„Jetzt, jetzt, schnell, schnell“

Lustvolle Frauen und unlustvolle Germanisten: Matthias Luserke-Jaquis „Kleine Literaturgeschichte der großen Liebe“

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor einigen Jahren diagnostizierte der Literaturwissenschaftler Thomas Anz bei seiner Zunft eine grassierende Lustfeindlichkeit, da sie das zentrale Charakteristikum der Literatur ignoriere, nämlich Lust zu bereiten. Der Darmstädter Germanist Matthias Luserke-Jaqui ist nicht nur angetreten, mit diesem Missstand aufzuräumen, er hat mit seiner „Kleinen Literaturgeschichte der großen Liebe“ höhere Ambitionen: „Einen Text über Liebe zu lesen, generiert Wissen über Liebe (vielleicht sogar Liebe selbst?)“.

Letzteres sei dahingestellt, die Lustqualitäten etlicher der vom Autor präsentierten Textzeugnisse sind dagegen offensichtlich. Wie etwa dieses „antiken Zauberspruchs“: „Der schmachtende Hermeias erbittet von Anubis, dass seine Geliebte ‚schmelzend in Liebesbegierde zu allen Stunden von Tag und Nacht‘ sein möge, bis sie, gepeitscht vom Begehren, zu ihm komme, ‚dienend meinem und ihrem Liebesverlangen ohne Zögern und ohne Scham, Schenkel an Schenkel, Leib an Leib pressend und ihr Schwarzes an mein Schwarzes, das höchste Wonne bringt […], jetzt, jetzt, schnell, schnell.‘“

Solche Fundstücke entschädigen ein wenig dafür, dass sich Luserke-Jaquis 200-Seiten-Essay über weite Strecken wie eine Art Zitatensammlung liest. Mühsam hangelt sich der Autor mit Paraphrasen von Zitat zu Zitat, in denen ein ums andere Mal die Liebe beschworen wird, als gelte es auszutesten, mit wie wenig Eigenleistung man heutzutage Bücher veröffentlichen kann. Oder soll diese Zitierfreudigkeit die an den untersuchten Texten aufgezeigte Geschwätzigkeit der „großen Liebe“ widerspiegeln? Die große Liebe, das ist für Luserke-Jaqui die erfüllte, glückliche Liebe, die stets auch die körperliche Dimension mit einschließt – und nicht die unglückliche oder tragische Liebe. Nicht „Romeo und Julia“ oder der „Werther“ also stehen hier im Mittelpunkt, sondern Friedrich Schlegels „Lucinde“, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und Nicholson Bakers Roman „Vox“ (1992).

Ein Gegenwartsautor, der hier fehlt, wäre Hanns-Josef Ortheil, etwa mit seinem Roman „Das Verlangen nach Liebe“. An ihm hätte sich ebenso wie an den genannten Textbeispielen ein prinzipielles ästhetisches Problem untersuchen lassen, das bei Luserke-Jaqui ausgeblendet bleibt: Glück, auch die glückliche Liebe, ist ein episodisches Phänomen. „Wir sind so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand sehr wenig“, lehrte einst Sigmund Freud. Liebesromane zum Beispiel müssen nicht unbedingt schlecht ausgehen, um als satisfaktionsfähig zu gelten – sollten den Leser aber zumindest einem Wechselbad der Gefühle aussetzen. Üblicherweise durch die Inszenierung äußerer und/oder innerer Widerstände, die die Figuren erst überwinden müssen, um zueinander zu finden. Während Trennungen aller Art fast schon automatisch Spannungen erzeugen, muss, wer eine geglückte Liebe beschreibt, besondere Textstrategien entwickeln, um gegen den Treibsand der Langeweile anzukämpfen.

Luserke-Jaqui geht es in seinem aus diversen Aufsätzen montierten Essay allerdings nicht um die glückliche Liebe allein, sondern um den „Zusammenhang von großer Liebe und lustvoller Frau“, denn: „‚Große Liebe‘ imaginiert das Bild der lustvollen Frau.“ Warum es nicht auch um lustvolle Männer geht, bleibt offen, sicher scheint indes, dass die Beschreibungen von „lustvollen Frauen“ durch männliche Autoren immer auch Männerfantasien sind, ein Aspekt, den Luserke-Jaqui zwar anführt (ein Kapitel widmet sich sogar Elfriede Jelineks Roman „Lust“), der seine literarischen Beispiele aber doch auf eine grundsätzlichere Weise in Frage stellt, als ihm bewusst zu sein scheint.

Titelbild

Matthias Luserke-Jaqui: Kleine Literaturgeschichte der großen Liebe.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011.
200 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783534237784

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