Lust auf Bruch, Tabu und Trash? Typisch Jelinek!

Viele Teile, kein Ganzes: Der von Sabine Müller und Cathrine Theodorsen herausgegebene Sammelband „Elfriede Jelinek – Tradition, Politik und Zitat“ ist nur halb gelungen

Von Jörg PottbeckersRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Pottbeckers

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn das so weiter geht, wird Elfriede Jelinek ein ähnliches Schicksal erleiden wie Franz Kafka: Über ihre erratischen Texte werden ebenso zahlreiche wie schwerverständliche Abhandlungen geschrieben, der Humor aber muss draußen bleiben. Kafkas Werk war aber durchaus auch lustig, Jelineks sowieso, nur die Forschungsliteratur bekommt das nicht mit. Gleichermaßen schwer- bzw. nahezu unverständlich ist die Einleitung der beiden Herausgeberinnen, in der die Begriffe Tradition und Innovation im historischen Schnelldurchlauf diskutiert werden. Von antiken Kirchenvätern aus dem 3. Jahrhundert geht es zu Walter Benjamin, mit Zwischenstation bei Diderots Encyclopédie.

Was das mit Jelinek zu tun hat? Nichts, ihr Name taucht auf den ersten Seiten auch gar nicht erst auf. Nur zögernd wird überhaupt klar, worin die thematische Klammer des Bandes bestehen soll: Jelineks Werk im Spannungsfeld von Traditionsvergewisserung und Traditionsauslöschung. Soll heißen – Jelineks Spiel mit der Tradition, mit dem sie sich immer wieder auf literarische oder filmische Genres, Motive beziehungsweise narrative und ästhetische Verfahren bezieht, und ihr und der Bruch mit diesen tradierten Strukturen. Tradition meint aber eben auch politische und intertextuelle Tradition, Politik und Zitat also. Auch eine Tradition des Traditionsbruchs?

Jelineks Umgang mit Tradition, Politik und Zitat wird in Alexandra Pontzens klugem Aufsatz über „Die Kinder der Toten“ illustriert. Dieser Text sei, so Jelinek selbst, „ein Gespensterroman in der Tradition der gothic novel“, oder weniger zurückhaltend formuliert: Ein Splatter-Zombie-Trash-Roman, der zugleich den Holocaust und die Verdrängung der Schuld thematisiert. Ein programmierter Skandal also? Nein, da Jelinek durchaus eine Tradition des Traditions- und Tabubruchs fortsetzt, indem sie die scheinbar pietätlose Symbiose aus Shoa-Thematik und Horror-Genre nicht neu erdenkt, sondern in der literarischen Tradition (genauer: Hans Leberts Roman „Die Wolfshaut“) vorfindet, adaptiert und umformt. Und den Rezipienten damit natürlich völlig überfordert, der dem Text mit Unverständnis, ja Hilflosigkeit begegnete, wie Pontzen erklärt. Jelineks idealer Rezipient müsse über Humor und Ironie verfügen, diese Tradition der Rezeption sei aber leider nicht mehr vorhanden. Sondern ausgestorben.

Mit dem ambivalenten Verhältnis zur Tradition von Jelineks Theatertexten befasst sich Stefan Kammers stringenter Beitrag: Jelinek schreibe Texte für das Theater, die sich paradoxerweise aber gegen das Theater richteten. Sie seien trotzig, sie widersetzten sich – gegen eine herkömmliche Aufführungspraxis, gegen das Theater als Repräsentation der Realität. Zugleich aber stünden Jelineks Dramen in einer Tradition, fußend auf Brechts Lehrstücken, der Arbeit der Wiener Gruppe und unterschiedlichen Avantgardebewegungen. Kammer zeichnet prägnant eine künstlerische Entwicklungslinie nach, die aber aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen schon bei „Wolken.Heim“ aufhört. Warum werden die vielen nachfolgenden Arbeiten ausgeklammert? Mit Jelineks erstem Stück („Was geschah, als Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft“) zu beginnen, ist zwar nicht nur aus chronologischen, sondern auch intertextuellen Gründen sinnvoll, nicht minder sinnvoll wäre, allein schon durch die thematische Nähe, ein Brückenschlag von „Nora“ zu „Das Werk“ von 2003. Die Radikalität von „Wolken.Heim“ prädestiniert es zwar als Ende einer Entwicklung, aber dann muss auch gesagt werden, warum: Nicht nur, weil die Frage nach der Gattungszugehörigkeit offen bleibt, sonder auch, weil es beinahe eine „reine Zitatmontage“ (Bärbel Lücke) ist, von Hegel, Fichte, Heidegger bis hin zu Briefen der RAF. Mehr Zitat geht nicht und gab es auch danach in Jelineks Stücken nicht.

Die Darstellung einer positiv-lustvollen weiblichen Sexualität findet man (und dieser Vorwurf kam schon häufig von männlichen Kritikern, allen voran Marcel Reich-Ranicki) bei Jelinek eigentlich gar nicht, entsprechend neugierig wurde ihre Ankündigung, einen „weiblichen Porno“ zu schreiben, aufgenommen. Das Buch „Lust“ entpuppte sich dann aber als Leidensgeschichte einer von ihrem Mann beherrschten, apathisch-devoten Frau. Typisch Jelinek, könnte man meinen, die ja Sexualität zwischen Mann und Frau gerne als Herr-Knecht-Verhältnis stilisiert. Alexandra Tacke beleuchtet in ihrer etwas ziellosen Untersuchung vor allem die Rezeptionsgeschichte von „Lust“, um erst gegen Ende die viel spannendere Frage aufzuwerfen: Lust? Für wen denn? Für die Figuren nicht, für den Leser nicht, wer hat also Lust? Tackes Antwort: „Lust“ ist ein Text der Wollust, und zwar im Roland Barthes’schen Sinne: einer Lust daran, die Sprache zu entstellen – durch die Nutzung von Stereotypen, der Erzeugung von Langweile und Unbehagen durch Wiederholung und Plagiat. Dadurch vergeht einem die Lust, oder vergeht man vor Lust?

Den letzten Aufsatz steuert mit Pia Janke die wohl profilierteste Jelinek-Forscherin (und Leiterin des Jelinek-Forschungszentrums) bei. Ihr Beitrag über „Jelinek und die Musik“ ist erwartungsgemäß fundiert und derart reich, dass er schon fast als Aufforderung zum Weiterforschen verstanden werden muss. Auf knappen Raum skizziert Janke diverse Facetten (Jelinek als Komponistin, Jelineks essayistische Auseinandersetzung mit Musik, sowie das Sprechen über Musik in Jelineks Prosatexten) eines Themas, das bisher kaum untersucht wurde. Der wohl beste Beitrag des Sammelbandes.

Das Niveau der übrigen Beiträge ist aber auch durchweg gut, von den kaum vermeidbaren Schwankungen einmal abgesehen. Nur ergeben eben viele gute Aufsätze nicht unbedingt einen guten Sammelband. Unter Schlagwörtern wie Tradition, Politik und Zitat lässt sich, gerade bei der politisch umtriebigen Zitatkünstlerin Jelinek, nahezu jeder Forschungsansatz subsumieren, und welcher Künstler setzt sich eigentlich nicht mit seinen Vorgängern auseinander? So bleibt der Eindruck einer gewissen thematischen Beliebigkeit, der aber den Erkenntniswert der einzelnen Beiträge nicht schmälert. Und bitte: eine Einleitung sollte Themen- und Problemfelder aufzeigen, Interesse wecken, neugierig machen – nicht abschrecken.

Titelbild

Sabine Müller / Cathrine Theodorsen: Elfriede Jelinek - Tradition, Politik und Zitat. Ergebnisse der internationalen Elfriede Jelinek-Tagung 1.-3. Juni 2006 in Tromso.
Praesens Verlag, Wien 2008.
290 Seiten, 25,30 EUR.
ISBN-13: 9783706904100

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