Die jüdische Nachkriegsliteratur

Stephan Braeses Studie „Die andere Erinnerung“ ist in einer Neuauflage erschienen

Von Iris HermannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Iris Hermann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als dieses Buch 2002 in einer ersten Auflage beim Philo-Verlag Berlin/Wien erschien, war es eine germanistische Habilitationsschrift (in Bremen), die nicht nur die fachwissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern auch bald eine breitere Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machte. Zu recht, denn Stephan Braese, inzwischen Inhaber der Professur für europäische jüdische Kultur- und Literaturgeschichte an der RWTH Aachen, war angetreten, die Geschichte der westdeutschen Nachkriegsliteratur in einer Perspektive zu betrachten, die so dezidiert und detailliert vor ihm noch niemand eingenommen hatte: Braeses Studie beleuchtet die Stellung jüdischer Schriftsteller in der Erinnerungsdifferenz zur Majorität der nichtjüdischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Dabei werden biographische Verankerungen neben eingehenden Werkanalysen in den Mittelpunkt gestellt.

Im westlichen Nachkriegsdeutschland galten 1945 Emigranten wie Thomas Mann als Verräter, ihre kritische Perspektive störte die Aufarbeitung der NS-Zeit, weil sie ein neues Selbstwertgefühl Westdeutschlands kritisch hinterfragten. Eine nationale Identität versprach man sich nur von den AutorInnen der inneren Emigration (wie etwa Günter Eich und Erich Nossack) und Kriegsheimkehrern (Heinrich Böll), weil die von ihnen aufgeworfenen Themen mit den Problemen und Nöten der Bevölkerungsmehrheit eher übereinstimmten. Autoren, die aus der Emigration wieder nach Deutschland zurückkehren wollten, wurden, bis auf wenige Ausnahmen, von den Futtertrögen der Verlage abgedrängt. Nach 1945 hörten vor allem jüdische und linke Autoren auf, literarisch im Nachkriegsdeutschland in Erscheinung zu treten. Nach der Darstellung dieser Weichenstellungen hat sich Braese lediglich drei Beispiele gewählt, die dennoch die ganze Bandbreite des Themas abzudecken vermögen: Neben Grete Weil sind es Edgar Hilsenrath und Wolfgang Hildesheimer, deren Werke er in einer chronologisch geordneten Konfrontation mit der jeweiligen Rezeption analysiert. Eingebettet wird die beispielhafte und sorgfältig vorgehende Analyse in den breiten Kontext der westdeutschen Nachkriegsliteratur, wie sie sich schon 1945 artikuliert hat und im Verlauf des Buches bis zur Walser-Bubis-Debatte daraufhin befragt wird, ob in ihr ein Dialog zwischen Juden und Nichtjuden, Opfern und Tätern der ersten Generation je möglich war. Nach der Lektüre dieses Buches muss ein solcher Optimismus verneint werden, aber Braese macht in überaus differenzierter Weise deutlich, warum dieser Dialog nicht zustande kam, indem er unter anderem die verhinderte Rezeption am Beispiel des Werkes von Grete Weil und Edgar Hilsenraths aufzeigt. Grete Weil war aus dem Exil in Amsterdam 1947 in die Bundesrepublik zurückgekehrt, legte 1963 ihrem Roman „Tramhaltestelle Beethovenstraat“ ihre authentische Verfolgungserfahrung und -erinnerung zugrunde und erfuhr sodann, wie „die objektiven Bedingungen diesem Roman kaum eine Wirkungschance ließen.“

Ähnliche Schlussfolgerungen gelten auch für Hilsenrath, dessen Buch „Der Nazi und der Friseur“ erst 1977 zum ersten Mal auf Deutsch erschien, nachdem es als Übersetzung längst überaus erfolgreich war. Seine Waghalsigkeit der Darstellung des Massenmörders Max Schulz, der, sich als Jude ausgebend, unbehelligt in Israel leben kann, wird von Braese als Diskursöffnung interpretiert, nachdem vor allem eine Rezension Heinrich Bölls einer positiven Aufnahme des Romans in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit den Weg wies. Von Hilsenraths früherem Roman „Nacht“ und dessen ambivalent gezeichnetem Bild der Juden war die literarische Öffentlichkeit schlicht überfordert, was dazu führte, dass der Roman sozusagen verschwand. Das interessanteste Beispiel für die von Braese eingenommene Perspektive ist aber sicherlich im Werk Wolfgang Hildesheimers zu sehen, dessen Etabliertheit im literarischen Leben Westdeutschlands sich zum Zeitpunkt seines Romans „Tynset“ auf dem Höhepunkt befand. So unumstritten Hildesheimer war, so deutlich war, dass die Rezensenten schlicht übersahen, dass sich Hildesheimer in seinem Roman explizit mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzte.

Letztendlich zeigt Stephan Braeses Studie ein deutliches Bild: Wer eine andere Erinnerung als die der hegemonialen nichtjüdischen artikulierte, wer auf sein Schicksal als Emigrant, Jude, oder/und Linker verwies, wurde entweder nicht angemessen rezipiert oder von einem Publikum, das sich in der Mehrheit aus der Tätergeneration speiste, umgedeutet. Diese These in angemessener Differenziertheit verfolgt, dabei in einen breiten, auch chronologisch ausgreifenden Kontext eingebettet, wenn auch in der Einleitung in einem etwas unzugänglichen Stil dargeboten zu haben, ist das Verdienst dieser Studie, der ich viele Leser und Leserinnen wünsche.

Titelbild

Stephan Braese: Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur.
text + kritik, Berlin 2001.
596 Seiten, 30,00 EUR.
ISBN-10: 3825702278
ISBN-13: 9783825702274

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