Konfuses in Paris

Leila Marouanes Roman „Das Sexleben eines Islamisten in Paris“ erzählt eine ganz andere Geschichte als erwartet

Von Pia SchoknechtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Pia Schoknecht

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mohamed ist 40 Jahre alt und lebt noch bei seiner Mutter. Dort teilt er sich mit seinem etwas jüngeren Bruder ein Schlafzimmer. Die Schwestern sind längst zwangsverheiratet oder aufgrund ihres Lebenswandels verstoßen, nur eine steht in der Gunst des mütterlichen Hausdrachens: Die, deren Mann noch vor der Hochzeit konvertierte. Mohamed soll auch endlich heiraten, hauptsächlich, um die Tradition zu wahren, denn der jüngere Bruder darf seine Verlobte erst nach der Hochzeit des Älteren heiraten. Dass dieser nicht verlobt ist und alle möglichen Kandidatinnen, die ihm seine Mutter präsentiert, ausschlägt, erschwert die Sache natürlich. Mohamed will nämlich gar nicht heiraten.

Er hat die Tradition und sein früheres Leben als Frömmler satt. Mohamed benutzt Bleichcreme, um seinen algerischen Teint aufzuhellen, und besucht einen Friseur, der ihn von seinen „Ringellöcken, Kringellöckchen“ befreit. Mohamed verändert sich aber nicht nur äußerlich, schon als Teenager hat er seinen Namen von Mohamed Ben Mokhtar in Basile Tocquard ändern lassen, um Diskriminierung zu entgehen und seinen beruflichen Aufstieg zu sichern. Diese beiden Aspekte wären eine Thematisierung wert gewesen, aber stattdessen begleiten wir Mohamed dabei, wie er aus der Vorstadt nach Paris flieht und dort nach dem Motto „Jungfrau (40), männlich, sucht“ lebt. Besonders erfolgreich ist er dabei aber nicht.

Dann wird alles einfach nur konfus. Alle Frauen, die Mohamed kennenlernt, reden von einer mysteriösen Schriftstellerin namens Loubna Minbar. Diese hat anscheinend über jede dieser Bekanntschaften einen Roman verfasst. Auf diese Weise habe sie auch das Leben von Mohameds Cousin gestohlen. Am Ende stellt sich heraus, dass der Cousin an dem Tag, als Mohamed von zu Hause auszog, Selbstmord begangen hat. Da Mohamed eben diesen Cousin aber noch einige Male in Paris getroffen hatte, wird langsam immer deutlicher, dass Mohameds ganzes Leben in Paris eine einzige Halluzination war. Eine Vermutung, die sich beim Leser anhand der beiden Stimmen in seinem Kopf schon das ein oder andere Mal einschlich. Selbst die unbefriedigenden Frauengeschichten sind seinem Hirn entsprungen. Laut seiner Concierge hat Mohamed seine Wohnung monatelang nicht verlassen und die Bücher von Minbar verschlungen.

Auf dem Klappentext wird behauptet, dass „Das Sexleben eines Islamisten in Paris“ beweist, dass „man ernste Dinge mit Leichtigkeit behandeln kann“ und dass die Botschaft dadurch an Kraft gewinne. Über die „ernsten Dinge“ wird jedoch einfach mit kurzen Phrasen hinweggegangen. In Anbetracht des plötzlichen Wahnsinns der Hauptfigur nach der Abkehr von der Familie wäre ja die nächstliegende Botschaft, dass man auch mit 40 noch bei seiner Mutter wohnen sollte und ein Doppelleben ganz ok ist. Welch’ zweifelhafte Moral.

Titelbild

Leila Marouane: Das Sexleben eines Islamisten in Paris. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Marlene Frucht.
Edition Nautilus, Hamburg 2010.
220 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783894017279

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