Szenarien und Inszenierungen des Todes

Zahlreiche thanatologische Neuerscheinungen geben Anlass zu Reflexionen über Kulturtechniken der Emotionalisierung. Teil I

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Tod des Sokrates

Eine der vielen großen „Sterbegeschichten“ (vgl. den Beitrag von Dieter Lamping in dieser Ausgabe) der abendländischen Kultur ist die Geschichte vom Tod des Sokrates, wie sie uns Platon in seinen Dialogen überliefert hat. Sie ist ein bewegendes Lehrstück über den Umgang mit Gefühlen angesichts des Todes.

Phaidon, ein Freund des Sokrates, wird gebeten, möglichst genau über die letzten Stunden des Zusammenseins mit dem zum Tode Verurteilten zu berichten. Und er berichtet zunächst über sonderbare Gefühlsmischungen:

„Mir meinesteils war ganz wunderbar zumute dabei. Bedauern nämlich kam mir gar nicht ein als wie einem, der bei dem Tode eines vertrauten Freundes zugegen sein soll; denn glückselig erschien mir der Mann, o Echekrates, in seinem Benehmen und seinen Reden, wie standhaft und edel er endete, so daß ich vertraute, er gehe auch in die Unterwelt nicht ohne göttlichen Einfluß, sondern auch dort werde er sich Wohlbefinden, wenn jemals einer sonst. Darum nun kam mich weder etwas Weichherziges an, wie man doch denken sollte bei solchem Trauerfall, noch auch waren wir fröhlich wie in unsern philosophischen Beschäftigungen nach gewohnter Weise, obwohl unsere Unterredungen auch von dieser Art waren; sondern in einem wunderbaren Zustande befand ich mich und in einer ungewohnten Mischung, die aus Lust zugleich und Betrübnis zusammengemischt war, wenn ich bedachte, daß Er nun gleich sterben würde. Und alle Anwesenden waren fast in derselben Gemütsstimmung, bisweilen lachend, dann wieder weinend …“

Über den angemessenen Umgang mit Gefühlen belehrt uns das Ende des Berichtes. Nachdem Sokrates den Schierlingsbecher „frisch und unverdrossen“ (wieder in der Übersetzung Schleiermachers) ausgetrunken hatte, konnten die Freunde ihre Tränen erst zurückhalten, als Sokrates sie dazu ermahnte:

„Und von uns waren die meisten bis dahin ziemlich imstande gewesen, sich zu halten, daß sie nicht weinten; als wir aber sahen, daß er trank und getrunken hatte, nicht mehr. Sondern auch mir selbst flossen Tränen mit Gewalt, und nicht tropfenweise, so daß ich mich verhüllen mußte und mich ausweinen, nicht über ihn jedoch, sondern über mein eigenes Schicksal, was für eines Freundes ich nun sollte beraubt werden. Kriton war noch eher als ich aufgestanden, weil er nicht vermochte die Tränen zurückzuhalten. Apollodoros aber hatte schon früher nicht aufgehört zu weinen, und nun brach er vollends in lautes Klagen aus, weinend und unwillig sich gebärdend, und es war keiner von allen Anwesenden, den er nicht durch sein Weinen erschüttert hätte, als nur Sokrates selbst; der aber sagte: Was macht ihr doch, ihr wunderbaren Leute! Ich habe vorzüglich deswegen die Weiber weggeschickt, daß sie dergleichen nicht begehen möchten; denn ich habe immer gehört, man müsse stille sein, wenn einer stirbt. Also haltet euch ruhig und seid stark!
Als wir das hörten, schämten wir uns und hielten inne mit Weinen. Er aber ging umher, und als er merkte, daß ihm die Schenkel schwer wurden, legte er sich gerade hin auf den Rücken: denn so hatte es ihn der Mensch geheißen. Darauf berührte ihn eben dieser, der ihm das Gift gegeben hatte, von Zeit zu Zeit und untersuchte seine Füße und Schenkel. Dann drückte er ihm den Fuß stark und fragte, ob er es fühle; er sagte: ‚Nein.’ Und darauf die Kniee, und so ging er immer höher hinauf und zeigte uns, wie er erkaltete und erstarrte. Darauf berührte er ihn noch einmal und sagte, wenn ihm das bis ans Herz käme, dann würde er hin sein.
Als ihm nun schon der Unterleib fast ganz kalt war, da enthüllte er sich, denn er lag verhüllt, und sagte, und das waren seine letzten Worte: ‚O Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig: entrichtet ihm den und versäumt es ja nicht!’
Das soll geschehen, sagte Kriton; sieh aber zu, ob du noch sonst etwas zu sagen hast?
Als Kriton dies fragte, antwortete er aber nichts mehr; sondern bald darauf zuckte er, und der Mensch deckte ihn auf; da waren seine Augen gebrochen. Als Kriton das sah, schloß er ihm Mund und Augen.
Dies, o Echekrates, war das Ende unseres Freundes, des Mannes, der unserm Urteil nach von den damals Lebender, mit denen wir es versucht haben, der Trefflichste war und auch sonst der Vernünftigste und Gerechteste.“

In dem Bericht demonstriert Sokrates als Vorbildfigur, die es mehr zu bewundern als zu bemitleiden und zu betrauern gilt, wie der ‚mannhafte’ und vernünftige Umgang mit Emotionen angesichts des Todes nach Platon auszusehen hat. Der Bericht selbst entspricht dem in seiner Machart: Der Stil, in dem hier über das Sterben des Philosophen erzählt wird, ist bemerkenswert sachlich und dazu angetan, den Leser zwar emotional nicht unbewegt zu lassen, aber gleichzeitig so weit in Distanz zu dem erzählten Geschehen halten, dass er von Emotionen nicht überwältigt wird. Über die Angemessenheit von Emotionen zu reflektieren und sich dadurch nicht von ihnen beherrschen zu lassen, entspricht sowohl dem Habitus des dargestellten Philosophen als auch der Darstellungsform des Textes. Und mehr noch als die Traurigkeit ist es dabei eine andere Emotion, die im Zusammenhang mit Todesszenarien die größte Herausforderung darstellt: die Angst.

Kulturtechniken der Angstmodulation

Den größten argumentativen Aufwand betreibt Sokrates in Platons Dialogen zur Abwehr von Todesangst. Sein stärkstes Argument gegen die Angemessenheit der verbreiteten Angst vor dem Tod ist, dass niemand wissen könne, was der Tod sei. Dem Motto gemäß, dass überlegene Weisheit des Philosophen in der Erkenntnis besteht „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, argumentiert Sokrates in der „Apologie“:

„Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes, als sich dünken man wäre weise und es doch nicht sein. Denn es ist ein Dünkel etwas zu wissen was man nicht weiß. Denn Niemand weiß was der Tod ist, nicht einmal ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüßten sie gewiß, daß er das größte Übel ist.“

Diese Perspektive ist ziemlich egozentrisch fixiert auf den eigenen Tod. Das Wissen über den und die Ängste vor dem Tod anderer bleiben ausgeblendet. Auch die folgende Argumentation gegen die Todesangst ignoriert die Emotionen derer, die mit dem Tod anderer konfroniert sind: „Denn von zwei Dingen kann das Sterben nur eines sein; entweder nämlich ist es eine Art Nichtsein, so daß der Verstorbene auch keinerlei Empfindung mehr von irgend etwas hat, oder es findet, wie ja behauptet wird, eine Art Übergang und Übersiedlung der Seele statt: von dem Orte hier an einen anderen Ort.“

Überlegungen, wie sie Sokrates öffentlich gegen die kollektive Angst vor dem Tod verbreitet, sind allerdings nur ein kleiner Bestandteil der ungemein vielfältigen Gedankenkonstrukte, Phantasien und Kulturtechniken, die Ängste aller, die in irgendeiner Weise in Todesszenarien involviert sind, zu modulieren, also sie anzusprechen, abzuschwächen, zu intensivieren, ihren Verlauf zu lenken, mit anderen Emotionen zusammenzuführen, sie mit Lustempfindungen zu koppeln oder sie zu diversen Zwecken zu instrumentalisieren.

Thanatologische Schriften, also Veröffentlichungen in allen wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Tod befassen, beschreiben, analysieren und reflektieren zu weiten Teilen kulturelle Praktiken, die Ängste vor dem Tod zu reduzieren. Und die meisten medizinischen, psychologischen, soziologischen, ethnologischen oder auch literaturwissenschaftlichen Forschungen thanatologischer Provenienz beteiligen sich selbst an der Optimierung von Kulturtechniken der Angstbewältigung.

Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio, dessen 2011 erschienenes Buch „Über das Sterben“ mit dem Untertitel „Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen“ rasch zum Bestseller wurde, erklärt: „Hauptziel dieses Buches ist es, den Menschen die Angst vor dem Sterben, vor allem die Angst vor einem qualvollen Sterben zu nehmen.“ Wenn er an späterer Stelle formuliert: „was die Angst vor dem Tod verringert, hilft dem Menschen“, ist das, isoliert gelesen, sicher nicht haltbar. Denn ohne Angst vor dem Tod wären Menschen nicht überlebensfähig angesichts ständiger lebensbedrohlicher Gefahren. Nur die Angst vor dem Tod, ließe sich eher umgekehrt formulieren, hilft dem Menschen. Sie hilft ihm zu leben. Im Zusammenhang mit den Todesszenarien, um die es Palliativmedizin geht, Szenarien des Sterbens, in denen der Tod sich nicht mehr verhindern, sondern das Sterben nur noch erleichtern lässt, behält der Satz Borasios jedoch seine Berechtigung. Viele der von ihm beschriebenen und vorgeschlagenen Kulturtechniken der medizinischen und vor allem psychosozialen Betreuung von Sterbenden knüpfen an alte Traditionen des Umgangs mit dem Tod an. Deren emotionale Wirkungsmechanismen werden allerdings auch in neueren Untersuchungen der historischen Thanatologie oft nur beiläufig oder unsystematisch reflektiert. Doch enthalten diese Untersuchungen dazu wertvolle Anregungen.

Teil II. dieses Beitrages erscheint in einer späteren Ausgabe von literaturkritik.de.

Titelbild

Manfred Jurgensen: "Die fabelhafteste Sache von der Welt". Der Tod in der deutschen Literatur.
Stauffenburg Verlag, Tübingen 2010.
620 Seiten, 44,80 EUR.
ISBN-13: 9783860570180

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Titelbild

Eva-Maria Schertler: Tod und Trauer in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Studien Verlag, Innsbruck 2010.
272 Seiten, 32,90 EUR.
ISBN-13: 9783706549929

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Titelbild

Oliver Sill: Das unentdeckte Land. Todesbilder in der Literatur der Gegenwart.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2011.
186 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783895288494

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Titelbild

Maria Ebert / Carola Gruber / Benjamin Meisnitzer / Sabine Rettinger (Hg.): Emotionale Grenzgänge. Konzeptualisierungen von Liebe, Trauer und Angst in Sprache und Literatur.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2011.
344 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783826043321

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Christoph Elsas (Hg.): Sterben, Tod und Trauer in den Religionen und Kulturen der Welt. Die Würde des Menschen am Lebensende in Theorie und Praxis. Bd. 2.
Band 2.
EB-Verlag, Berlin 2011.
413 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783936912906

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Wolfgang Sofsky: Todesarten. Über Bilder der Gewalt.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2011.
270 Seiten, 28,90 EUR.
ISBN-13: 9783882215571

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Massimo Fagioli: Todestrieb und Erkenntnis.
Übersetzt aus dem Italienischen von Anna Homberg, Cecilia Iannaco, Antonio Marinelli.
Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. 2011.
270 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783866000766

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Gian Domenico Borasio: Über das Sterben. Was wir wissen. Was wir tun können. Wie wir uns darauf einstellen.
Verlag C. H. Beck, München 2011.
207 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783406617089

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Holger Pils / Kerstin Klein (Hg.): Wollust des Untergangs. 100 Jahre Thomas Manns „Der Tod in Venedig“.
Wallstein Verlag, Göttingen 2012.
190 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783835310698

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