„Old Shatterhand bin ich selbst“

Zwei Bücher über Dichtung und Wahrheit bei Karl May

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Karl May am 25.Februar 1842 geboren wurde, war Goethe noch nicht einmal zehn Jahre tot. Ihre Autobiografien beginnen beide mit einem Sternen-Introitus, und obwohl sie zu den erfolgreichsten Autoren des 19. Jahrhunderts zählen, unterscheiden sie sich durch Welten. Denn während Goethe vor der industriellen Revolution geboren wurde, ist May ein Kind eben jener Umwälzung, welche die Menschheit radikal von einer zehntausendjährigen (Vor-) Geschichte trennt. „Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers. Mein Vater war ein armer Weber“, beginnt May seine Kindheitsgeschichte (in „Mein Leben und Streben“), die sich bis zum bekannten Tiefpunkt, der vierjährigen Haftzeit im Zuchthaus Waldheim, fortsetzt, um dann zu einem Höhenflug anzusetzen („Empor ins Reich der Edelmenschen“), der seinesgleichen sucht und der erst im beginnenden 21. Jahrhundert mit seiner globalen Informationsgesellschaft eine gewisse Ermüdung erkennen lässt.

Gerade deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, Karl May, dem bereits zahlreiche biografische Untersuchungen gewidmet sind, fein säuberlich aufgeteilt in Bewunderer und Verächter, historisch zu betrachten und mithin als „ein multimedial präsentes Objekt der Kommerzkultur“. Dass diese Analyse eines „Markenartikels“ vom stellvertretenden Vorsitzenden der Karl-May-Gesellschaft und Professor für Germanistik, Helmut Schmiedt, unternommen wird, darf als ein Glücksfall gelten. Denn ihm stand nicht nur die umfangreiche Forschungsliteratur bis in die Gegenwart zur Verfügung, ihm ist vor allem der kritische Blick des Kulturwissenschaftlers zu Eigen, der die komplexen literarischen Inszenierungen seines Forschungsobjektes vorurteilslos dekonstruiert.

Wie schon der Untertitel andeutet, sucht Schmiedt nach Ursachen für die ungeheure „Macht der Phantasie“ und deren erstaunliche Wirkung auf die Massengesellschaft. Er findet sie unter anderem in Mays Suche nach der verlorenen Kindheit und der „dauerhaften Fixierung auf ein kindliches Verhalten“.

Dass die Deutschen auf die Herausforderungen der Industrialisierung mit der Flucht in die luftigen Höhen der Fantasie reagieren würden, erahnte schon Heinrich Heine. May allerdings nutzte zugleich die neuen Möglichkeiten, die sich dem beginnenden Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit boten, indem er Lesestoff produzierte, der komplett auf den Vorarbeiten anderer beruhte. Er scheute auch nicht davor zurück, sich selbst zu plagiieren. Schmiedt weist nach, dass Mays Reiseerzählungen deshalb als zuverlässige Wegweiser gelten konnten, weil May mehr oder weniger bekannte Lexikonartikel von Geografen nutzte und sie ins Narrative umwandelte. Seine mit großem Fleiß verfassten Fantasieprodukte passte er den Anforderungen der jeweiligen Verleger und vor allem dem Publikumsgeschmack an. Er befriedigte den wachsenden Bedarf der zahlreichen Familienzeitschriften an instruktiv-unterhaltsamer Lektüre. Wenn er einmal die Fülle der Nachfragen allein aus Zeitgründen nicht bedienen konnte, vertrösteten die Redakteure die Leserschaft damit, dass der Autor und Ich-Erzähler wieder einmal unterwegs sei in jenen Regionen, die für die wilhelminische Zeit noch Abenteuer versprachen: der Orient und der Wilde Westen.

Somit geriet May allerdings auch selbst in den Bann seiner Hirngespinste („Old Shatterhand bin ich selbst“), konnte er sich doch mit einigem Recht einreden, sich auf diese Weise aus den Abgründen seiner Herkunft herausgearbeitet zu haben. Die maßlose Selbstgefälligkeit führte immer mehr zu einem dualen Schwarz-Weiß-Denken, das sich in Mays Privatmythologie von Ardistan und Dschinnistan widerspiegelt und nicht zuletzt in Adolf Hitler seinen Bewunderer findet, der ebenso wie May, aber zum Schaden aller, sein Leben symbolisch sehen wollte. Beide inszenierten sich als von der Welt Missverstandene, als Außenseiter, in denen viele Deutsche eine ideale Projektionsfläche für ihr Erlösungsbedürfnis sehen wollten. Trotzdem verfehlt etwa Klaus Mann den Schriftstellerkollegen, wenn er ihn dämonisiert. Schmiedt beschreibt vielmehr mit einer gewissen Empathie das Tragische, das Karl May trotz aller Erfolge umgab, auch in seinen Beziehungen zur Damenwelt. Faktenreich rekonstruiert er Mays Versuche, seine Reputation juristisch wiederherzustellen, womit er letztlich scheiterte. Anstatt auf der höheren Wahrheit seiner Dichtung zu bestehen, spann er die Legende durch nachträgliche Reisen an die Schauplätze seiner Fantasie weiter und krönte damit die Dissonanzen um sein Leben und Werk.

May und sein Bewunderer Hitler nutzten weit mehr als ihre Konkurrenten die technischen Möglichkeiten ihrer Zeit zur Etablierung einer ebenso wirkungsvollen wie fatalen Doppelexistenz. Die Spuren, welche die Fotografie als epochale Erfindung im Leben und Werk Karl Mays hinterlässt, untersucht der ehemalige Vorsitzende der Sektion Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Photographie, Rolf H. Krauss, in vier Aufsätzen. Ausgehend von seiner Grundthese, wonach die Literatur des 19. Jahrhunderts eine „Literatur des Auges“ sei und deshalb mit Bildern arbeite, zeigt er, dass die Fotografie nicht nur im Werk selbst eine Rolle spielt, etwa in „Winnetou IV“, sondern von May auch genutzt wurde, um seinen Starruhm zu begründen, der einherging mit dem um 1910 erstmals auftretenden Star Hollywood’scher Prägung. May ließ die bis heute bekannten Bildstrecken anfertigen, auf denen er in diversen Kostümierungen posierte, zunächst als Visitenkarte und dann auch, um die Autogrammwünsche seiner Fans zu befriedigen, die sich in zahlreichen Clubs organisierten. Ab 1904 verkaufte sein Freiburger Verleger Fehsenfeld auch Karl May-Postkarten. Um die Bindung an seine Anhänger noch zu stärken, forderte May diese auf, ihm ihrerseits Bilder zu schicken, aus dem er ein „Leseralbum“ anfertigte. Einige der rund tausend Amateuraufnahmen sind hier mit der jeweiligen Widmung an den Autor abgebildet. Das „Leseralbum“ dokumentiert nicht nur den Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit, es legt ebenso sehr Zeugnis davon ab, wie sehr May der Liebe und Anerkennung bedurfte. Auch darin erwies er sich als Produkt einer Gesellschaft, die zwei Jahre nach seinem Tod, am 30. März 1912, die Anerkennung der Welt mit allen, auch mit kriegerischen Mitteln zu erzwingen suchte.

Titelbild

Helmut Schmiedt: Karl May oder Die Macht der Phantasie. Eine Biographie.
Verlag C. H. Beck, München 2011.
368 Seiten, 22,95 EUR.
ISBN-13: 9783406621161

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Titelbild

Rolf H. Krauss: Karl May und die Fotografie. Vier Annäherungen.
Jonas Verlag, Marburg 2011.
96 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783894454562

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