Neue Erkenntnisse zur ,Banalität des Bösen‘

Bettina Stangneth untersucht in ihrem umfangreichen Buch „Eichmann vor Jerusalem“ das „unbehelligte Leben eines Massenmörders“

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Eichmann in Jerusalem“ hieß das Buch, in dem Hanna Arendt 1963 ihren Bericht von der „Banalität des Bösen“ zusammenfasste. Anlass war der „Eichmann-Prozess“, der 1961 in Jerusalem gegen Adolf Eichmann, einer der zentralen Personen bei der Organisation und Durchführung des Massenmordes an den europäischen Juden, stattfand. Arendt erlebte diesen Prozess als Berichterstatterin für amerikanische Medien.

Mit dem Titel „Eichmann vor Jerusalem“ stellt die Philosophin Bettina Stangneth bewusst eine Verbindung zu Hannah Arendts Studie her. Auch ihr umfangreiches Buch über „das unbehelligte Leben eines Massenmörders“ ist, so erläutert sie einleitend, wie jede Arbeit über Eichmann „ein Dialog mit Hannah Arendt“. Dabei geht es ihr nicht so sehr darum, einen weiteren – womöglich kritischen – Beitrag zum Wesen und zur Theorie des Bösen beizusteuern. Wie ihre Vorgängerin will sie vor allem das, was „Philosophen nun einmal wollen: Verstehen.“

Seit 1961 aber haben sich die Voraussetzungen für das Verstehen entscheidend verändert. Nicht nur ist die Forschung zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Massenmordes an den europäischen Juden inzwischen weit vorangeschritten – im Falle Eichmann sind auch eine Fülle neuer Dokumente und Materialien aufgetaucht, die es notwendig machen, das „Phänomen Eichmann“ ganz neu in Augenschein zu nehmen – auch um so besser  verstehen zu können, wie und warum die Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach 1945 nur so schwerfällig in Gang kommen konnte.

Im Zentrum der neuen Erkenntnisse zum Verständnis Eichmanns vor Jerusalem stehen die sogenannten „Sassen-Interviews“. Sie sind gewissermaßen der Höhepunkt einer bemerkenswert selbstverständlichen Nachkriegsexistenz Eichmanns in Argentinien. Sie hatte ihren Anfang in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland gefunden. Die Autorin zeichnet präzise die Flucht Eichmanns nach, von den vorbereitenden Unternehmungen bis zur „geordneten Flucht“, die ihn 1950 – fünf Jahre nach Kriegsende – aus Deutschland über Österreich nach Bozen führte. Hier, so ,bestätigten‘ es die neuen Papiere, war er, nunmehr Ricardo Klement genannt, angeblich als unehelicher Sohn der Anna Klement geboren worden. Nächste Station der Flucht war Genua, wo Eichmann in einem Franziskanerkloster Aufnahme fand, ehe er Wochen später mit fünfzehn weiteren Flüchtlingen an Bord der Giovanna C. gehen konnte. Die „Überfahrt nach Argentinien“, so resümiert Stangneth die Fluchtgeschichte, „sollte ihm nicht nur seine Freiheit wiederbringen, sondern auch seinen Namen“.

Hatte sich schon für die Vorbereitung und Durchführung der Flucht ein stabiles Unterstützernetzwerk bewährt, das aber immerhin noch Vorsichtsmaßnahmen beachten musste, so brachen nun in Argentinien wahrlich herrliche Zeiten für die Täter und ihre Sympathisanten an. Man war unter sich und fühlte sich vor Verfolgung sicher. Was aus heutiger Sicht skandalös anmutet, erklärt sich aber teilweise aus den Zeitumständen. Die waren günstig für die ehemaligen Nazis im In- und Ausland. Sie profitierten von der Unwilligkeit (und Unfähigkeit) deutscher Behörden, in denen zudem noch viele ,alte Nazi-Kameraden‘ saßen, energisch nach den Geflohenen zu fahnden. In Argentinien fühlten diese sich zudem während der ersten Präsidentschaft Juan Peróns 1946 bis 1955 von dessen besonderer Vorliebe für die deutschen ,Fachleute‘ geschützt und umworben. Die Autorin schildert dies alles präzise, verzichtet dabei auf anklagende Bewertungen und verlässt sich statt dessen auf die Überzeugungskraft der Fakten. Und die sind verblüffend, etwa wenn man liest, wie bereitwillig man Eichmann auf „falsche Spuren im Nahen Osten“ folgte, um ihn dort, in Argentinien, wo eri von jedermann ohne große Anstrengung hätte gefunden werden können, nicht zu finden.

Hier, in Argentinien, in einem Milieu, das die Autorin umfassend ausleuchtet, kam es nun zu den „Sassen-Interviews“. Es handelt sich um Aufzeichnungen von Gesprächen, die der niederländische Ex-SS-Mann Willem Sassen mit Eichmann führte und an denen immer wieder auch andere Personen aus dem argentinischen Nazisumpf teilnahmen. Man wollte im Gestus der Wissenschaftlichkeit „die Wahrheit“ über die nationalsozialistische Judenpolitik erkunden. Eichmann sollte der Fachmann sein. Doch während es den Exil-Nazis vor allem darum ging, den Judenmord zu relativieren, die Zahl der Ermordeten zu minimieren und Deutschland als Opfer einer „jüdischen Weltverschwörung“ darzustellen, hatte Eichmann andere Interessen: er wollte ganz im Gegenteil seine Rolle als aktiver Gestalter der „Endlösung“ voller Stolz darstellen und gewürdigt wissen. Das „neue historische Faktum“, das man in den „Sassen-Interviews“ finden kann, ist, so stellt die Autorin fest, „nichts Geringeres als sein [Eichmanns, HGL] Denken selbst“.

Und das nun bringt uns im Verstehen tatsächlich einen Schritt weiter. Eichmann ist nicht länger ,nur‘ das kleine Rad im Mordgetriebe, jener unscheinbare Befehlsempfänger ohne eigene Einwirkungsmöglichkeit, als welcher er sich in Jerusalem inszenierte. Eichmann ist ein überzeugter und aktiver Täter. So wie er es in einem „Schlusswort“ zu den Sassen-Interviews formulierte: „Hätten wir von den 10,3 Millionen Juden […] 10,3 Millionen getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet.“

Eichmanns Bekenntnisse, die die Autorin systematisch erschlossen hat, bestätigen schließlich eine andere Perspektive auf die „Banalität des Bösen“. Eichmanns endloses und unerträgliches Gerede ist auch Ausdruck einer absurden Selbstverkennung. Eichmann begeistert sich an seinen Gedanken, ist gebannt von der vermeintlich vernünftigen Klarheit seiner Ausführungen. Gerade aber diese geistige Anmaßung, diese selbstbezogene Unfähigkeit, Relationen zu verstehen, ist auch typischer Ausdruck des großen Selbstmitleids des kleinen Mannes. Die durch diesen Typus verkörperte „Banalität des Bösen“ wurde schrecklich, als er Uniform und Macht erhielt. Als ihm diese genommen wurde, kehrte sich das Monströse wieder ins Banale: bleleidigte Uneinsichtigkeit im unendlichen Rechtfertigungsgeschwafel..

Titelbild

Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders.
Arche Verlag, Zürich 2011.
656 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783716026694

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