Teamwork

Michael Connelly lässt in „Sein letzter Auftrag“ ein Ermittlerteam gegen zwei Serienkiller antreten, die zusammenarbeiten

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ermittler- und Serientäterteams sind im Krimigenre nichts Seltenes. Zwar haben die Obsessionen der Killer selbst wieder etwas entschieden Subjektives an sich, das eigentlich einen Partner ausschließt. Aber nicht anders als der Emperor in „Star Wars“ sich seinen Adlatus hält („my young apprentice“, wahlweise Anakin oder Luke Skywalker), so hat auch der überaus intelligente und kompetente Serienkiller in Connellys Krimi seinen jungen Lehrling, der für ihn zugleich den Laufburschen macht. Auch Darth Vader muss ja in die weite Galaxis hinaus und Aufständische jagen, während sein „Master“ daheim sitzt und alles vorausahnt und plant. So auch Carver, der technische Leiter einer Hostingfirma, der die Daten, die in seinen Servertürmen gebunkert werden, dazu nutzt, seine nächsten Opfer zu finden.

Seinen Schüler Stone schickt er los, um die Drecksarbeit zu erledigen. Die gemeinsame Neigung zur dunklen Seite der Macht – hier langbeinige Tänzerinnen, denen sie mechanische Gehhilfen anlegen und die sie mithilfe eines Plastiksacks ersticken – fesselt sie aneinander. Aber der Master kann mit seinem Schüler nicht zufrieden sein, zu ehrgeizig ist der, zu wenig gehorcht er den Befehlen seines Herrn, zu viel Selbständigkeit in Verbindung mit Leichtsinn und Dummheit – keine gute Kombination. Also wird auch diese Geschichte nicht gut enden.

Anders hingegen das Team, das der gerade entlassene Polizeireporter Jack McEvoy (zwei Wochen hat er noch) und die FBI-Agentin Rachel Walling (wird zwischendurch auch mal entlassen) bilden. Die beiden waren bei einem früheren Fall bereits ein Paar, sie werden es schon wieder, und sie sind natürlich am Ende erfolgreich. Es liegt in der Natur des Serienkillerkrimis, dass der Serienkiller am Ende erlegt wird (Hannibal Lecter ist dabei fast eine Ausnahme). Die beiden sind nicht „Master and Servant“ und spielen es auch nicht, sondern sie ergänzen einander perfekt, wie sie nicht müde werden zu betonen. Mal sehen, ob Connelly aus ihnen demnächst ein Detektivduo machen wird, wie sie sich im Scherz ausmalen.

(Es ist überhaupt ein schöner Zug in Connellys fiktiver Welt, dass sie immer wieder Bezüge zu anderen, ehemaligen Protagonisten und Fällen herstellbar macht, die in früheren Romanen aufgetaucht sind. So erwähnt McEvoy gelegentlich, dass er einige Artikel über einen Anwalt geschrieben habe, der von einem seiner Mandanten in einem Town Car herumgefahren wird, statt im Büro zu sitzen. So zu lesen in Connellys im letzten Jahr in Deutschland erschienenen Roman „So wahr uns Gott helfe“ (siehe literaturkritik.de Nr. 02-2011). Es sieht so aus, als arbeite er an einem spezifischen Gesamtentwurf, der sich am Ende zu einem Schaubild unserer eigenen Welt zusammenfügt.)

So einander gegenüber gestellt wird eine Schwäche in Connellys Konzept erkennbar, so mitreißend dieser Krimi auch erzählt sein mag: Er ist zu sehr geplant und zu geometrisch angeordnet. Damit wird am Ende zu vorhersehbar, was aus all dem herauskommt. Die Auszeichnungen der Figuren zeigen zu stark an, wie sie enden und ob sie erfolgreich sind. Daran ändert auch nichts, dass Connelly sich auf Außenseiter und Sonderlinge konzentriert, die aus dem normalen Rahmen fallen. McEvoy und Walling sind solche randständigen Figuren, die aber zugleich – wie um das zu kompensieren – mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet werden: die FBI-Agentin, die sieht, was andere nicht sehen, der Reporter, der fragt und dran bleibt, wo andere schon lange zum nächsten Text übergegangen sind.

Die Neigung zur Überauszeichnung wird allerdings durch eine Erzählung überdeckt, die von hohem Unterhaltungswert ist und von Connellys enormer Professionalität zeugt. Der Mann kann erzählen, und er baut lange Spannungsbögen. Auch wenn Kontingenz nicht seine Sache ist, erhalten seine Geschichten immerhin soviel an Kompliziertheit, dass sie nicht unterkomplex erscheinen, sondern beständig signalisieren: So ist die Welt nun mal. Sie ist schlecht, sie ist gut, aber wer sich darin zu bewegen weiß, wird seinen Spaß haben.

Er darf eben nur nicht zu exzentrisch sein, wie das Zeugnis der jungen Polizeireporterin belegt, die die Nachfolge McEvoys antritt und sich ein bisschen zu sehr für die dunklen Seiten des Killerlebens interessiert. Dass sie eine Top Ten der Serienkiller aufstellt, bringt sie in Connellys Welt um. Was nicht unbedingt für die Großherzigkeit des Autors spricht (so auch das Ende). Auch scheint er den neuen Zeiten ein wenig mit Vorbehalten zu begegnen – wie sein ruppiger Umgang mit den jüngeren Figuren zeigt.

Dennoch: Eines hätte sich Connelly sparen können, und zwar die Binnensichten auf den bösen Buben. So erfahren wir zwar ein wenig von der Genese seiner Aberration, aber was ändert das? Nicht alle Jungs, deren Mütter Stripperinnen sind und sich zu den Doors vor Publikum ausziehen, später jedoch mechanische Gehhilfen benötigen, werden zu Serienkillern. Allerdings, auf wie viele Stripperinnen passt dieses Profil?

Titelbild

Michael Connelly: Sein letzter Auftrag. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Sepp Leeb.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2011.
491 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783453266452

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