Ein Lachen wie ein Vulkanausbruch

In „Phantastasia“ erzählt Franzobel „Die lustigste Geschichte über die Traurigkeit“

Von Andreas TiefenbacherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Tiefenbacher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wie ein Grab am Friedhof, das seit tausend Jahren keinen Besuch bekommen hat“, so traurig ist Hannibal Torte; was einen nicht verwundert, hat der blonde Junge doch seine „Eltern verloren“ und lebt seitdem in einem Kinderheim.

Als seine Erzieherin, Fräulein Bindfaden, dringend zum Arzt muss, passt vorübergehend Herr Sauerbraten auf ihn auf. Dort lernt Hannibal drei kaffeebraune Dackel (Wackel, Schnackerl und Marie Therese) kennen, die nicht nur sprechen können, sondern auch sehr feinfühlig und fantasievoll sind. Denn anders als Fräulein Bindfaden, die glaubt, dass man „gegen sein Schicksal nicht ankämpfen“ kann, wollen die Dackel den „wie drei Wochen Regenwetter“ dreinschauenden Jungen sofort aufheitern und vom „Schleier der Traurigkeit“ befreien. Wackel erfindet deshalb sogar „Phantastasia“ mit einer großen Zauberin in einem Schloss, der zwar „ein abscheulicher Ruf“ vorauseilt, die aber immerhin weiß, wie man „wieder ein fröhlicher Mensch werden“ kann.

„Wieder lachen können“, ist auch Hannibals größter Wunsch. Gemeinsam mit seinen drei neuen Freunden macht er sich deshalb auf den Weg, kann diesen allerdings kaum finden, weil „Phantastasia so geheim [ist], dass die meisten noch nie davon gehört“ haben.

Glücklicherweise läuft ihnen ein Kater über den Weg, der behauptet, nicht nur „Phantastasier“ zu sein, sondern auch noch „Vorsitzender des Aufsichtsrates für phantastische Angelegenheiten“. Er schickt die vier in den „Märchenwald“, wo es nach „modrigen Pilzen und Geisterbahn“ riecht, „die Wolken aus Rasierschaum sind, […] Nähmaschinen auf Bäumen sitzen“, sich das Vogelgezwitscher anhört „wie Schreie von gequälten Kindern“ und es auch „fleischfressende Pflanzen, Hexenvereine und neunzigköpfige Drachen“ geben soll.

Das Schlimmste, was ihnen dann aber begegnet, sind Märchenfiguren, die sich gehen lassen (wie ein stockbesoffenes Rotkäppchen oder ein Schneewittchen, das rülpst, furzt und „furchtbar schmutzige Füße“ hat) und dadurch „dem guten Ruf der Brüder Grimm“ schaden.

Nachdem sie auch noch eine Wiese mit Grashalme aufsaugenden Staubsaugern und „eine Brücke aus lauter Lebkuchenherzen“ überwunden haben, stehen sie schließlich vor dem „Schloss der großen Zauberin von Phantastasia“. Doch nur wer weiß, wie sie heißt, erhält Einlass. So bleibt Hannibal und seinen drei Begleitern nichts anderes übrig, als sich auf Buchstabensuche zu begeben. Zehn sind es, die sie herausfinden müssen.

Auf ihrer kleinen Odyssee gelangen sie nun zu „Metzger Sulz“, „ins Fernsehparadies“, in den „Narrenturm“, die „Disco B3“ oder vor den „Spiegel der Gesellschaft“. Dass Hannibal darin etwas Außergewöhnliches sieht, korreliert mit der Reihe von Prüfungen, die erfolgreich bestanden werden müssen. Es bleiben spannende Momente, brenzlige Situationen und überraschende Wendungen nicht aus. Doch selbst in größter Ausweglosigkeit verstärkt sich nie der Eindruck, dass Hannibal verzweifeln könnte. Meist handelt er überlegt und besonnen; ja beweist, dass er über einiges an Mut und Verstand verfügt.

Es ist ein kaum zu übersehender Prozess der inneren Wandlung, den er durchläuft. An seinem Ende ist er kein Kind mehr, das – weil es ihm vorkommt, als würde man sich dabei „gegenseitig in den Mund spucken“ – Küssen für etwas Ekelhaftes hält, sondern ein um ein ganzes Stück lebenserfahrener gewordener, fast schon „reifer Mensch“, der gelernt hat, dass „nur wer seine Schwächen kennt, [auch] stark sein“ kann.

Selbstbewusst und offen gewinnt er nicht nur sein Lachen zurück, das auf einmal „ein gewaltiges Lachen, […] ein Lachen wie ein Vulkanausbruch“ ist, sondern mit Hilfe des „Mädchen[s] mit den Sommersprossen“ sogar die Einsicht, dass Küssen „die schönste Sache auf der Welt“ ist; aber auch, dass man einen Schicksalsschlag nicht unbedingt überwindet, indem man sich „jeden Morgen die Zähne“ putzt und „zweimal in der Woche“ kämmt, sondern eher, indem man sich von all seinen Ängsten befreit und aktiv wird; bleibt doch als traurige Alternative nur ein Leben als langweiliger Mensch, der „Pelargonien auf den Fensterbänken [und] Gartenzwerge im Gras“ stehen sowie jegliche Toleranz verloren hat, nichts „mit sich anzufangen“ weiß und „jede Veränderung fürchtet“.

Viele kleine, auf siebzehn Kapitel verteilte Abenteuer mit teilweise skurrilen Figuren, welche die Entschlüsselung des Namensrätsels um die große Zauberin begleiten, dazu die eine oder andere gesellschaftskritische Finesse, Wortspielereien, frecher Humor sowie die ausdrucksstarken Zeichnungen von Antje Keidies sorgen dafür, dass diese „lustigste Geschichte über die Traurigkeit“ des 1967 im oberösterreichischen Vöcklabruck geborenen Franzobel, der sich „als freischaffender Erfinder von Patenten und literarischen Einfällen“ genauso ausweist wie als „Vorstand der Donaldisten Timelkam und eingetragener Polospieler in Buenos Aires“, über das Lesen hinaus nachwirkt. Erzählt sie doch die Bewältigung dieses schockhaften Erlebnisses (wie das der Verlust der Eltern nun einmal ist) mit einer Kitsch und Klischee großteils parierenden Gewandtheit und Fantasie.

In logischer Konsequenz widmet der Autor das an menschliche Tugenden appellierende Buch für Leute ab zehn daher auch seinem Sohn Laurenz, der vielleicht wirklich schon den Führerschein in einem „mit Himbeersaft“ fahrenden Auto machen kann, was zwar „Ölscheichs und Benzinfirmen und  Tankstellenbesitzer“ verärgern wird, andererseits aber „wesentlich billiger“ käme.

Und gut für die Umwelt wäre es wohl auch!

Titelbild

Franzobel: Phantastasia. oder Die lustigste Geschichte über die Traurigkeit.
Mit Illustrationen von Antje Keidies.
Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2010.
125 Seiten, 12,95 EUR.
ISBN-13: 9783800055340

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