Der zauberhafte Mr.Mann

Über zwei neue Bücher zu biografischen Aspekten bei Thomas Mann

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zuerst berichten sie meist selbst aus ihrem Leben, dann Partnerinnen oder Partner sowie enge Freunde. Irgendwann einmal lässt sich selbst der Gärtner vernehmen. Im Falle Thomas Mann ist es nun der zeitweilige „Sekretär“, der sich darüber äußert, wie sein „Boss, der Zauberer“ so war. Aber keine Angst. Die Erzählungen des Konrad Kellen unterscheiden sich erheblich von der üblichen Anekdotenblüte um Prominente. Denn Konrad Kellen ist nicht nur eine der zahllosen Randfiguren, welche die Lebenskreise der Mann-Familie bevölkern, er ist selbst ein bemerkenswertes Stück Zeitgeschichte.

Das vorliegende Buch ist ebenso disparat wie das Leben seines Protagonisten. In einem umfangreichen Nachwort berichten die Herausgeber, wie sie auf Kellen gestoßen sind und ihm noch kurz vor seinem Tod 2007 die Erinnerungen und einige Lebenszeugnisse gleichsam abgerungen haben.

1913 wird Konrad als Sohn des Unternehmers und Bonvivant Ludwig Katzenellenbogen in Berlin geboren. Die großbürgerlichen Eltern, die Mutter ist Kunstsammlerin, sind jüdischer Herkunft, aber zum Christentum übergetreten. 1931 gerät der Vater durch ein Intrigenspiel in einen Wirtschafts- und Finanzskandal. Da hat er die Familie aber bereits verlassen, um mit der Schauspielerin Tilla Durieux zusammenzuleben. Als Konrad, der inzwischen in München Jura studiert, erlebt, wie die Menge nach einer Hitlerrede auf dem Odeonsplatz einen vermeintlichen Juden bespuckt, beschließt er umgehend, seinem wahnsinnig gewordenen Heimatland den Rücken zu kehren und ins Exil nach Frankreich zu gehen. Die Wut auf den kollektiven Irrsinn des Nazismus, nicht auf die Deutschen, wird ihm fortan zum Lebensmotor, der noch die späten Erinnerungen an- und umtreibt. In Paris lernt er Klaus und Erika Mann kennen. 1935 wandert er in die USA aus, ändert seinen dort unaussprechlichen Namen um in Kellen und versucht, ein echter Amerikaner zu werden. 1938 stellen die Mann-Geschwister im New Yorker Bedford Hotel Konrad ihren Eltern vor. 1940 übersiedelt er an die Westküste nach Santa Monica, heiratet eine Amerikanerin und wird von Thomas Mann als Sekretär angestellt. Er führt die amerikanische Korrespondenz des Schriftstellers und tippt vor allem das Manuskript des „vierten und letzten Bandes der Josephslegende“, dessen erster Leser er mithin wird.

Fortan erscheint er auch immer wieder in den Tagebüchern Thomas Manns auf, wo er als Gesprächspartner auftaucht und, was nicht selbstverständlich ist für die Mann‘schen Tagebücher, mit einer gewissen Wertschätzung bedacht wird, obwohl oder gerade, weil die Beziehung nicht homoerotisch geprägt ist, was Kellen ausdrücklich betont. 1943 wird Kellen allerdings, zum Bedauern der Mann-Familie, als Soldat eingezogen und berichtet nun häufig aus dem zerstörten Europa. Das Faksimile eines zweiseitigen Briefes von Thomas Mann an den „lieben Konni“ ist dem Bildteil des Buches beigefügt. Kellen wird Mitglied der sogenannten Ritchie Boys, Emigranten, die in der psychologischen Kriegsführung tätig sind, unter ihnen die Schriftsteller Stefan Heym und Hans Habe. Später arbeitet er für Radio Free Europe und dann für RAND, einem think tank des Kalten Krieges. Diese Tätigkeit entfremdet ihn immer mehr der Mann-Familie und vor allem Erika. In den 1960er-Jahren schreibt Kellen eine Monografie über Chruschtschow und plädiert in der New York Times für einen raschen Rückzug aus Vietnam. Er kehrt nach Pacific Palisades zurück und zieht in die Nähe der Feuchtwanger-Villa. 2007 stirbt er in Los Angeles.

Was Kellen über das Werk Thomas Manns zu berichten weiß, bleibt eher banal. Trotzdem werfen die Erinnerungen einen bezeichnenden Blick auf Thomas Mann in Amerika. Kellen weiß, dass er Thomas Mann viel zu verdanken hat. Im Umgang mit ihm lernte er nicht nur die Emigrantenelite kennen, sondern konnte die Bildung nachholen, die er, durch die Zeitläufte bedingt, versäumt hatte. Er schildert seinen Mentor etwas holzschnittartig, als sehr förmlich, aber stets freundlich. Er habe die Familie und enge Freunde geschätzt, offizielle Geselligkeiten indes eher gescheut. Wo er sich ihnen nicht entziehen konnte, sei er zurückhaltend gewesen, habe aber seine Umgebung sehr genau beobachtet und in seinem Werk verarbeitet. Das Genie habe sich vor allem, was nicht verwunderlich ist, einer großen Selbstdisziplin verdankt.

Mit dem Jüngeren teilte Thomas Mann die politische Einstellung und das Interesse an den Weltereignissen. „Thomas Mann war kein eitler Intellektueller, der auf andere herabsah oder mit ihnen haderte, sondern ein Menschenfreund. Das war auch der Grund, warum er den Nazismus und dessen Unmenschlichkeit bis in sein innerstes Mark bekämpft hat.“ Die Güte sei ein fundamentaler Zug gewesen, der ihn zum naturhaften Gegner der Nazis gemacht habe, die den Hass als Lebensmaxime predigten. Den Hass des Pöbels hatten wohl beide an sich selbst erfahren, Kellen sogar als Zuhörer jener Berliner Rede „Appell an die Vernunft“ aus dem Jahre 1930, die Thomas Mann vorzeitig beenden musste, weil die Veranstalter sich sorgten, „dass die Menge gegen ihn tätlich werden könnte“.

Dabei verwirrt diese Einstellung zur Güte Thomas Mann keineswegs die grundsätzliche Perspektive, sah er doch ganz im Sinne Arthur Schopenhauers in der Welt, wie Tonio Kröger bekundet, nur „Elend und Komik“. Der Ort, an dem dies kulminierte, war für Thomas Mann München, dieses „dumme Nest“, wo er fast die Hälfte seines Lebens verbrachte. Der Beziehung des Schriftstellers zu dieser Stadt hat die dort angesiedelte „Bayerische Akademie der Schönen Künste“ eine kleine Schrift gewidmet, die eine notwendige Klärung unternimmt und gleichwohl das Persönlichkeitsbild Thomas Manns, das Kellen entworfen hat, noch einmal fortschreibt.

In seinem „Geleitwort“ wendet sich der Akademiepräsident Dieter Borchmeyer den Jahren bis 1933 zu, also der Vornazizeit. Bereits in den weitgehend in München geschriebenen „Buddenbrooks“ wirft Thomas Mann einen satirischen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner, nicht ohne ihr in der Erzählung „Gladius Dei“ auch ein Prädikat zu geben, auf das sie bis heute stolz ist: „München leuchtete“. Dem Tagebuch allerdings offenbart er nicht selten eine andere Einstellung und deutliche Distanz, die darin gipfelt, dass er der Stadt im „Bombardement“ des August 1940 die Vernichtung gönnt. Vorausgegangen ist allerdings 1933 die Existenz vernichtende Vertreibung, die das Tagebuch als „hirnloses Lynchgericht“ vermerkt. 16 Jahre später besucht Thomas Mann aus Anlass des 200. Geburtstags Goethes Deutschland und auf Einladung der Stadt auch für zwei Tage München. Weil nun die Akademie der Schönen Künste den Goethegeburtstag federführend für München gestalten wollte, konnte sie den Besuch des Dichters schlecht ignorieren, dessen Deutschlandreise anlässlich der Goethefeierlichkeiten bereits groß angekündigt war und durch die Verleihung der Goethe-Preise von Frankfurt und Weimar gekrönt wurde.

Allerdings lud sie ihn nicht als Redner ein, sondern lediglich zu einem Tee-Empfang. Obwohl Klaus Mann dem Vater grundsätzlich von einem Besuch der Stadt abriet, sagte Thomas Mann zu. Dies tat er vielleicht auch, um seine deutschen Leser, der „Doktor Faustus“ war gerade erst erschienen, nicht vor den Kopf zu stoßen, so, wie er sich ja aus dem selben Grund erst spät zum Exil bekannt hatte. Das Akademie-Mitglied Albert von Schirnding hat diese „Rückkehr eines Ausgewiesenen“ minutiös aus den Akademie-Akten sowie aus Zeitungsmeldungen und Tagebuchnotizen rekonstruiert und die Delikatesse dieses Besuches vorurteilslos und daher kaum zum Vorteil der Institution gewürdigt.

Die Akademie war 1948 als erste Institution dieser Art gegründet worden, und zwar zum Teil von den Persönlichkeiten, die 1933 den Protestbrief gegen Thomas Mann unterschrieben hatten, mit dem dieser aus München verjagt werden sollte. Bereits kurz nach ihrer Gründung und auch, um anstehende Konkurrenzunternehmungen auszustechen, bemühte sich die Akademie darum, Thomas Mann, der noch in Pacific Palisades wohnte, eine ordentliche Mitgliedschaft anzutragen. Als dieser auch wegen zu großer geografischer Entfernung ablehnte, drängte man ihm die Ehrenmitgliedschaft der Abteilung Schrifttum auf. Allerdings hatte Thomas Mann, wie Schirnding nachweist, innerhalb der Abteilung nicht wenige Feinde, die ihm die Emigration und insbesondere sein 1945 geäußertes Verdikt vorwarfen, nach dem „alle von 1933 bis 1945 in Deutschland gedruckten Bücher eingestampft werden sollten“, eine, wie er selbst etwas später einräumte, „wenig nuancierte Bemerkung“.

Zum Empfang für ihren Ehrenvorsitzenden erschienen von den 39 Mitgliedern der Literaturabteilung nur elf, weshalb man rasch einige Mitglieder der anderen Abteilungen und weitere Persönlichkeiten des Münchner Kulturlebens hinzubitten musste. In den Zeitungsberichten wird die notorische „Liebenswürdigkeit, mit der Thomas Mann jedem die Hand gab“, gewürdigt, auch wenn diese den Protestbrief von 1933 unterzeichnet hatte. Im Tagebuch notiert er über die Veranstaltung allerdings „gespenstisch“. Die Weiterreise nach Weimar nahm man dem Nobelpreisträger nicht nur in München übel. Als sich Thomas Mann zu Anfang der 1950er-Jahre entschloss, nicht mehr nach Deutschland, wo der Kalte Krieg einem ersten Höhepunkt entgegensteuerte, sondern in die Schweiz zurückzukehren, suchte man in der Akademie einen formalen Vorwand, um sich von dem „Kommunistenfreund“ zu trennen. Auf ein diesbezügliches Schreiben hat Thomas Mann nicht mehr reagiert.

Die Winkelzüge der Akademie konnten hier nur skizziert werden. Dass Schirnding sie so engagiert offenlegte, gereicht der Institution, die sich damals wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat, heute allerdings zur Ehre.

Titelbild

Konrad Kellen: Mein Boss, der Zauberer. Thomas Manns Sekretär erzählt.
Herausgegeben von Manfred Flügge und Christian Ter-Nedden.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011.
253 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783498035372

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Albert von Schirnding: Rückkehr eines Ausgewiesenen . Thomas Mann und die Bayerische Akademie der Schönen Künste.
Wallstein Verlag, Göttingen 2011.
100 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783835309623

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