Wer war Ackermann?

Oliver Ohmanns Buch „Heinz Rühmann und ,Die Feuerzangenbowle‘“ und Jörg Kochs Band über „Jud Süß“ versprechen Aufklärung über den NS-Film

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die immer noch gängige Unterscheidung zwischen dem NS-Unterhaltungsfilm und dem Propagandafilm setzt eine bald nach 1945 gemäß moralischen Kriterien getroffene Bewertung implizit fort: Die ‚guten‘, sprich: ideologiefreien Filme wurden im Kino und später dann im Fernsehen weiterhin gezeigt, die ‚bösen‘ verschwanden in den Archiven, ja die bedenklichsten Filme der NS-Zeit stehen als „Vorbehaltsfilme“ unter strengem Verschluss und dürfen nur unter ganz bestimmten Auflagen gesehen werden. Und so wird ein nach Millionen zählendes begeistertes Publikum kaum auf die Idee kommen, „Die Feuerzangenbowle“ als Produkt der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie nüchtern und kritisch zur Kenntnis zu nehmen. Doch hat jüngst zum Beispiel Sönke Neitzel darauf hingewiesen, dass in der Medienlandschaft des Nationalsozialismus keine Trennschärfe zwischen Unterhaltungs- und Propagandafunktion kenntlich ist.

Zwei Neuerscheinungen scheinen sich von den Extremen her diesem Befund zu nähern, beide verfolgen keine wissenschaftlichen Zielsetzungen, sondern sind Sachbücher, die freilich in Forschungslücken stoßen oder Forschung popularisieren, ohne dass die Autoren über die notwendige kritische Distanz oder auch über die handwerklichen Voraussetzungen verfügten. Bei allen Schwächen sind es doch gerade faute de mieux Bücher, die Beachtung finden sollten.

Der Berliner Journalist Oliver Ohmann hat das erste Buch über den vielleicht kultigsten deutschen Film überhaupt geschrieben, nämlich über „Die Feuerzangenbowle“. Das enorm materialreiche Buch, das den Ehrgeiz hat, alle Quellen und Informationen auszubreiten, die es über diesen Film zu geben scheint, ist über weite Strecken mehr Dokumentation als ein auf breiteste Fankreise abzielendes Produkt. Auf fast 400 Seiten erfährt der Leser die Vorgeschichte des von Heinrich Spoerl verfassten Romans und seiner ersten Verfilmung von 1934, er wird chronologisch über die Entstehung des Filmprojekts, des Drehbuchs und natürlich über die Dreharbeiten informiert – ob die Nacherzählung der Handlung Szene für Szene notwendig ist, stehe dahin.

Ohmann hat zur Kenntnis genommen, was Filmwissenschaftler, allen voran Karsten Witte, über den Film geschrieben haben. Der soldatisch strenge Studienrat Dr. Brett, den Joseph Goebbels als wertekonformen Sympathieträger neben zahlreichen lächerlich gemachten Autoritätspersonen im Film haben wollte, könnte fast ein Propagandaredner der NSDAP sein. Die Entstehungsgeschichte, die den Film in die Kontexte von Stalingrad und Bombennächten einreiht, dürfte dem Leser dann noch mehr zu denken geben.

Der Umfang des Buchs ist allerdings Ohmanns Sammlerehrgeiz geschuldet. Fast die Hälfte machen die Biografien aller Beteiligten, vor allem der Schauspieler bis hin zu periphersten Nebenrollen, aus. Dabei entsteht für den, der das wirklich alles liest, eine kleine Theater- und Filmgeschichte der NS-Zeit in Einzelbiografien von Protagonisten vor allem aus der zweiten Reihe. Der Autor bekennt, ihn habe lange Zeit die Frage umgetrieben, wer der Darsteller des Schülers Ackermann sei, des Strebers von der ersten Bank. Nun wissen wir, dass er Heinz Himmel hieß und eine Gage von 100 Reichsmark erhielt. Doch kratzt das Buch immerhin auch ein wenig am Denkmal Heinz Rühmanns, erinnert es uns doch daran, dass Heinrich Spoerls Roman in Goebbels’ „Angriff“ vorabgedruckt wurde. Materialien werden ausgebreitet, doch kaum gewichtet oder bewertet. Die Thesen zur Wirkung des Films im Krieg – „nur als Komödie“ – sind vielleicht allzu wohlwollend, zeigt uns der Film doch, wie eine verschworene, mit einem charismatischen Führer begabte Gemeinschaft mit Witz und Kampfgeist über eine abgelebte Generation verknöcherter Spießer siegt, bis eine systemstabilisierende Versöhnung eintritt, die die Vertreter beider Generationen in ihre Rechte wiedereinsetzt. Gewiss lehrt er auch, wie man sich einer defizitären Gegenwart durch die Flucht in ein Idyll entzieht. Diese Motive waren nach 1945 so aktuell wie nie zuvor, doch werden die Kinobesucher des letzten Kriegsjahres aufgrund ihrer Lebenserfahrungen den Film in seinem Durchhaltegestus ganz anders wahrgenommen haben, als wir es heute tun.

Zwischen 1969 und 1989 lief der Film nicht öfter als fünfmal im Fernsehen – seitdem aber gab es 52 Wiederholungen! Erst die Nachwende-Deutschen wurden ein Volk von „Feuerzangenbowle“-Liebhabern.

Jörg Koch informiert in seinem als Dokumentation bezeichneten Buch, das ehrlicherweise als Materialienband für den Schulunterricht figurieren sollte, über die Geschichte und vor allem die künstlerische Rezeption des Joseph Süß Oppenheimer, der in den 1730er-Jahren einer der bis heute bekanntesten jüdischen Hoffaktoren an einem absolutistischen deutschen Fürstenhof, nämlich im Württemberg des Herzogs Karl Alexander, wurde. Süß’ rege wirtschaftspolitische Tätigkeit im Stil des Merkantilismus eröffnete Württemberg den Weg zu Tabak-, Seiden- und Porzellanmanufakturen. Doch war Süß so wenig unumstritten wie sein Herr, und nach dessen Tod schritten die Landstände sogleich zur Verhaftung. Der Band rekonstruiert die Biografie der historischen Person Joseph Süß Oppenheimer bis zu ihrer öffentlichen Hinrichtung 1738, präsentiert Wilhelm Hauffs Novelle „Jud Süß“ und verfolgt die weitere Geschichte über Lion Feuchtwangers Roman und Veit Harlans Verfilmung von 1940, die mit dem Nimbus des heftigsten antisemitischen Hetzfilms der NS-Zeit behaftet ist, bis zu Oskar Roehlers 2010 erschienener Filmbiografie des Harlan-Hauptdarstellers Ferdinand Marian „Jud Süß – Film ohne Gewissen“. Das Buch begleitet eine 2011 bei den Nibelungenfestspielen in Worms unter der Regie von Dieter Wedel uraufgeführte Theaterfassung des Stoffes.

Wilhelm Hauffs Novelle – die in einer philologisch völlig ungesicherten Fassung abgedruckt wird, naiv als „annähernd 200 Jahre alte […] Lektüre“ bezeichnet – ist nicht frei von antisemitischen Zügen, zeichnet den Juden Süß aber ambivalent – mit der Ambivalenz der Figur taten sich die Zeitgenossen schon schwer. Spätestens Veit Harlans berüchtigte Verfilmung wollte einem von Ferdinand Marian gespielten Süß keine sympathischen Züge mehr einräumen. Die Stoffgeschichte zeugt von der gescheiterten Emanzipationsgeschichte der Juden auf deutschem Boden vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Allein der jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger unternahm mit seinem Roman einen Gegenentwurf, die Geschichte eines reuigen Sünders.

Zu Unrecht steht Hauffs Novelle, die auf diese Weise wohl als Schullektüre zur Verfügung gestellt werden soll, vor allem quantitativ im Zentrum des Buches. Harlans Verfilmung, in der Juden mit Absicht so dargestellt sind, dass sie beim Zuschauer Abscheu erregen müssen, wird ausführlich dargestellt. Insbesondere Werner Krauß, späterer Träger des Iffland-Rings, zeichnete sich durch die antipathisch wirkende Verkörperung sämtlicher männlicher jüdischer Nebenrollen aus. Viele Millionen Deutsche haben zwischen 1940 und 1945 den Film gesehen, der seine Zuschauer mittels des Motivs der „Rassenschande“ auf seine Seite zieht, vergewaltigt Süß in Harlans Version doch eine von Kristina Söderbaum gespielte blond-blauäugige junge Deutsche.

In die Irre führt den Leser die Tatsache, dass das Buch nicht nur bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen ist, sondern im Design an deren erfolgreiche Reihe wissenschaftlicher Einführungen und Lehrbücher anknüpft. Doch erreicht es beileibe nicht wissenschaftliches Niveau. Das liegt weniger an geringer Originalität der Darstellung – das Thema ist bereits breit erforscht. Bedenklich ist das an manchen Stellen geringe sachliche Niveau des Bandes, der schon auf den ersten Seiten mit Fehlern wie „zwischen Barock und Neuzeit“ aufwartet, der für das 18. Jahrhundert die konfessionelle Zugehörigkeit als „private(s) Bekenntnis“ bezeichnet und von einer „Staatsbürgergesellschaft“ spricht, der den im protestantischen Württemberg katholischen Karl Alexander zusammen mit seinem jüdischen Hoffaktor zu einem „Außenseiter“ macht. Dies alles zeugt von geringer Geschichtskenntnis und einem sorglosen Umgang mit Begriffen.

Die normative Unterscheidung zwischen dem guten und dem bösen Film der NS-Zeit, daran erinnern beide Bücher, ist längst obsolet. Es wäre wünschenswert, dass Filme wie „Jud Süß“ oder „Ohm Krüger“ leicht und in guten Kopien zugänglich sind – das Internet hat die Situation ohnehin längst verändert. Es ist zugleich aber notwendig, Opas Lieblingsfilme von ihrem nostalgischen Beigeschmack zumindest etwas zu befreien und sich bewusst zu machen, dass auch jene Komödien keine zeitlosen Geschenke der Götter sind. ‚Unterhaltung‘ könnte man als ‚Propaganda minus x‘ definieren, wobei x die staatlicherseits mehr oder minder ausgeprägte Akzeptanz des allgemeinen Bedürfnisses nach Realitätsflucht bezeichnen soll. Das umfassende Propagandaverständnis der Nazis nahm heutige Werbestrategien vorweg: Es darf, namentlich in den Massenmedien, keinen von Propaganda freien Raum geben.

Titelbild

Oliver Ohmann: Heinz Rühmann und "Die Feuerzangenbowle". Die Geschichte eines Filmklassikers.
Lehmstedt Verlag, Leipzig 2010.
407 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783937146980

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Titelbild

Jörg Koch: Joseph Süß Oppenheimer genannt "Jud Süß". Seine Geschichte in Literatur, Film und Theater.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011.
151 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783534246526

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