Randnotizen

Nach wie vor erscheinen neue Publikationen zum Thema des „Linksterrorismus“ in der BRD – Martin Kowalski etwa untersucht die RAF als „postfaschistisches Phänomen“

Von Stefan SchweizerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Schweizer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In letzter Zeit gab es einige Publikationen zum deutschen Linksterrorismus, welche man getrost als RAF-Randnotizen bezeichnen kann. Gleichwohl fördern diese Schriften einige interessante Aspekte zu Tage, welche in der universalen RAF-Geschichtsschreibung à la Stefan Aust, Willi Winkler und Michael Sontheimer eher unbeleuchtet blieben.

Martin Kowalski untersucht in „Aber ich will etwas getan haben dagegen“ die RAF als postfaschistisches Phänomen, das nur vor dem Hintergrund der deutschen NS-Vergangenheit zu verstehen sei: einmal als bewusste, radikale Abgrenzung zur Väter-Generation, dann zum anderen aber auch als Kontinuität im Kampf gegen Juden. Dieser Ansatz ist nicht völlig neu. Es ist lange bekannt, dass die RAF in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung ihrer palästinensischen Waffenbrüder (vor allem PLFP) in Richtung Antisemitismus tendierte. Kowalski argumentiert, dass die RAF historisch und politisch unverantwortlich NS-Analogien auf damalige weltpolitische und bundesrepublikanische Verhältnisse anwandten und unter dem holistischen Begriff Anti-Imperialismus zum Teil diametrale Ansätze verschmolzen. Dabei wurden dann in RAF-Publikationen israelische Staatsmänner mit Hitler und Himmler verglichen. Dass ein solcher Vergleich jedweder realen Basis entbehrt und in seiner Verantwortungslosigkeit vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte sprach- und fassungslos macht, braucht nicht betont zu werden. Ansonsten resümiert Kowalski eher Altbekanntes in groben Zügen, wobei die stilistischen Qualitäten seiner Erzählkunst hervorzuheben sind. Wer auf neue Erkenntnisse hofft, wird eher enttäuscht, dennoch ist die Lektüre kurzweilig.

Gender scheint out – sieht man einmal von Diskurs-Tendenzen ab, welche inzwischen die Benachteiligungen von Männern fokussiert. „Terroristinnen – Bagdad ’77“ beschäftigt sich dennoch mit geschlechterpolitischen Aspekten innerhalb der RAF. Ein Theaterstück stellt dokumentarisch und fiktiv Positionen der RAF-Terroristinnen zu Herrschafts-, Geschlechter- und Machtverhältnissen dar. Dabei bleibt weitgehend im Dunkeln, wieso die fiktiven, halbdokumentarischen Positionen der RAF-Frauen mit realen Namen verbunden werden. So kann man kritisch hinterfragen, ob denn nicht gerade theoretische Positionen einer Brigitte Mohnhaupt sich von denen einer Susanne Albrecht in vielerlei Dimensionen unterscheiden. Hier gönnt sich das Theaterstück zu viel künstlerische Freiheit. Etwas platt scheint die immer wieder bemühte Auflösung des Akronyms RAF „Recht auf Frau“. Hier wähnt man sich auf Frauen-Stammtisch-Niveau. Komplettiert wird der Band durch eine Aufsatz-Sammlung, wobei hier Gabriele Diewald-Kerkmanns „… es gab Tausende mit einer ähnlichen Biografie, die sich nicht so entschieden haben – Frauen und Rote Armee Fraktion“ positiv hervorzuheben ist, da sie empirisch anhand von Fallbeispielen Motivation und Vita der RAF-Frauen mit deren politischen Sozialisation verknüpft.

„Das Herrhausen-Attentat in Bad Homburg – Zeitzeugen berichten“ beleuchtet den Tag des RAF-Anschlags auf den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Dr. Alfred Herrhausen. Dabei werden Zeitzeugen interviewt, wie sie diesen Tag erlebt haben. Es kommen unter anderem Polizisten, Feuerwehrmänner, Bürgermeister und Lehrer zu Wort. Der Band schildert aus verschiedenen Perspektiven, wie ein und dasselbe Attentat wahrgenommen wurde und das Leben der Menschen beeinflusste.

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Katrin Hentschel / Traute Hensch (Hg.): Terroristinnen - Bagdad '77. Die Frauen der RAF.
Der Freitag Mediengesellschaft, Berlin 2009.
158 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783936252187

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Martin Kowalski: "Aber ich will etwas getan haben dagegen!". Die RAF als postfaschistisches Phänomen.
Vergangenheitsverlag, Berlin 2010.
125 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783940621207

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Matthias Kliem: Das Herrhausen-Attentat in Bad Homburg. Zeitzeugen berichten.
Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. 2011.
125 , 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783797312563

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