarischer Natur sind, belegt nur, dass Jüngers Interessen wesentlich außerliterarisch waren. In diesem Sinn umso interessanter ist der Ausblick, den Helmuth Kiesel in seinem Aufsatz „Tendenzen der publizistischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ernst Jünger und seinem Werk“ skizziert. Zufrieden stellt er fest, dass „heute […] Jüngers Werke zum behandlungswürdigen Korpus der Moderne [gehören], und manche seiner Texte […] kanonischen Rang“ haben. Dies ist deshalb interessant, weil die aktuellste Jünger-Forschung differenziert, aber stark zersplittert ist und sich jetzt der Aufgabe stellen muss, die mehr oder weniger philologischen Lücken eines Klassikers zu füllen, ohne sich dabei einer kritischen Gesamtbilanz zu entziehen. Wie so etwas ideal gelingen kann, zeigt Wojciech Kunicki („‚Pulsationen‘ bei Ernst Jünger“), der eine Kriegsrede von Gabriele D’Annunzio von 1915 zitiert, da in deren deutscher Ausgabe zum ersten Mal in Deutschland die Bezeichnung „Stahlgewitter“ auftaucht und damals wahrscheinlich von Jünger aufgenommen wurde. Er wirft somit neues Licht auf die Entstehungsgeschichte des bekanntesten Buches Jüngers.

Man kann zusammenfassend sagen, dass die Jünger-Forschung nun da angekommen ist, das vielfältige Profil von Jünger selbst widerzuspiegeln, mit allen Vor- und Nachteilen, die dies mit sich bringt: Positiv ist, dass dadurch neue, sehr spezifische Gesichtspunkte seines Œuvres offen gelegt werden; gefährlich ist dabei, dass sich die Beobachtungen in Details verlieren können. Jünger droht damit zum Klassiker zu werden, dessen Bedeutung nicht mehr hinterfragt werden muss. Eines steht aber fest: dass Ernst Jünger als „zwar produktiver, aber unbequemer Autor“, wie Heimo Schwilk in dem zweiten Ausblick-Beitrag „Ernst Jünger: Versuch einer Bilanz ‚Ernst Jünger und sein Verleger Ernst Klett‘“ sagt, stets zu neuen Perspektiven herausfordert, ist sicher eine Garantie dafür, dass dieser Schriftsteller auch noch in Zukunft der Forschung neue Wege öffnen wird.

Titelbild

Wojciech Kunicki / Natalia Zarska / Gerald Diesener (Hg.): Ernst Jünger - Eine Bilanz.
Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2010.
536 Seiten, 99,00 EUR.
ISBN-13: 9783865834522

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