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Eine kompakte Geschichte der koreanischen Literatur im 20. Jahrhundert

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man kann die koreanische Geschichte des 20. Jahrhunderts als Schreckensgeschichte erzählen. Sie würde von der Kolonialisierung durch Japan 1910 über die dadurch erzwungene Teilnahme am Zweiten Weltkrieg und die Teilung gleich nach der Befreiung 1945 bis zum Koreakrieg reichen, in dem sich Bürgerkrieg, Staatenkrieg und die globale Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Kommunismus überkreuzten. Und sie würde weiter reichen zu den jahrzehntelangen Diktaturen im Süden und zu einem kommunistischen Regime im Norden, das sich mit äußerster strategischer Rationalität nach außen und außerordentlicher Rücksichtslosigkeit nach innen bis heute gehalten hat.

Die entgegengesetzte Variante wäre die Erfolgsgeschichte: ein Kolonialismus, der aus Eigeninteresse eine industrielle Infrastruktur aufbaute und die Einheimischen soweit kollaborieren ließ, dass nach der Befreiung eine funktionierende Selbstverwaltung möglich war; im Süden nach 1960 eine erfolgreiche Industrialisierung, die schließlich auch die repressiven traditionalen Lebensweisen auf dem Land beseitigte und schließlich zu einem der weltweit seltenen Beispiele gelungener Demokratisierung führte.

Jedenfalls kann in einem solchen Land die Geschichte der Literatur nicht unabhängig von der politischen und sozialen Entwicklung betrachtet werden. Lee Namho, Uh Chanje, Lee Kwangho und Kim Mihyun haben eine Literaturgeschichte Koreas vorgelegt, die sich an den politischen Einschnitten orientiert. Das Buch ist für ausländische Leser konzipiert, die über wenige Vorkenntnisse verfügen; die Literatur Nordkoreas bleibt ausgeklammert. Es fehlen auch Informationen über wichtige literatursoziologische Voraussetzungen, die zum Verständnis der Entwicklungen beigetragen hätten: Verlage, Zeitschriften, Buchhandel, wirtschaftliche Lage der Autoren.

Nach einer englischen Übersetzung liegt nun eine deutsche Version vor. Das Ergebnis ist zwiespältig. Dabei ist es weniger ein Problem, dass manche der ins Deutsche übersetzten Autoren fehlen, darunter eine so herausragende Erzählerin wie Ch’oe Yun. Wer hundert Jahre Literaturgeschichte auf hundertfünfzig Seiten zusammenfasst, muss auswählen, und jede Auswahl provoziert Widerspruch. Besonderen Wert für deutsche Leser haben insbesondere Inhaltsangaben bislang nicht übersetzter Werke, die das Bild koreanischer Literatur komplettieren und das Bedürfnis wecken, noch mehr Romane und Erzählungen kennenlernen zu können.

Als zwiespältig erscheint vielmehr die Schreibweise des Buches. Einerseits ist durchaus interessant, dass offensichtlich in verschiedenen nationalen Literaturwissenschaften verschiedene Darstellungsweisen akzeptabel sind. In dieser Hinsicht ist das Buch nicht nur eines über Korea, sondern erlaubt es, als koreanisches Buch, auch einen Blick auf das Land. Andererseits erinnert das Ergebnis zuweilen an weniger glanzvolle Abschnitte der deutschen Literaturgeschichtsschreibung: an die Zeit vor 1945, wo es um den nationalen antikolonialen Kampf geht, dem sich die koreanischen Autoren tatsächlich wohl weniger geschlossen widmeten, als es die Verfasser dieser Literaturgeschichte wünschen; an existenzialistische Verirrungen der westdeutschen Dichtungsdeuter nach 1945, manchmal aber auch – wo es um den Aufstand von Volksmassen gegen ein Unrecht geht – an die etwas weniger differenzierten Varianten der DDR-Germanistik. All diese Unglücke können auch kombiniert vorkommen.

Die Übersetzer scheinen ein ähnliches Unwohlsein gespürt zu haben, wenn sie in einem Vorwort die Qualität der Inhaltsangaben loben, doch betonen: „Analytische Schwächen der Darstellung konnten durch die Übersetzung naturgemäß nicht befriedigend korrigiert werden.“

Das stimmt, und dass sich die Übersetzer daran gehalten haben, ist zu loben. So wird die Literaturgeschichte selbst zu einem literaturgeschichtlichen Dokument. Die deutsche Fassung bringt nützliche Anmerkungen, welche Übersetzungen von den erwähnten Autoren vorliegen; allerdings sind die Hinweise zuweilen lückenhaft.

Ein Problem bleibt die Umschrift der koreanischen Namen. Bislang gibt es kaum eine einheitliche Regel und es wird manchmal sogar bei einem Verlag der Name einer Autorin unterschiedlich geschrieben. Verständlich ist also, dass die Übersetzer eine Vereinheitlichung anstrebten und konsequent dem gängigsten und wissenschaftlich anerkannten System folgten. Doch hat diese Entscheidung den Nachteil, dass nun manche dieser Schreibweisen sich zuweilen sehr von denen unterscheiden, die auf deutschen Buchtiteln stehen. Darum verlangt auch das Personenregister von den Nutzern zuweilen ein gewisses Maß an Fantasie.

Insgesamt liegt ein Band vor, der für deutsche Leser die Informationsbasis zur modernen koreanischen Literatur deutlich erweitert. Seine unübersehbaren Schwächen verweisen darauf, wie hilfreich ein entsprechender Band aus den Reihen der deutschen Koreanistik sein könnte.

Titelbild

Namho Lee: Koreanische Literatur des 20. Jahrhunderts.
Übersetzt von Jung Youngsum und Herbert Jaumann.
Iudicium-Verlag, München 2011.
155 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783862051014

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