Misogynität und Promiskuität

Monique Cantré hat ein Lesebändchen mit Briefen und anderen Texten Wilhelm Waiblingers herausgegeben

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wilhelm Waiblinger war nicht eben das vergönnt, was man ein biblisches Alter zu nennen pflegt. Doch auch wenn der im Todesjahre Kants geborene Literat nicht schon in seinem 26. Jahr aus dem Leben und von dieser Welt hätte scheiden müssen, wäre er wohl nicht in den Himmel des literarischen Kanons aufgestiegen, mag er selbst, kaum der Pubertät entwachsen, auch noch so sehr davon überzeugt gewesen sein, sich einst als „epischer Dichter durch ein großes Werk zu verewigen“, wie er seinem Freund Karl Friedrich Nestel schrieb. Es müssen nun allerdings nicht immer nur Weimarer und anderen zu Fürsten geadelte Dichter sein, deren Werke durch mal opulente, mal für die Schule gedachte Neuausgaben, wenn zwar auch nicht unbedingt lebendig, so doch im literarischen Bewusstsein gehalten werden. Auch in lange verschlossenen Fächern der Literaturgeschichte lässt sich manches Kleinod finden, das noch heute zu frischem – oder vielleicht auch erstem Glanz erstrahlen kann, wird es nur durch neuerliche Lektüre poliert.

Darum ist es durchaus zu begrüßen, dass Monique Cantré eine kleine Sammlung mit Texten des genannten „,jungen Wilden’ der Biedermeierzeit“ zu einem ebenso schönen wie erschwinglichen Bändchen zusammengestellt hat. Vorangestellt hat die Herausgeberin eine Einleitung, in der sie das „Enfant terrible der schwäbischen Dichterfamilie“ vorstellt und einen kleinen Abriss seines kurzen Lebens bietet. Sie ist durchaus dazu angetan, Lesenden, denen Waiblinger ein bislang Unbekannter war, eine gewisse Vorstellung vom Leben und Wirken des „jungen attraktiven Kerls mit den langen blonden Locken, der kein Blatt vor den Mund nahm“, zu vermitteln.

Wenn die Lektüre des biografischen Abrisses nicht immer gar so erquicklich ist, liegt das an Anderem. Dass Cantré Tagebuchaufzeichnungen Waiblingers als „coole Notizen eines jungen wilden Intellektuellen“ rühmt, etwa ist ein formidabler stilistischer Missgriff, so jung und wild der Intellektuelle Waiblinger auch gewesen sein mag. Auch will die Hymne auf den jungen Wilden nicht so recht damit harmonieren, dass Waiblinger in seiner Hölderlin-Biografie die „Bübereien“ beklagt, welche auf Universitäten die „Faulheit hervorbringen“. Und wenn die Herausgeberin meint, er habe „ohne Rücksicht auf politische Korrektheit“ geschrieben, stülpt seinen Werken einen Begriff und somit ein Verständnis über, das es zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch nicht gab, da dieser Kampfbegriff einer reaktionären Gesinnung erst in der zweiten Hälfte des 20. geprägt wurde. Überhaupt pflegt Cantré ihre Worte nicht immer abzuwägen, etwa wenn sie den Suizidversuch im Beisein einer ihn verschmähenden Frau allzu schnoddrig als „Idiotie“ apostrophiert.

Doch zu Waiblingers eigenen Texten. Der „Erzählungen und Briefe“ ankündigende Titel des Büchleins könnte Erwartungen wecken, die nicht ganz erfüllt werden. Denn das Herzstück der Zusammenstellung bilden weder die zwanzig enthaltenen Briefe an Freunde, Geliebte sowie an die Eltern, noch gar eine Erzählung, sondern Waiblingers biografischer Abriss – oder wenn man so will Essay – über das Leben Hölderlins, der mit 50 Seiten der umfangreichste Text des Bändchens ist. Aus jeder seiner Zeile spricht Waiblingers Bewunderung für den begnadeten Poeten, aber auch die Empathie mit dem Tübinger Geisteseremiten. Hinzu tritt ein kleiner und heute nur noch mäßig amüsanter satirischer ‚Bericht‘ darüber, „wie es einem deutschen Poeten auf dem Kapitol ergangen“, und ein Auszug aus der Novelle „Die Briten in Rom“. Den Lyriker und Pessimisten Waiblinger, der etwa fragte, was vom „Lebensfeste“ bleibt, und der befand, ‚die Ruh‘ ist wohl das beste von allem Glück der Welt“, mit der er im Übrigen keine andere als die des „Kirchhofs“ meinte, blenden hingegen sowohl die Einleitung wie auch die Textsammlung aus.

Am lebendigsten tritt Waiblinger den Lesenden in seinen Briefen vor Augen, die stets auf Wirkung berechnet zu sein scheinen. So schon in dem bereits erwähnten Schreiben des 15-jährigen an Nestel, in dem er große Werke ankündigt. Später wird er gegenüber Julie Michaelis fast schon nietzscheanisch über sein „gewaltiges Dasein“ bramarbasiert. Während Waiblinger Freunden gegenüber gerne einen unbändigen Freiheitsdrang wie eine Auszeichnungen vor sich herträgt und erklärt, „jeder Eingriff in meine Eigentümlichkeit, sei er auch nur scheinbar“, mache ihn in „tiefster Seele wild“, gesteht er seiner Geliebten weniger Freiheit zu: „Mir gehörst du“, teilt er Michaelis mit. „Ich gebe Dir ein Leben, ich fordere das deine!“ Ob sie das seine überhaupt will oder ihres zu geben bereit ist, interessiert ihn wenig.

Doch scheint er Frauen nicht nur mit Worten bedrängt zu haben, wie ein früherer ‚Liebes‘brief an Philippine Heim vermuten lässt: „Warum war so eine wundersame Wehmut, eine Blässe stiller Duldung über Dein Gesicht verbreitet – Mädchen – wie ich zum ersten Male wieder Dein Auge sah – wer verargt mir’s, wenn mir da die Himmelswonne der Empfindung die Sinne umnebelte! Ich vermag dem rasenden Drang nicht zu widerstehen.“ Man kann sich über seine Verwunderung nur wundern, denn die Zeilen lassen Schlimmes befürchten: Ziemlich sicher zumindest eine sexuelle Zudringlichkeit.

Dabei erweckt er den Anschein, auf dem Gebiet der Gleichberechtigung seiner Zeit weit voraus zu sein, wenn er Auguste Brede gegenüber die „matten Vorurteile“ der Zeit geißelt, die „das Weib zu sehr in ihre häuslichen Schranken zurückweisen“, und ihr anbietet, sich mit ihm entgegen den Gepflogenheiten „zu einem Kunstzweck zu vereinen“. Denn er habe „Sie schon längst als Künstlerin in ihrem theatralischen Wirken bewundern und schätzen gelernt.“ Sich selbst preist Waiblinger „unter lauten wilden Jünglingen vielleicht der Wildeste“ zu sein, der zwar viele Frauen „geschaut und kennen gelernt“ habe, aber keine „beschäftige“ ihn so wie eben die Briefadressatin. Und so erweist sich das Lob der weiblichen Kunst schließlich als bloße Galanterie, als Versuch, die Schauspielerin herumzukriegen – wie die Herausgeberin in ihrer laxen Art vielleicht formulieren würde. In seinen Männer(brief)freundschaften bekennt Waiblinger sich hingegen unumwunden zu seiner Promiskuität und Frauenverachtung. „Meine Verhältnisse zu dem anderen Geschlecht, an das ich allen Glauben, vor allem die Achtung verloren habe, sind dadurch nur um desto mannigfaltiger aber auch desto hohler und nichtssagender geworden“, schreibt er an Theodor Wagner.

Der letzte Brief gilt allerdings weder einer Frau, noch einem Freund, sondern den Eltern, denen der todkranke Jüngling an seinem Sterbetag einen kaum anders als lakonisch zu nennenden Abschiedsbrief schrieb.

Titelbild

Wilhelm Waiblinger: Erzählungen und Briefe.
Herausgegeben von Monique Canté.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2011.
167 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783940086686

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