Mit den Füßen suchend

Thomas Knubben schickt einen entschwundenen Dichter in seinem Buch „Hölderlin. Eine Winterreise“ auf den Jakobsweg

Von Malte VölkRSS-Newsfeed neuer Artikel von Malte Völk

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Verfasser hat sich laut Klappentext etwas mit Friedrich Hölderlin vorgenommen, nämlich „den in den Dichterolymp Entschwundenen wieder ein Stück weit zurückzuholen in den Erfahrungshorizont der Gegenwart“. Für dieses Ziel setzt sich Thomas Knubben, Professor für Kulturmanagement in Ludwigsburg, selbst körperlich in Bewegung. Aber nicht, wie man vielleicht denken könnte, indem er sich nach Griechenland begibt, um im Rahmen einer Bergwanderung den Dichter eigenhändig vom Olymp herunter zu zerren. Stattdessen folgt Knubben den Spuren des schwäbischen Dichters in Frankreich und Baden-Württemberg. Hölderlins Reise von Stuttgart nach Bordeaux im Winter 1802, die ihn zu einer schnell wieder aufgegebenen Stelle als Hauslehrer führte, bietet den Anlass für den Selbsterfahrungs-Trip des Verfassers.

Zu Fuß läuft er die nicht immer genau zu rekonstruierende Route ab. Man merkt schnell, dass man es mit einem recht geschickten Marketingkonzept zu tun hat: Bücher über fußläufige Pilgerreisen verkaufen sich millionenfach, und Hölderlin geht sowieso immer gut. Das Moment des Geheimnisvollen, das dem Dichter anhaftet, die Erhabenheit seiner Sprache und der Sturz in die Tiefen des Wahnsinns, sein jahrzehntelanger Dämmerzustand im Tübinger Turm – all dies mit der zur Zeit beliebtesten Form ritualisierter Sinnsuche zu verbinden, das verspricht Aufmerksamkeit, damit ist man im Kulturbetrieb gut aufgestellt.

Das daraus entstandene Produkt suggeriert, man könne die „Erfahrung Hölderlin“ gewissermaßen konsumieren, da sie in vertrautem Format und in lockerem Plauderton vermittelt wird. Allerdings wird das, was man eine poetische Erfahrung nennen könnte, durch diese Vorgehensweise geradezu blockiert, indem sie biografistisch festgezurrt werden soll. Was war es denn, das Hölderlin zu seinen unerhörten Gesängen trieb? Woran hat er gelitten? Auf einer Ebene versucht Knubben sich an nachvollziehbaren Erklärungen – der Tod der Geliebten, die strenge protestantische Mutter – während er gleichzeitig durch die Qualen seiner eigenen unmäßig langen Winterwanderung dieses Leiden offenbar konkret fassbar machen will. Der körperliche Schmerz liefert den rationalisierten Ersatz für eine nicht durch klare Begründungen zu erfassende Zerrüttung. Das Beunruhigende am Werk Hölderlins, was seine Qualität ausmacht und gleichzeitig seine kulturindustrielle Rezeption verhindert, wird hier einfach abgeschnitten, auf die authentische Erfahrung der schmerzenden Füße heruntergebrochen. Denn genau dies ist der „Erfahrungshorizont der Gegenwart“, in den Hölderlin gebracht werden soll.

Oftmals wird aus dem Werk des Dichters zitiert, aber immer nur zur Illustration recht schaler äußerer Umstände. Ein Beispiel: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“, einer der schönsten Verse der Weltliteratur, dient Knubben dazu, seiner Erleichterung über ein endlich gefundenes Wirtshaus Ausdruck zu verleihen. Die rettenden Jakobsmuscheln, die er verzehrt, bannen die aufziehende Gefahr der Entkräftung; nur das Mineralwasser aus der Abfüllung der Coca-Cola-Company missfällt dem wandernden Kulturprofessor.

Das Buch hat durchaus lesenswerte Momente. Die Beschreibung von biografischen Episoden Hölderlins und einiger Zeitgenossen sind kenntnisreich und interessant eingeflochten, und die bisher nicht beachtete konkrete Verbindung zwischen der Verwandtschaft seiner heimlichen Geliebten Susette Gontard und seinen Arbeitgebern in Bordeaux ist eine schöne Trouvaille. Während an solchen Stellen die äußerst detaillierte Erzählweise von Knubben angemessen und reizvoll ist, so gilt dies leider nicht für die ermüdenden Schilderungen der Details seiner Wandertätigkeit. Es entsteht oft der Eindruck, dass die Ereignislosigkeit der Wanderung übertüncht werden soll, indem immer wieder aufs genaueste die Abläufe von Zimmerbuchungen in Hotels oder die Suche nach Gasthäusern ausbuchstabiert werden. Die kleinen, unscheinbaren Dinge, die von Kulturwissenschaftlern so gerne betrachtet werden, können nämlich tatsächlich schlicht belanglos sein.

Und zwar genau dann, wenn sich keine nennenswerte Reflexion an sie heftet. Manchmal ist ein auf der Straße liegender Handschuh eben nur ein auf der Straße liegender Handschuh. Nicht jeder kann wie Robert Walser oder vielleicht noch Max Goldt anhand solcher Fundstücke kleine bezaubernde Kunstwerke entfalten. Und Hölderlin ist übrigens die Strecke von Stuttgart nach Bordeaux gar nicht per pedes abgeschritten, sondern vernünftigerweise mit der Postkutsche gefahren. Ganz so verrückt war er ja dann doch nicht. Man kann also aufatmen: Hölderlin war nicht der Vorgänger von Hape Kerkeling und den Millionen vom neuen Pilgertum beseelten tiefsinnigen Gemütsdeutschen, die sich auf der Suche nach ihrer waldigen Innerlichkeit die Füße wund laufen.

Knubbens Buch ist als Dokument der Hölderlin-Rezeption gleichwohl interessant. Vielleicht hätte man aus dem Projekt einen schönen Feuilleton-Artikel machen können, aber auf 255 Seiten wirkt das Ganze doch arg verdünnt und die Idee, die ja nicht völlig ohne Charme ist, erscheint nur noch als kulturindustrielles Instrument. Hölderlin verbleibt also vorerst auf dem Olymp. So lange in den Niederungen ein schematisierender und konformistischer Kulturbetrieb dominiert, scheint es auch fast besser so. Um mit den Worten des Dichters zu resümieren: „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott“.

Titelbild

Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2011.
255 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783863510121

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