Zwischen Videospiel und Realität

In Oliver Uschmanns Roman „Das Gegenteil von oben“ durchlebt ein sensibler 15-Jähriger nicht nur Pubertätsprobleme, sondern ist vermeintlichen Kinderschändern auf der Spur

Von Pia SchoknechtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Pia Schoknecht

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Häuser erzählen Geschichten. Man muss ihre Bewohner nur lange genug beobachten und man weiß mehr über ihr Leben, als sie auf ihrer Homepage oder in ihrem MySpace-Profil verraten würden.“ Und genau dies macht Dennis jeden Tag – er beobachtet seine Nachbarn. Sein Lieblingsbeobachtungsobjekt ist dabei die idyllische Hausmeisterfamilie von gegenüber. Diese Familie stellt für Dennis einen wichtigen Anker in seinem Leben dar. Immer wenn etwas bei ihm schiefläuft, kann er mit seinem Fernglas in ihr Leben abtauchen.

Seine Klassenkameraden machen sich über ihn lustig, weil er nicht Fahrrad fahren kann – angeblich eine Fertigkeit, die man nur vom Vater beigebracht bekommen kann, dieser fehlt jedoch in Dennis’ Leben. Sobald er nach ihm fragt, ist die heile Welt mit selbst gemachten Rouladen, die seine Mutter trotz Ganztagsjob aufrecht zu halten versucht, zerstört. Die Perfektion seiner Mutter macht ihn wütend. „Nichts gegen das Essen, das Essen ist wunderbar. Aber es ist auch ein Vorwurf. Eine Messlatte, die niemand erreichen kann.“

Sein bester Freund ist eigentlich überhaupt kein Freund, da er ihn vor der gesamten Klasse demütigt. Doch das erkennt Dennis erst, als sein vermeintlicher Freund ihm klarmachen will, dass „das Mädchen, in das ich wohl verliebt sein muss“, wie Dennis feststellt, niemals mit einem Jungen wie ihm zusammen sein wird.

Wenn er nicht gerade seine Nachbarn observiert, spielt er Videospiele auf verschiedenen Konsolen. In die Welten der Spiele taucht er völlig ab. Wenn er lange nicht gespielt hat, hat er gegenüber den Figuren im Spiel ein schlechtes Gewissen, weil er ihnen nicht geholfen hat, ihre Missionen zu erfüllen. Als selbst auferlegte Bürde spielt er Kriegs- und Horrorspiele – aus Pflichtgefühl. „Ich könnte auch bunte Hüpfspiele einschalten, aber das erscheint mir nicht mehr angemessen. Es würde sich wie eine Lüge anfühlen, wie ein Schlag ins Gesicht der wirklichen Opfer. Sie werden in Kellern und Waldlöchern eingesperrt und ich steuere Latzhosenmännchen durch Bonbonwelten? Nein, das geht nicht.“

Dennis kommt nicht damit zurecht, in den Medien immer wieder mit den Bildern aus Natascha Kampuschs Kellerverlies und weiteren „Folterkellern“ konfrontiert zu werden. Er erträgt nicht, dass Kinderschänder in der Gesellschaft leben und niemand etwas von ihren Taten bemerkt. Darum vermutet Dennis ein Verbrechen, als die Familie gegenüber auseinanderbricht und erst der Sohn und dann die Mutter „verschwinden“. Er beginnt, dem Hausmeister nun richtig hinterher zu spionieren und findet dabei eine Wohnung, die hinter einem Regal in einem Kellerabteil im Hochhaus gegenüber verborgen ist. Dort treffen sich der Hausmeister und ein geheimnisvoller „Kellermann“. Die beiden Werkräume dort mit rotverschmierten Werkbänken und Lederriemen an den Wänden, die Dennis an die Tatorte aus dem letzten Kinderschänderfall erinnern, führen dazu, dass er sich ausmalt, wie die beiden Männer die Leichen von Frau und Kind zerstückelt haben. Der Gegensatz von liebendem Familienvater im 14. Stock und dem Monster im Keller ist wohl der Ursprung des Titels „Das Gegenteil von oben“. Doch nach dem anfänglichen Schrecken ahnt der Leser, dass es für diese merkwürdige Wohnung eine andere Erklärung gibt, da Folter im Keller nicht zu diesem Roman passt, der eher wie Jugendliteratur anmutet.

Dennis, der daran zweifelt, ob er das alles wirklich gesehen oder nur geträumt hat, beginnt zu ermitteln. Über einen Bekannten kommt Dennis an eine Schreckschusspistole. Damit läuft er nachts durch die Kellergänge zur geheimen Wohnung hinter dem Regal. Und hier übertreibt der Autor die Videospielthematik. Denn Dennis kann nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Spiel unterscheiden. Er läuft mit erhobener Waffe durch die Gänge und dann kommt plötzlich seine linke Hand ins Bild. Hier sind Assoziationen zur Debatte, ob alle Spieler von Egoshootern zu Amokläufern werden, nicht zu vermeiden. Auch im Nachhinein bleibt unklar, ob der Autor etwas zu dieser Thematik beitragen und eine Kritik unserer Zeit schreiben wollte – oder durch ihre satirische Darstellung nur ein Gegengewicht zur verstörenden Idee der „Folterkeller“ schaffen wollte. Falls letzteres der Fall ist, ist ihm dies sehr gut gelungen, da der Ton des Romans durchgängig leicht bleibt.

Kleine Schwächen des Romans, wie etwa das nicht immer ganz nachvollziehbare Verhalten der Hauptfigur, werden durch die fantasievollen Geschichten, die Dennis um jeden Passanten flicht, und seine Debatten mit den Lehrern ausgeglichen, sodass „Das Gegenteil von oben“ ein großes Lesevergnügen bereitet.

Titelbild

Oliver Uschmann: Das Gegenteil von oben.
Loewe Verlag, Bindlach 2009.
334 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783839001004

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