Ein schwacher Manchette

Der DistelLiteraturVerlag beschert Jean-Patrick Manchette einen schlechten Abgang

Von Malte WehrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Malte Wehr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Warten auf einen angekündigten Titel der „Série Noire“ lässt sich beim DistelLiteraturVerlag schon als Teil des Zeremoniells betrachten, mit dem das kleine Heilbronner Haus die Vorfreude und Erwartung seiner frankophilen „Néo-polar“-Leser zu potenzieren weiß – leider war dies nun aber das einzige Element, welches an den grundsoliden Stand der schönen Edition erinnert.

„Der Man mit der roten Kugel“ („L’Homme au boulet rouge“, 1972) ist der fünfte von gerade einmal elf Krimis, die der viel zu früh verstorbene Jean-Patrick Manchette der Nachwelt hinterlassen hat und es ist der einzige schlechte von diesen. Die Vermutung, es handle sich bei Barth Jules Sussman um einen Co-Autoren wie Jean-Pierre Bastid aus Manchettes erstem Roman „Laßt die Kadaver bräunen!“ („Laissez bronzer les cadavres!“, 1971), weicht durch das aufschlussreiche Vorwort Doug Headlines schnell der Erkenntnis, dass es sich bei dem Amerikaner um jenen Autor dreht, der dem Verlagshaus Éditions Gallimard im Jahre 1971 das Western-Drehbuch „The Red Ball Gang“ zur Romanadaption anbot.

Manchette, zu jener Zeit noch ein schlecht bezahlter und wenig bekannter Autor, nimmt das Angebot des damaligen stellvertretenden Leiters der „Série Noire“ Robert Soulats an und kämpft sich – so die Aufzeichnungen aus seinem Tagebuch – in wenigen Wochen durch den Adaptionsprozess dieses „ziemlich unbefriedigend[en]“ Drehbuchs. Die Begeisterung Headlines über die Persönlichkeit Manchettes, die dieser in den Roman habe einfließen lassen, scheint dem müden Versuch des DistelLiteraturVerlags zu entsprechen, den letzten noch nicht auf deutsch publizierten Roman des Franzosen in dessen schriftstellerische Genealogie einzureihen – dies misslingt.

Ein wenig problematisch wirkt auch die Übersetzung Katarina Gräns, die nicht ganz an die Leistung von Stefan Linster, dem Übersetzer von sieben der elf Krimis heranzukommen scheint – und das mag auch an zu viel Werktreue liegen, die diesem schnellgeschriebenen Manchette einfach nicht bekommt. So werden Eigenamen wie jener der fiktiven Westernstadt Blooming Hills und des Revolverhelden Long Arm zu Blühende Hügel sowie Lang-Arm eingedeutscht und hölzern wirkende Sätze wie: „Der Eigentümer hat sich gebückt, er hat ein wenig Baumwollblüten ergriffen und wirft sie Greene ins Gesicht“ sind nicht die Ausnahme.

Doch wo auch eine Übersetzung am Ende ihrer Möglichkeiten steht, das ist der Inhalt an sich – und der ist alles, nur nicht ein übersetzungswürdiger Manchette. Die sprunghafte Handlung verdient das Attribut pseudo und die von Headline postulierte Sozialkritik und „Einordnung der Geschichte in die Weltgeschichte“ scheitert schon am Mangel von Realität: Für die in der Hauptsache weißen Baumwollpflücker gibt es Bacon und Schweinerippchen zum Mittagessen; ein junger voll im Saft stehender Baum wird mit einer Axt in eine „Reihe Scheite zerlegt“ und das in Texas getrunkene Bier kommt aus Missouri.

Jenes für Manchette so typische Staccato aus knappen Sätzen wirkt hier wie die schlechte Adaption eines noch schlechteren Drehbuchs und der Néo-polar kippt in die Trivialität eines billigen Gores. Eine Übersetzung, die sich der DistelLiteraturVerlag hätte sparen können, wenngleich es der Gesamtleistung der liebevoll und sorgfältig redigierten „Série Noire“ keinen Abbruch tut. Die Vorfreude auf weitere Publikationen in der schicken schwarzen Reihe bleibt also.

Titelbild

Jean-Patrick Manchette / Barth Jules Sussmann: Der Mann mit der roten Kugel. Série Noire.
Übersetzt aus dem Französischen von Katarina Grän.
Distel Verlag, Heilbronn 2011.
197 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783923208883

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