„Der Berlusconi in mir“

Beppe Severgninis „Überleben mit Berlusconi“ handelt von der fröhlichen Apokalypse Italiens

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Beppe Severgnini ist professioneller Italienerklärer fürs Ausland und für Italien selbst. Seine Kolumnen erscheinen unter anderem in „The Economist“ und im „Corriere della Sera“. Severgninis Essay „Überleben mit Berlusconi“ nimmt demgemäß durch Klarheit der Analyse ein und die geschmeidige Feder eines geübten Kolumnisten, der Dinge zuzuspitzen, auf den Punkt zu bringen weiß. Dem Band ist ein Wort Giorgio Gabers, des verstorbenen italienischen Entertainers, vorangestellt: „Ich habe nicht Angst vor Berlusconi an sich. Ich habe Angst vor dem Berlusconi in mir.“ Dieses Wort fügt sich trefflich zur These des Autors: Die Mehrheit der Italiener sympathisiere, mehr oder minder ausdrücklich, mit Silvio Berlusconi. Wenige Italiener zeigten genuines politisches Interesse, wenige – der „Five-Million-Club“ – hielten zu Berlusconi Distanz.

Severgnini macht ein knappes Dutzend Faktoren für Berlusconis Beliebtheit beim italienischen Wahlvolk verantwortlich, darunter beider joviales Wesen; bigott-permissive Katholizität, ergänzt um die Schonung kirchlicher Privilegien; anarchischen Individualismus, der dreiste Missachtung von staatlichen Institutionen durchaus goutiert: „Jeder Italiener lebt in dem Gefühl, allein gegen die ganze Welt zu stehen […] zumindest gegen die Nachbarn“; Manipulation durch Berlusconi-fromme Medien, das fulminante Marketing-Talent des Cavaliere, verbunden mit Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit; greises Potenzgehabe, das mediterranem Machismus schmeichelt; und den Wunsch beider Seiten, Berlusconis wie des juste milieu, die bürgerkriegsähnlichen Zuspitzungen der 1970er-Jahre („Strategie der Spannung“) mit dem Mantel gnädigen Schweigens zuzudecken. Wesentlichster Grund für Berlusconis dauerhaften, in Italiens Nachkriegsgeschichte beispiellosen Erfolg bleibt freilich die notorische Schwäche des politischen Gegners, der Linken.

Severgnini bringt die sinistren Züge des italienischen politischen Karnevals durchaus zur Geltung, vielleicht nicht durchweg mit der gebührenden Schärfe. So spielen das organisierte Verbrechen und mögliche Verstrickungen Berlusconis – oder einiger seiner Getreuen – eine untergeordnete Rolle. Die Behauptung wiederum, der Faschismus sei wie „alle anderen Regierungsformen“, abgesehen von der mittelalterlichen „Herrschaftsform der Signoria“, der Stadtmonarchie, von außen „importiert“ worden, aus Deutschland nämlich, verdreht die Chronologie. Dies freilich sind belanglose Einwände. Im Ganzen ist ein geistreiches, erhellendes Stück Italien-Erklärung gelungen.

Vielleicht das staunenswerteste Ergebnis: Berlusconis Missetaten werden recht sorgfältig aufgelistet, aber am Ende steht eine Art Sympathie und Verständnis, denn Severgnini lässt, ob zu Recht oder nicht, den Eindruck entstehen, dass Berlusconi Italien ‚ist‘. Der Originaltitel seines Essays lautet demgemäß „La pancia degli italiani“ („Der Bauch der Italiener“): Der Cavaliere ist gleichsam dem Innersten der Gesellschaft entstiegen. So gesehen ist der deutsche Titel – „Überleben mit Berlusconi“ – ein wenig irreführend: Er insinuiert einen Gegensatz zwischen italienischer Gesellschaft und Berlusconi – als sei diese im Grunde integer, im Abwehrkampf gegen ein äußeres Übel begriffen.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat Severgnini einen Vergleich zwischen italienischen und ‚europäischen‘ Verhältnissen gezogen: „In Deutschland, Frankreich oder Großbritannien gibt es noch gewisse Standards, die für viele Eliten der Gesellschaft gelten, unabhängig von der politischen Richtung. Denken Sie etwa an die Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg, der zurücktreten musste. In Italien sorgte ein ähnlicher Fall wenige Tage später kaum für Aufsehen. Das Geniale aus der Sicht von Berlusconi ist: Er hat den Leuten vermittelt, dass solche Standards heuchlerisch und langweilig sind. Er vergibt den Bürgern ihre Fehler und dafür sollen sie ihm seine Fehler verzeihen […]. In Italien leben 20 Millionen Menschen weniger als in Deutschland – doch die Zahl der Akademiker, die im Ausland arbeiten, ist vier Mal höher. Das sagt viel über den Zustand meines Landes aus.“

Titelbild

Beppe Severgnini: Überleben mit Berlusconi.
Karl Blessing Verlag, München 2011.
250 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674463

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