„Wir wollen wissen, ob es rational ist, bestimmte [moralische] Forderungen als berechtigt anzuerkennen“

Oliver Hallich argumentiert in seinem Buch „Die Rationalität der Moral“ dafür, dass es möglich ist, Moral rational zu begründen

Von Esther MenhardRSS-Newsfeed neuer Artikel von Esther Menhard

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die zentrale Frage der Ethik lautet: Lassen sich moralische Normen und Werte begründen? Die Frage, die sich unmittelbar daran anschließt, lautet: Wie lassen sich moralische Normen und Werte begründen, sollten sie tatsächlich begründbar sein? Oder anders formuliert: „Wie können wir, wenn überhaupt, die mit unseren Wertüberzeugungen und normativen Ansichten erhobenen Geltungsansprüche begründen?“

Oliver Hallich macht es sich in seiner Untersuchung „Die Rationalität der Moral“ zur Aufgabe, diese Fragen zu erörtern, ohne darauf zu verfallen, eine autoritäre Begründungsinstanz wie etwa einem Gott zugrunde zu legen. Er erörtert sie, indem er sich der Mittel der sprachanalytischen Philosophie bedient. Dass es sinnvoll ist, diesen Untersuchungsansatz zu wählen, begründet er im ersten Teil seines Buches. Er legitimiert den sprachanalytischen Ansatz, indem er darauf hinweist, dass jede Untersuchung einer ethischen Fragestellung zunächst die zentralen Begriffe der Frage zu klären und zu analysieren hat. Dies sei die Aufgabe der Metaethik. Sie selbst ist nicht auf moralische Vorannahmen angewiesen. Vielmehr gibt sie Werkzeug – die klaren Begriffe – an die Hand, durch welches sich eine ethische Frage klarer explizieren und bearbeiten lässt. Sie zu betreiben, ist nach Hallich notwendig für die Erörterung von Begründungsfragen, da ein Zusammenhang zwischen der Bedeutung moralischer Ausdrücke und ihrer Begründung besteht. Hallich argumentiert dafür, dass moralische Begriffe auf ihren faktischen Sprachgebrauch hin analysiert werden. Schließlich kombiniert er das Programm einer kritischen Metaethik mit dem Alltagssprachen-Ansatz. Moralische Sätze sind nach Hallich stets als von einem Sprecher formulierte Sätze zu verstehen, die im Kontext einer alltäglichen Sprechsituation zu ermitteln sind. Eine These, für die Hallich argumentiert, lautet: „Ein Sprecher des Satzes, Man soll X tun bezieht sich auf Sachverhalte einer bestimmten Art [nämlich auf Forderungssachverhalte].“

Forderungen werden immer von jemandem an jemanden gestellt. Somit kann der Satz „Man soll X tun“ auch als elliptische Form des Satzes „A fordert X von B“ verstanden werden. Hallich charakterisiert moralische Sätze als grundsätzlich normative Sätze; als als solche nicht kontextunabhängig identifizierbar; als personenbezogen. Moralische Sätze zu dekontextualisieren, ist nach Hallich ein grundlegender Fehler jeder ethischen Untersuchung. Er sieht das Begründungsproblem daher auch nicht als Problem der Begründung von Forderungen, sondern als Problem der Anerkennung dieser Forderungen durch die Beteiligten. Und ebenfalls ist das Begründungsproblem dementsprechend nicht als Problem der Begründung von Sätzen, sondern von Äußerungen zu verstehen.

Nachdem Hallich im zweiten, dem Hauptteil des Buches, für ein Modell der Begründung moralischer Äußerungen durch Fakten im Rahmen einer nondeskriptiven Metaethik argumentiert, setzt er sich im dritten Teil mit Wertungen, ihren Unterschieden und ihrem Verhältnis zu Normen auseinander. In Bezug auf moralische Wertungen verteidigt er einen Emotivismus, der nach Hallich Raum für eine rationale Begründung von Wertungen lasse.

Hallich verdeutlicht in seiner Arbeit, dass es möglich ist, „moralische Normen über ihren, Weltbezug zu begründen, ohne aber moralische Sätze als Sätze über Tatsachen aufzufassen“. Sein entwickeltes Begründungsmodell vor dem Hintergrund des Nondeskriptivismus, nach dem moralische Sätze nicht über einen deskriptiven Gehalt begründet werden müssen, passt sich an vorphilosophische Intuitionen an, die einem als Leser auch durch die Praxis des alltäglichen moralischen Denkens und Begründens bekannt vorkommen.

Die Untersuchung verfolgt eine konkrete Fragestellung, die nie aus dem Fokus gerät. Im Lauf der Bearbeitung der Frage rollt Hallich grundlegende Fragestellungen der Ethik und ihre Diskussion in der Ethik des 20 Jahrhunderts auf. Das Buch hat somit auch einen einführenden Charakter in die Disziplin der Ethik sowie der sprachanalytischen Methoden. Er expliziert die theoretischen Parallelen seiner Überlegungen zu Richard Hare, diskutiert Theorieansätze David Humes und George E. Moores und anderer, problematisiert die Sprechakttheorie John Searles.

Hallichs Buch ist mit 957 Seiten sehr umfangreich. Doch verliert man bei der Lektüre an keiner Stelle den Überblick, da der Untersuchung eine detaillierte und sinnvolle Gliederung zugrunde liegt. Die Überschriften machen deutlich, was im folgenden Kapitel zu erwarten ist. Jedem Kapitel ist eine Art abtract vorangestellt. Außerdem schließt jedes Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung der wichtigsten vorangegangenen Überlegungen und Ergebnisse. Aber nicht nur die überaus klare Struktur der Untersuchung in formaler Hinsicht macht die Lektüre angenehm, sondern vor allem auch in inhaltlicher Hinsicht. Der Leser wird von Gedankengang zu Gedankengang geleitet. Die Argumentation ist stichhaltig und überzeugend, ohne Redundanzen oder Ellipsen. Daneben ist Hallichs Sprache glasklar. Er verfolgt das Ziel, das viele Autoren aus den Augen verloren haben, nämlich dem Leser auf möglichst einfache und deutliche Weise komplexe Überlegungen zu vermitteln. Schließlich ist die Nüchternheit der Untersuchung angenehm, die leicht im Folgenden zum Ausdruck kommt: „Und wenn Philosophie uns hilft, unsere vorphilosophischen Intuitionen aufzuklären und, wo nötig, zu korrigieren, dann ist das nicht wenig.“

Titelbild

Oliver Hallich: Die Rationalität der Moral. Eine sprachanalytische Grundlegung der Ethik.
Mentis Verlag, Paderborn 2008.
957 Seiten, 128,00 EUR.
ISBN-13: 9783897856066

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