IG Auschwitz

Diarmuid Jeffreys schreibt die Biografie eines deutschen Konzerns

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die „Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie“ war der kartellartige Zusammenschluss führender deutscher Chemie- und Pharmahersteller, darunter Bayer, Hoechst und BASF. 1925 begründet, ragte die IG Farben nach Umsatz, Innovationskraft und politischem Einfluss unter Europas Konzernen heraus – auch und gerade während der nationalsozialistischen Herrschaft, der sie aufs Engste verbunden war.

Diarmuid Jeffreys, britischer Dokumentarfilmer und Autor, hat die Geschichte der IG Farben und der beteiligten Unternehmen auf 600 Seiten farbiger, lehrreicher Prosa zusammengefasst. Effektvoll werden Vorausdeutungen und Rückblenden eingesetzt, die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers wird nie überdehnt. Gekonnt variiert Jeffreys Tempo, Gangart und Perspektive. 600 Seiten Industriegeschichte in eine kohärente, nie langweilige Erzählung umzugießen, ist eine bemerkenswerte literarische Leistung. Ein „Prolog“ von 15 Seiten und etwa 70 Seiten des Schlusskapitels widmen sich der bekanntesten Episode in der Konzerngeschichte, dem IG-Farben-Prozess vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal. Zwei Dutzend leitende Angestellte des Hauses wurden vor Gericht gestellt, unter anderem wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein Dutzend wurde zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die beiden Nürnberg-Kapitel werden aus der Perspektive des Anklagevertreters, General Telford Taylor, erzählt. Sie umschließen eine chronologische ‚Lebensbeschreibung‘ des Konzerns, seiner Teil-Unternehmen und der maßgeblichen Einzelpersönlichkeiten.

Die Firmengeschichte wurde dadurch bestimmt, dass viele der tonangebenden Manager wissenschaftlich tätig waren, darunter Carl Duisberg und Carl Bosch, der wie mancher seiner Kollegen den Chemie-Nobelpreis erhielt. Wachstum wurde durch wissenschaftliche Innovationen erzeugt, und seit dem späten 19. Jahrhundert war Deutschlands Chemie-Industrie in der Welt führend. Dass sich Bayer, Hoechst, BASF und diverse andere Firmen 1925 zur „Interessengemeinschaft Farben“ zusammenschlossen, ist den rauen Wettbewerbsbedingungen am Weltmarkt geschuldet. Patentschutz fand kaum statt, und die Krisen der 1920er-Jahre ließen Kooperation ratsam erscheinen.

Das Bündnis mit der kriegerischen Macht war beiden Seiten zuträglich: Die deutsche Chemieindustrie lieferte während der Weltkriege wichtige Rüstungsgüter und schwelgte mit den Militärs in Träumen von kriegswirtschaftlicher Autarkie. Während beider Weltkriege fand in den Fertigungsanlagen Zwangsarbeit statt, im Zweiten unter Vorzeichen einer „Vernichtung durch Arbeit“. Kein anderes Unternehmen, die Stahl- und Automobilkonzerne eingeschlossen, leistete einen wesentlicheren Beitrag zur nationalsozialistischen Kriegswirtschaft: Synthetischer Kautschuk (Gummi) und synthetisches („deutsches“) Benzin sollten Wehrmacht und SS vom Weltmarkt unabhängig machen. Beide Produkte waren von der IG Farben monopolisiert worden: Eine Win-win-Situation – zulasten zehntausender Insassen deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager und mittelbar jener Millionen, die von der deutschen Kriegsführung geschädigt wurden.

Das Ineinander der Interessen von SS und IG Farben beim Ausbau des Vernichtungslagers Auschwitz wird von Jeffreys präzise dargestellt. Es handelt sich um einen singulären Fall: Ein Unternehmen der Privatwirtschaft baut gemeinsam mit einem totalitären Regime ein Arbeits- und Vernichtungslager auf – Auschwitz III, auch als „IG Auschwitz“ bekannt –, um die Arbeitskraft zehntausender Sklavenarbeiter auszubeuten. Das Interesse der IG Farben an einem solchen ‚Joint Venture‘ im kleinpolnisch-oberschlesischen Grenzraum war mit ausschlaggebend für Himmlers Entscheidung, gerade in Auschwitz Konzentrations- und Vernichtungslager einzurichten. Die reichen Kohle- und Wasservorkommen der Gegend schufen günstige Voraussetzungen für die Erzeugung synthetischen Kautschuks, und durch Vertreibung der ortsansässigen polnischen und jüdischen Bevölkerung konnte Wohnraum für deutsche Chemiker und Ingenieure geschaffen werden.

Das Interessengeflecht von SS und IG Farben begünstigt, wissenschaftlich gesprochen, eine ‚funktionalistische‘ Betrachtungsweise im Sinne ‚kumulativer Radikalisierung‘ der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Den einen allein verantwortlichen Entscheidungsträger gibt es nicht. Viele haben ihren Teil beigetragen, an erster Stelle Himmler. Jeffreys macht allerdings keine Anstalten, irgendwelche Funktionäre in SS und IG Farben aus der Verantwortung zu entlassen. Zitate aus Tätigkeitsberichten und Briefen genügen, die Skrupellosigkeit auch des IG-Personals zu dokumentieren. Dass dieselben Persönlichkeiten, die das Bündnis mit Himmler suchten, darunter Otto Ambros, Walter Dürrfeld und Carl Krauch, ihre Karrieren nach kurzen Aufenthalten in Nürnberger und Landsberger Justizanstalten während der Nachkriegsjahrzehnte fortsetzen konnten und mit allerlei Aufsichtsratsposten dekoriert wurden, versteht sich von selbst.

Einige Rezensenten haben die Qualität der Übersetzung beklagt. Grit Eggerichs (Deutschlandradio Kultur) nennt sie „sperrig“ und „uninspiriert“. Dies ist ein harsches, aber treffendes Urteil: Dass dieser Text nicht in deutscher Sprache verfasst worden ist, wird auf jeder Seite spürbar. Es begegnen zahlreiche unidiomatische Prägungen. So ist von Gefühlen die Rede, die „der Erleichterung benachbart“ seien. In einigen Fällen ist allerdings unklar, ob fehlerhafte Formulierungen der Übersetzung oder dem Original zuzurechnen sind. So wird die Reichsgründung von 1871 als „Wiedervereinigung“ angesprochen, obwohl nie zuvor ein deutscher Nationalstaat bestanden hat. Ob man Grit Eggerichs Empfehlung folgen und anstelle der Übersetzung das englische Original lesen soll, steht dahin.

Titelbild

Diarmuid Jeffreys: Weltkonzern und Kriegskartell. Das zerstörerische Werk der IG Farben.
Übersetzt aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Werner Roller.
Karl Blessing Verlag, München 2011.
687 Seiten, 34,95 EUR.
ISBN-13: 9783896672766

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch