Vergnügliche Lesefrüchte eines Querdenkers, Satirikers und späten Aufklärers

Carl Julius Webers „Demokritos“ in einer neuen Auswahl

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Seid gegrüßt ihr wahren, offenen, unverstellten, freilich mitunter zu lebhaften, unsanften, bisweilen sogar groben, zynischen Menschen – ihr seid immer solider als der sanfte, lächelnde, schmiegsame Allerwelts-Mensch, der nur selten wahr und aufrichtig, unverstellt und verlässig ist, und welcher hat den besten Teil erwählt?“, fragt rhetorisch Carl Julius Weber in seinen Bemerkungen „Die Sonderlinge und Hagestolze“. Sie sind Teil einer zwölfbändigen „Enzyklopädie des Menschlich-Allzumenschlichen“, wie Herausgeber Friedemann Schmoll die zusammengestellte Leseausgabe des unvollendeten „Demokritos, oder hinterlassende Papiere eines lachenden Philosophen“, mit Recht bezeichnet.

Sie zeigen Weber in der Tat als „ein spätes, aber hellwaches Kind der Aufklärung mit unstillbarem Erkenntnisdrang und hoher satirischer Begabung“. Ob Weber über „Das physische Lachen und Lächeln“ nachdenkt, über den „Kuss“ philosophiert, über „Sympathie und Antipathie, Idiosynkrasie, Magnetismus, Somnambulismus“ reflektiert, über den „Geiz“, „Die Faulheit“, ob er etwas „Über Nasen“ zum Besten gibt oder sich über „Die Titulaturen“ auslässt beziehungsweise „komische Grabinschriften“ glossiert – stets geschieht es mit einer ungeheuren, nie aufdringlichen Belesenheit und schon gar nicht mit Besserwisserei. Zumal sich Weber in seinen Glossen, Abhandlungen, Feuilletons und Essays – wie Montaigne – oft selbst mit einbezieht, wenn er die „Vogelscheuche des Lächerlichen“ vorführt und vermeintlich Lächerliche wenigstens teilweise rehabilitiert: „Man heißt in unserer Zeit schon Sonderling, wenn man die Eingezogenheit den Gesellschaften vorzieht, nicht alles mitmacht, Schlag auf Schlag, so wenig als möglich dem Zufall überlässt, das Seinige zu Rate hält und nicht alles haben zu müssen glaubt, was an andern glänzt, oft unbezahlt – Rindvieh und Schafe leben gerne in Herden, der Adler horstet allein.“

„Die Welt wird mit Titeln gekitzelt, aber die deutsche Welt mehr als alle Staaten und Völker der Erde. Titelsucht steht oben an unsern echt nationalen Torheiten“, heißt es in „Die Titulaturen“: „Mundus titulis tilillatur, und ist nur zu verwundern, dass Dr. Gall in deutschen Schädeln kein Titelorgan entdeckte, das sich vielleicht nur deutsch bescheiden kleiner macht als es ist; aber da wir geborene Titelnarren – hoffentlich bloße Titularnarren – sind, so kann solches nicht unbedeutend sein, sonst halte ich nichts auf alle seine Organe. Nach neueren Entdeckungen soll es hinter den Ohren sitzen und desto merklicher sein, je weiter und höher die Ohren abstehen. Es sollte mich wundern, wenn unter dem Heere von Räten, mit deren Titel ich mir zwei Seiten zu füllen getraute, nicht einer auf nähere Entdeckung kommen sollte; der verdiente dann gewiss den neuen Titel Organenrat.“

Auch „Die Faulheit“ bekommt buchstäblich ihr Fett weg: „Hang zur Trägheit – folgt Fressern und Gutschmeckern auf dem Fuße wie Dickheit, die fast eins ist mit Faulheit, und der Leibphilosoph dieser Faultiere ist Äschines, denn er setzt das höchste Gut in den Schlaf. Die Fettbildung ist mit unwiderruflicher Neigung zum Schlafe verbunden, die zuletzt mit Schlagfluss und Tod endet“. Und dennoch: „Die Faulheit hat solche Reize, dass ich mich selbst davon angesteckt fühle und zu faul bin, mich länger mit der Faulheit abzugeben, daher dieses Kapitel das kürzeste des ganzen Werkes ist“.

Der Lächerlichkeit preisgegeben werden auch Grabinschriften, auf denen „die größten Lügen“ stehen. Manche sind nur lächerlich wie „Den Pfarrer Sedulim / verschließet diese Grab – / Gott gab den Schlummer ihm, / den er den Hörern gab!“ oder „Hier ruht mein lieber Arzt, Herr Grimm, / und, die er heilte, neben ihm.“ Angesichts der Vielzahl von frommen oder weniger frommen Lügen oder pathetischen Missgriffen notiert Weber am Ende: „Und die meinige, wenn ich irgendeine Grabinschrift der Mühe wert hielt, wäre: Hier ruhen meine Gebeine – / Ich wollt‘, es wären Deine!“

Dieser fromme Wunsch wurde Weber, der 1767 in der hohenloheschen Residenzstadt Langenburg als Sohn eines Rentbeamten geboren wurde, nicht erfüllt. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Öhringen studierte Weber in Erlangen Rechtswissenschaft. Nach Stationen in Göttingen, wo er vergebens auf eine Professur hoffte, war Weber Hauslehrer in der Westschweiz, dann in Diensten des Grafen von Erbach-Schönberg als Privatsekretär in Mergentheim und schließlich in der Regierungskanzlei im Odenwald in Bad König. Sein Dienst beim Grafen von Isenburg-Büdingen mündete in ein Zerwürfnis, weshalb Weber 1804 nach zwei Jahren den Dienst quittierte und bei der Familie seiner Schwester in Jagsthausen, Weikersheim, Künzelsau und Kupferzell lebte. Dort starb er 1832.

Obwohl er von 1820 bis 1824 Abgeordneter der württembergischen Ständeversammlung war, lebte er weitgehend zurückgezogen mit seiner riesigen, 11.000 Bände umfassenden Bibliothek: „Lesen eröffnete dem Bibliomanen“, schreibt Schmoll einleitend zu „Demokritos“, dessen ersten Band noch zu Lebzeiten Webers erschienen war, „in seiner zweiten Lebenshälfte nicht nur Erkenntnis, sondern war ihm auch Trost geworden.“ Bereits zwischen 1818 und 1820 erschienen Webers drei Bände „Möncherey oder geschichtliche Darstellung der Kloster-Welt“, zwischen 1822 und 1824 drei Bände „Das Ritterwesen“ und zwischen 1826 und 1828 wiederum drei Bände Reisebriefe durch Deutschland.

Sein Hauptwerk aber, jener „Demokritos“, der fast 5.000 Druckseiten umfasste, machte ihn erst postum weiteren Kreisen bekannt. Bis in die 1920er-Jahre „wurde die Sammlung seiner Feuilletons immer wieder als Gesamtpaket aufgelegt, seither nur noch in Auszügen“, bemerkt Schmoll einleitend. Die nun vorgelegten vergnüglichen „Leseimpressionen“ zeigen einen interessanten Querdenker, Satiriker und späten Aufklärer, der nicht zuletzt dank seiner Selbstironie besticht, heute jedoch leider kaum bekannt ist. Bleibt zu hoffen, dass sich dies durch Schmolls Leseausgabe wenigstens teilweise ändert.

Titelbild

Carl Julius Weber: Demokritos.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2010.
118 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783940086655

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