„Dadadadada, umba, umba, um!“

Hugo Ball hat einen kleinen nachdadaistischen Roman geschrieben, der im Varieté vor dem Krieg spielt. Dabei reicht „Flametti“ in seinen besten Szenen an die Großen des Romanfachs heran

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Dadadadada, umba, umba, um!“, macht die Musik in Hugo Balls Roman „Flametti“ und nicht „jolifanto bambla ô falli bambla“ – der Dadaismus kommt vor, untergejubelt als lautmalerischer Umsetzung einer Blaskapelle, aber es ist eben nicht Dada, das hier spricht, sondern jemand, der anscheinend kein Dadaist werden wollte. Balls Roman hat mit dem Dadaismus nichts zu tun, wenn man denn nicht gerade in jener zentralen Passage, in denen der Held der Geschichte mit seinem „Indianer“-Stück auftritt, einen verdeckten dadaistischen Akt sehen will. Dada quasi im realistischen Underground.

Dennoch lag es nahe, dass dem Parthas Verlag, bei dem Balls Roman nun in einer hübschen Neuausgabe vorgelegt wird, nichts Besseres einfiel, als das Buch mit jenem Foto zu illustrieren, das Ball in seinem berühmten, kardinalshaften Pappkostüm zeigt. Mit diesem Kostüm war er 1916 im Cabaret Voltaire in jenen litaneienhaften Singsang verfallen, mit dem er seine Erfindung, die „Verse ohne Worte“, vortrug. Das falsche Etikett, das die falschen Erwartungen weckt, obwohl der Roman anscheinend im Jahr 1916 konzipiert wurde und zwei Jahre später im Erich Reiss Verlag in Berlin erschien.

Und dennoch werden sie nicht enttäuscht, nur verschoben eben. „Flametti“ schildert die Karriere des Variete-Direktors Max Flametti, dessen Aufstieg zum Ruhm mit einem Programm vollendet wird, das er „Die Indianer“ nennt. Nachahmung ist verboten und den Häuptling gibt er dabei selber. Das Programm rettet ihn vor dem Ruin, zuvor ist ein Drogenhandel geplatzt, zu dem er sich nothalber hat hinreißen lassen wollen. Mit diesem Programm tritt er in Zürich und Basel eine Weile erfolgreich auf und wird zur Sensation der Vergnügungsmeilen, bis der Streit im Ensemble eskaliert. Zwei der Lehrmädchen verklagen den Herrn Direktor darauf, sie missbraucht zu haben, eine Beschuldigung, die mehr als wahrscheinlich ist. Die Klage und der anberaumte Prozess werden bekannt, Flamettis Stern beginnt zu sinken, die Aufführungen der „Indianer“ werden mehr und mehr als zynisch und immer weniger als sensationell verstanden, bis er selbst verurteilt wird und sein Ensemble zerfällt. Ende, Schluss, aus, etwas anderes kann beginnen.

Der Roman erzählt eine kleine Geschichte, mit wenigen Helden und mit wenig Anspruch. Flametti und seine Frau Jenny haben den größten Anteil, das Ensemble tritt vor allem als Störfaktor auf. Ansprüche werden geltend gemacht, die Damen und Herren Künstler beschweren sich heftig über das geringe Honorar, das schlechte Essen, die unbeheizten Zimmer und die Übergriffe Flamettis, der cholerisch ist, unbeherrscht und dabei immer klamm. Immer ist etwas los im Flametti-Clan, und nie hat irgendeiner seine Ruhe.

Aber immerhin ist es eine Geschichte, die Ball hier erzählt, die Anfang, Höhepunkt und Schluss hat. Etwas, was einem dadaistischen Text so schnell nicht passieren würde, zumindest nicht, ohne dass es haufenweise Störer gibt.

Aber Ball greift hier auch nicht auf seine Dada-Erfahrungen zurück, nicht einmal auf die kurze Geschichte des Cabaret Voltaires, sondern – wie man einem der kleinen, beigegebenen Texte entnehmen kann – auf seine Erfahrungen in einem Zürcher Variete, in dessen Ensemble er und seine spätere Frau Emmy Hennings eine Zeitlang waren. Er am Klavier – das Alter ego des mundfaulen Herrn Meyer, der aus Flamettis alter Truppe ein neues Ensemble macht und dabei in Bausch und Bogen in die Pleite rast. Man muss das können, Variete, und wer es nicht kann, der geht schnell unter. Hennings als Soubrette, für die es gleichfalls ein Pendant im Roman gibt.

Aber die zahlreichen, kaum abzuweisenden Verweise auf das Cabaret Voltaire und auf Ball und Hennings, die der Roman ermöglicht, machen eigentlich vor allen Dingen eines deutlich, dass nämlich „Flametti“ auf etwas anderes zielt als auf eine Aufarbeitung der Ursprungsgeschichte des Dadaismus und damit des Cabaret Voltaires.

Verhängnisvoll und irreführend sind deshalb die zahlreichen Textbeigaben, die der Verlag mit dem Abdruck des Romans geliefert hat. Sie winken immer wieder mit dem Label Dada, mit den Anschuldigungen gegen Emmy Hennings und Hugo Ball, ihrem arg lockeren Lebenswandel, die Eifersüchteleien zwischen den beiden und anderem mehr. Daraus kann man sich eine Menge zusammenreimen, für eine belastbare Einschätzung des Textes und seiner Entstehungsgeschichte reicht es jedenfalls nicht. Dafür wäre ein informatives Nachwort sinnvoll gewesen. Das nämlich hätte sich vielleicht auch ein bisschen mehr mit der Zürcher Variete-Szene der Vorkriegszeit beschäftigen können, statt die Abkürzung Cabaret Voltaire nahezulegen. Selten hat ein Nachwort so gefehlt wie hier.

Allerdings hat der Text große Qualitäten, weshalb man für die Publikation dankbar sein kann: Varietes gibt es in der Literatur genug, Heinrich Manns „Professor Unrat“ hat vielleicht das berühmteste geschildert. Geschichten zur verarmten Künstlerbohème sind gleichfalls zahlreich. Tumultszenen aber sind immer die hohe Kunst des Romans gewesen, wie gleichfalls Heinrich Mann, diesmal aber in „Die kleine Stadt“, demonstrieren kann (die Opernaufführung, grandios!).

Und Ball kommt mit jenen Seiten, in denen er den tumulthaften Erfolg des Indianer-Programms schildert, an Mann heran. Da brummt und schreit es, da wird stolziert und getanzt, da tönt die Musik und die Szenerie der Indianer erhält eine ebenso hohe plastische Prägnanz wie die schwülstige Atmosphäre des Vergnügungslokals vor dem Rauchverbot. Die Musik braucht also nur „Dadadadada, umba, umba, um!“ zu machen in Balls Roman und nicht „jolifanto bambla ô falli bambla“, und genau darauf scheint der Roman hinauszulaufen.

Titelbild

Hugo Ball: Flametti. Oder Vom Dandyismus der Armen.
Reprint der Erstausgabe ergänzt um zahlreiche Fotos und Dokumente .
Parthas Verlag, Berlin 2011.
255 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783869640358

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