Kaiser-Wilhelm-Spitze

Christof Hamann und Alexander Honold die „deutsche Geschichte“ des Kilimandscharo

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der „Verlag Klaus Wagenbach“ ist für zumindest zwei Besonderheiten bekannt: sein eigenwilliges Programm, das, beispielsweise, zum Literaturtransfer von Italien nach Deutschland beiträgt, und die bibliophile Erscheinungsform seiner Erzeugnisse.

Christof Hamanns und Alexander Honolds „Kilimandscharo. Die deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges“ ist ein prägnantes Beispiel Wagenbach’scher Verlagspolitik: Ein bislang vernachlässigter Gegenstand wird Autoren überantwortet, die Sachverstand mit leichthändiger Schreibe verbinden, und ‚Buchmachern‘, die ihre Tätigkeit im besten Sinne als Handwerk begreifen: Julie August, Berlin, hat den Einband gestaltet, aus haptisch reizvollem Material von peyer + co. Schleipen, Bad Dürkheim, stellt Papier, das duftet, zur Verfügung. Dieses Buch wiegt man gern in den Händen, und das apart platzierte, großzügig sich ausbreitende Bildmaterial schmeichelt dem Auge.

Vor allem aber lohnt die Lektüre. So anekdotisch die „deutsche Geschichte“ des Kilimandscharo erscheint – wenn deutsche Kolonialgeschichte thematisch wird, dann meistens mit Blick auf ‚Deutsch-Südwest‘ und den Genozid an den Herero –, so plausibel ist das Interesse der Autoren am Berg: Um die Jahrhundertwende, während drei Jahrzehnten, stand Tansania unter deutscher Herrschaft. Nach damaligem (westlichem) Rechtsverständnis war dieses Bergmassiv Teil deutschen und britischen Hoheitsgebiets. Der höchste Berg Deutschlands war mit doppelter Zugspitz-Höhe, fast 6.000 Meter, der Kilimandscharo, auch „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ genannt. Die wilhelminische Gesellschaft nahm ihn als deutsches Eigentum wahr, unmündigen Eingeborenen billigerweise entzogen.

Nicht weit vom Kilimandscharo liegen die Quellen des Nils, von jeher ein Hauptgegenstand mythisch-spekulativen, später wissenschaftlichen Interesses. Mit charakteristischer, weit ausgreifender Geste schlagen Hamann und Honold den Bogen vom Nil-Kult der Ägypter über den ‚Vater der Geschichtsschreibung‘, Herodot, der zu den ersten Nilforschern zählt, bis in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart, zu Joseph Conrad, Ryszard Kapuscinski („Meine Reisen mit Herodot“) und Michael Ondaatje. Die lockere Fügung kulturgeschichtlicher Episoden ist ein Hauptmerkmal dieses Bandes. Hamann und Honold gestehen dies ohne Scheu ein: „Wir suchten, schrieben, lasen und schrieben weiter. So schoben sich unsere Recherchen, Entwürfe, Gespräche, Interpretationen und Darstellungen immer mehr zu einem fortlaufenden gemeinsamen Text ineinander, und aus der stereoskopischen Optik zweier Blickpunkte und Schreibweisen wurde langsam so etwas wie ein gemeinsames Bild.“

Tatsächlich zeigt sich „Kilimandscharo“ – trotz des geringen Textumfangs von circa 160 Seiten – im guten Sinn bunt und eklektisch. Die „Kulturgeschichte der Bergbesteigungen und des Gipfelblicks“ wird mit Francesco Petrarca eingeleitet, weiterhin wird die „Afrikanische Geographie als Streitfall“ verhandelt, die Ästhetik und Politik der Afrika- und Kilimandscharo-Kartografie, schließlich koloniale Bestrebungen in ‚Deutsch-Ostafrika‘ zwischen dessen Begründer Carl Peters – dem mörderischen Conquistador, der als ein Vorbild Kurtz’, des finsteren Helden in Conrads „Heart of Darkness“, gilt – und Paul von Lettow-Vorbeck, dem es gelang, das Land, als einzige deutsche Kolonie, während des Ersten Weltkriegs zumindest in Teilen gegen den Zugriff der Entente-Mächte zu sichern, sodass er zum deutschen Kolonialhelden schlechthin stilisiert werden konnte, in manchen Milieus bis in die 1960er-Jahre: „In unzähligen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Memoiren von Kriegsteilnehmern, Romanen, selbst in Gedichten wird dieser Mythos weiter ausphantasiert, mit leicht zu memorierenden dreihebigen Jamben: ‚Wie tapfer sie auch stritten, / Held Lettow schlug die Briten: / Zweitausend ließ er tot.‘ […] Die Abenteuergestalt Lettow-Vorbeck lieferte zudem eine Rechtfertigung für die These von der vermeintlichen ‚Kolonialschuldlüge‘: Nicht, weil die Deutschen ihre Kolonisierten ungerecht behandelt hätten, seien ihnen ihre Schutzgebiete im Versailler Vertrag abgesprochen worden, sondern wegen der Profitgier der Alliierten. Der Kranz solcher Legenden machte aus Lettow-Vorbeck eine wichtige öffentliche Person, die von Politikern immer wieder und bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus hofiert wurde. Bei seiner Beerdigung nennt ihn der damalige Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU)‚ eine der großen Gestalten, die das Recht beanspruchen dürfen, […] Leitbild genannt zu werden.‘“

Längst ist der Kilimandscharo in die Weltliteratur eingegangen, wenngleich nicht durch dreihebige Jamben: Ernest Hemingways „The Snows of Kilimanjaro“ (1936) wird im vorletzten Abschnitt – „Showdown. Abschied und Neubeginn im postkolonialen Afrika“ – eine geistreiche, einfühlsam-kritische Würdigung zuteil, die überzeugend um Harrys, des moribunden Protagonisten, „herbe“, sinnlos „heroische“ Männlichkeit aufgebaut wird: „Im Kult des Nihilismus durch nichts und niemanden zu übertreffen, zelebriert Harry die Hoffnungslosigkeit seiner Lage. Und doch bedarf seine Einsamkeit der Zuschauer, um zu wirken. Abweisende Außenseite bei feurigem innerem Tumult, extremer Solipsismus vor den Augen einer beeindruckten Mitwelt: Diese in sich widersprüchlichen Züge verbinden das Denkmal mit dem Massiv des bei seinem Namen gerufenen Berges.“

Die Erscheinungsformen von Aneignung und Indienstnahme, den Kampf um die Deutungshoheit über Natur am selten beachteten Beispiel des ‚deutschen‘ Kilimandscharo aufgewiesen zu haben, ist Hamanns und Honolds Verdienst – abgesehen von der angenehm leichten, unterhaltenden, wie im Vorübergehen belehrenden Schreibweise. Wie dieser Band ein Exempel Wagenbach’scher Verlagspolitik bietet, führt er vor, was kulturwissenschaftlich sich weitende Germanistik zu leisten vermag.

Titelbild

Christof Hamann / Alexander Honold: Kilimandscharo. Die deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011.
192 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783803136343

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