Richtig gut weiterlesen – Clemens Götze über Moderne Mythen in der Literatur des 20. Jahrhunderts

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mythos und Literatur bedingen einander, wie kaum eine andere Symbiose in der Kulturgeschichte. Die Konstruktion des Mythologischen beschäftigte die Menschen nicht erst seit Entwicklung der Schriftsprache, doch findet jene durch die mediale Verbreitung nicht nur ihre Tradierung sondern gleichsam ihre Fortschreibung.

In der modernen Medienwelt unserer Tage macht die Mythisierung durch die Literatur keine Ausnahme und reiht sich mit unterschiedlicher Zweckmäßigkeit in Traditionen mythologischer Konstrukte, wie sie seit Jahrhunderten von kulturellen Instanzen der Gesellschaft weiter getragen werden. Insbesondere die Mythen in der Literatur des 20. Jahrhunderts sind mannigfaltige Erscheinungen, was der vorliegende Band abbilden soll, indem er einen weiten Bogen spannt vom frühen 20. Jahrhundert bis in die postmoderne Gegenwart, die in der Retrospektive erscheint. Zwischen Mythenrenaissance und Dekonstruktion sind die Beiträge in diesem Band angesiedelt: Sie reichen unter anderem von der ideologischen Konstruktion einer historisch verklärten, politisch obsolet gewordenen Staatsform in Joseph Roths „Kapuzinergruft“, die Abbildung und Neuinterpretation des Wasserfrauenmythos in Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ über die Verklärung und Demontage eines Genies durch eine fiktive Groteske in Thomas Bernhards „Goethe schtirbt“ und dem Frauenbildmythos in Christa Wolfs Essayistik der 1970er- und frühen 1980er-Jahre bis hin zur Analyse der gesellschaftlichen Befindlichkeiten in Deutschland zwanzig Jahre nach der Wende in Christa Wolfs letztem Roman „Stadt der Engel“.

Clemens Götze analysiert in dieser Arbeit die unterschiedlichsten Texte der Literatur des 20. Jahrhunderts hinsichtlich ihres Mythengehaltes und verdeutlicht, dass es den Mythos nicht gibt. Durch eine textnahe Interpretationspraxis wird das mythische Potenzial der jeweiligen Texte herausgefiltert und in einem breiten Spektrum vorgestellt. Einer kurzen theoretischen Einführung zum Thema Mythos in der Literatur folgen sieben teils umfangreiche Studien, die neue Perspektiven aufzeigen sollen zu verschiedenen Werken der deutschen und österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ergänzt werden die Analysen der literarischen Texte durch eine abschließende interdisziplinäre Studie zur Imagebildung der Filmlegende Romy Schneider, die schon zu Lebzeiten zum Mythos wurde.

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeiter / innen der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

Titelbild

Clemens Götze: "Ich werde weiterleben, und richtig gut". Moderne Mythen in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2011.
150 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783865735911

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch