Eine erfundene Tradition

Park Hee Seok erklärt die Funktion des Schamanismus im Theater der südkoreanischen Opposition

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Geht es in der Moderne um Tradition, so geht es dabei nie um Tradition. Ob man es bedauert oder nicht: Das Alte ist in seiner Substanz zerstört, und was heute für alt ausgegeben wird, hat die Funktion, in neuen Kämpfen Boden zu gewinnen.

Wenn Hee Seok Park Traditionsbezüge der südkoreanischen Protestbewegung untersucht, dann legt er konsequent auch keine religionsgeschichtliche oder religionssoziologische Arbeit vor. Der Titel: „Schamanismus ohne Magie“ deutet schon an, dass nicht die spirituelle Seite alter Praktiken sein Thema ist, sondern ihr Gebrauch zu aktuellen Zwecken.

Es wirkt auf den ersten Blick eigentümlich, wenn ausgerechnet linke Intellektuelle in Opposition zu den südkoreanischen Militärdiktaturen auf den Gedanken verfielen, sich positiv auf Schamanismus zu beziehen. Park macht jedoch die Faktoren anschaulich, die dies erklären können: die Medienpolitik des Regimes, die für die Verbreitung westlicher Massenkultur sorgte, und die rasche industrielle Modernisierung des Landes, die erst mittelfristig zu einer Verbesserung des Lebensstandards führte, sich jedoch zuerst nach Kolonialismus und Krieg als eine weitere soziale Härte darstellte.

Vor allem aber wirkte die Erinnerung an die erst 1945 beendete japanische Besatzung nach. Die Bereitschaft der Diktaturen, mit der ehemaligen Kolonialmacht zusammenzuarbeiten, aber auch das enge Bündnis mit den USA als neuer dominierender Kraft wurden von der Opposition als nationaler Verrat wahrgenommen. Alle diese Konfliktgründe wurden noch verschärft durch die andauernde koreanische Teilung: Die raschen Veränderungen im Süden ließen auch die kulturelle Distanz zwischen den Landesteilen schnell wachsen. In dieser Lage schien der Rückgriff auf eine gemeinsame Tradition – wie auch immer herbeifantasiert – ein geeignetes Mittel, die in Südkorea vor allem von der Linken herbeigesehnte Wiedervereinigung vorzubereiten.

Park macht deutlich, dass dieser Traditionsbezug durchaus selektiv war. Weder ist der Schamanismus genuin koreanisch; vielmehr finden sich Varianten in großen Teilen Ostasiens. Noch ist er ohne weiteres als Hauptbestandteil der koreanischen Kultur anzusehen und spielen buddhistische, konfuzianistische wie auch in neuerer Zeit christliche Elemente eine große Rolle. Wenn sich Park also einerseits durchaus im Rahmen der neueren Nationalismusforschung bewegt, die das Konstruierte von Kollektiven hervorhebt, so irritiert doch andererseits die Rede von „Zeiten der Verdrängung der nationalen Identität“, als würde es eine solche Identität jemals substantiell geben. Parks Unterscheidung zwischen einem kulturalistischen Traditionsbezug und einem, der auf politischem Willen beruht, führt kaum weiter, denn erstens ist auch jeder Kulturalismus politisch und zweitens, wie gerade die von Park zahlreich angeführten Zitate belegen, der politische Wille der Protestler kulturalistisch.

Die Muster nationaler Identitätsfindung sind weltweit geradezu deprimierend gleichförmig, und so zeigt Park in dieser Hinsicht an einem weiteren Beispiel bereits bekannte Probleme. Viel informativer sind die Abschnitte, die sich mit der performativen Umsetzung der nationalen Protestideologie beschäftigen. In mehr oder minder geschützten Räumen wie Universitäten und Kirchen führten die Oppositionellen das so genannte Madang-Theater auf, das sich in seinem Namen auf die traditionelle Dorfversammlung bezieht, bei der gemeinschaftliche Angelegenheiten entschieden wurden. Das Themenspektrum der Madang-Stücke ist breit und reicht von historischen Stoffen, die den nationalen Widerstand gegen ausländische Invasoren behandeln, über die desolate Lage der Bauern und Arbeiter während der südkoreanischen Modernisierung bis hin zur Re-Inszenierung aktueller politischer Kämpfe. Zum Spektrum theatralischer Formen finden sich zum Teil Parallelen in der europäischen Geschichte des Volkstheaters und der Protestkultur: Eine mehr oder weniger spontane Interaktion mit dem Publikum, die Berücksichtigung auch von Bereichen des Niederen und Vulgären, der stets mögliche und von den Herrschenden gefürchtete Umschlag volkstheatraler Aktion von pseudorevolutionärer Ersatzhandlung zwecks Triebabfuhr zur tatsächlichen Rebellion – das alles benennt Park und führt dabei auch europäische Beispiele mit ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zum koreanischen Fall an. Wichtig ist dabei, dass zumindest während der Diktatur Chun Doo Hwans seit 1980 die Madang-Aufführungen fast regelmäßig eine Auseinandersetzung mit der Polizei vorbereiteten. Entsprechend gewichtig fallen Momente der Emotionalisierung, der Eigengruppenbildung und der Feindmarkierung aus.

In Hinblick auf den Schamanismus ist zentral, wie zuvor religiöse Momente nun politisch gewendet werden. Die ältere Variante war spirituell praxisorientiert: Es galt, die Geister der Verstorbenen zu befrieden, also die Gefühle der Lebenden zu beruhigen, die schließlich für die Zeremonie gezahlt hatten. Diese private Kosten-Nutzen-Rechnung galt es für einen kollektiven Kampf umzuwenden. Park benennt das Problem, diskutiert es jedoch nicht in Hinblick auf die mythologische Umsetzung: Der schamanistische Kut, die Zeremonie zur Beruhigung der Geister, würde ja, zumal wenn er wie meist am Beginn der Madang-Aufführung steht, im Erfolgsfall das Problem beseitigen und so den gemeinsamen Kampf überflüssig machen. Der kluge Einwand blamiert sich hingegen am historischen Faktum, dass entgegen jeder Logik nach dem Theater doch die Molotow-Cocktails flogen. Auf die Dynamik des Gefühls zu verweisen ist wahrscheinlich klüger als Konsequenz im Durchdenken der Zeremonie einzufordern.

Freilich fühlt sich der Rezensent am Ende hilfloser als der Autor, der seine Arbeit den Opfern widmet, die die Protestbewegung hat bringen müssen. Wirklich möchte man nicht auf der Seite einer Regierung stehen, die Gewerkschaften unterdrückte, Gegner misshandelte und jede offene Diskussion zu verhindern versuchte. Doch wenn man die Gegensätze liest, die Park benennt, so zweifelt man: Will man wirklich ein Lob der „altbäuerlichen Lebensform“ sehen, wenn man doch in der Moderne länger und komfortabler lebt und auch der bösartigste Geheimdienst kaum eine so komplette Überwachung des Lebens hinbekommt wie die frühere Dorfgemeinschaft? Park bezieht sich auf Victor Turners Unterscheidung zwischen einer Gesellschaft als einer „Struktur rechtlicher, politischer und wirtschaftlicher“ Momente, „hinter denen sich das Individuum nur sehr verschwommen hinter dem sozialen Typus abzeichnet“ einerseits, einem „Modell von Gesellschaft als einer aus konkreten idiosynkratischen Individuen bestehenden Communitas – Individuen, die […] im Hinblick auf ihr gemeinsames Menschsein als gleich betrachtet werden“. Freilich: Ist man mit einer Behörde konfrontiert, so wünscht man sich vielleicht doch lieber eine „Struktur“ statt eines „indiosynkratischen Individuums“ am Schalter. „Volk“ statt „Staat“ mag sympathisch erscheinen – für die Müllabfuhr braucht man dann aber wieder den Staat, wie für jede längerfristige Planung, die sich einer direkten Aktion verschließt.

Das Buch weckt Interesse daran, wie in den konkreten Stücken fortschrittliche Kampfziele, nationalistische Verranntheit, das Ideal einer vormodernen Lebensform und verweltlichte Geisterbeschwörung dramaturgisch ins Verhältnis zueinander gesetzt wurden. Park behandelt diesen Aspekt leider nur auf wenigen Seiten. Ganz beiseite bleibt die Frage nach der bürgerlichen Herkunft der in den Madang-Stücken konstruierten nationalen Vormoderne. Der universitäre Protest wurde vor allem von den Studierenden der besten Hochschulen getragen, also von bürgerlich geprägten potentiellen Sozialaufsteigern. Zu erwarten ist deshalb, dass entsprechende Wertsetzungen in die Darstellung des altbäuerlichen Ideals einfließen. Tatsächlich bestätigen einige der im Jahre 2000 von Im Jin-Taek und Chae Hi-Wan in deutscher Übersetzung publizierten sieben Madang-Stücke diese Vermutung. Vielleicht machten gerade die ideologischen Ungereimtheiten die Sprengkraft der Stücke aus und wurde der Kampfgeist der Demonstranten gerade durch die Ahnung befördert, selbst unklar zwischen Tradition und Modernisierung zu schwanken. Wenn auch Park solche Fragen umgeht, so erlauben seine Darlegungen zur Weltanschauung der Regimegegner und zu dramaturgischen Gemeinsamkeiten der quasi-schamanistischen Aufführung des Madang-Theaters mit europäischen Volkstheaterformen wertvolle Einblicke.

Titelbild

Hee Seok Park: Schamanismus ohne Magie. Seine ideelle Rolle und praktische Funktion in der südkoreanischen Protestbewegung.
Iudicium-Verlag, München 2009.
213 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783891299838

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