Zeitkritisches Fernsehen

Eine DVD-Edition zu den Anfängen des Fernseh-Dokumentarismus: „Zeichen der Zeit“

Von Peter ZimmermannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Zimmermann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Zeichen der Zeit“ – so hieß eine der frühesten und erfolgreichsten dokumentarischen Reihen, die das Deutsche Fernsehen in den Jahren 1956 bis 1973 produziert hat. Es war eine aktuelle zeitkritische Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks (SDR), die die gesellschaftlichen Probleme, Rituale und Moden von der Adenauer-Ära bis zur Studentenbewegung aufs Korn nahm. Sie schuf neue Formen des dokumentarischen Fernsehens, die den biederen pädagogischen Kulturfilm ablöste, der bis in die 1960er-Jahre als Vorfilm im Kino gezeigt wurde und unter dem Decknamen ‚Feature‘ auch im frühen Fernsehen noch eine Weile überlebte. „Was da von einzelnen Anstalten zusammengefietschert wird, gehört zu den aufreibendsten Nervenfeilen, die das Deutsche Fernsehen seinem Publikum allwöchentlich ansetzt.“ So urteilte Telemann, der Fernsehkritiker des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (12/1959), für den die „Zeichen der Zeit“ angesichts der Flut kulturverblasener ‚Fietschers‘ „eine Art Leuchtturm in diesem Meer der Langeweile“ waren.

Eine Auswahl dieser Filme hat das Stuttgarter „Haus des Dokumentarfilms“ (www.hdf.de) nunmehr als DVD-Edition vorgelegt. Die vom Wissenschaftlichen Leiter des Hauses, Kay Hoffmann, zusammengestellte und kommentierte Filmreihe zeigt beispielhaft das mit dem Fernsehen neu entstandene Spektrum dokumentarischer Themen und Formen. „Fernsehfieber“ (1963), so nannte, Dieter Ertel, einer der am spöttischen Spiegel-Stil jener Zeit geschulten Redakteure der Dokumentarabteilung des SDR, seine Dokumentation über die rasante Ausbreitung des Fernsehens Anfang der 1960er-Jahre. Die Dokumentation konfrontierte den Ruhrpott, wo auf den Dächern die Wälder der Fernsehantennen wie Wünschelruten in den Himmel ragten, mit der „Gelehrtenrepublik“ Tübingen, deren Angehörige das neue Medium eher mit Verachtung straften oder darin eine Art Seuche sahen, die sich epidemisch ausbreitete. Es waren die üblichen Vorurteile, mit denen neue Medien vom Buchdruck über Presse und Radio bis hin zu Film und Fernsehen stets zu kämpfen hatten. Ernster zu nehmen war eine andere ,Seuche‘, gegen die sich die Redaktion mit polemischer Verve wandte: Dieter Ertels Reportage „Schützenfest in Bahnhofsnähe“ (1961) konfrontierte die Fernsehzuschauer mit einem deutsch-nationalen Ritual, deren Anhänger es sich zum Ziel setzen, „das Schießen zu pflegen“. Auf die die boshafte Frage, warum man denn das Schießen heutzutage (1961!) eigentlich noch pflegen solle, erhielt der Interviewer von den zunehmend trunkenen Schützen Antworten, die es allein schon wert sind, sich die Edition zu kaufen. Die Redakteure wurden nach der Sendung in Leserbriefen als „vaterlandslose Gesellen“ beschimpft, die doch „nach drüben gehen“ sollten.

Einen ähnlichen Volltreffer landete im Jahre 1967 Roman Brodmann mit seiner Reportage „Der Polizeistaatsbesuch“. Es ist ein Film über den Staatsbesuch des den Deutschen damals aus der Regenbogenpresse als traumhafter Herrscher aus dem Morgenland wohlbekannten Schahs von Persien, der den kritischen Studenten jener Zeit jedoch als Inbegriff orientalischer Despotie galt. Während die Reportage noch die aufwendigen Vorbereitungen zum Staatsempfang und das martialische Polizeiaufgebot ebenso lakonisch wie süffisant kommentiert, bereiten sich die Berliner Studenten auf einen Empfang anderer Art vor. Am Schöneberger Rathaus und vor der Berliner Oper gerät Brodmanns Reportageteam dann in jenen Strudel, der seither als Initiationserlebnis der Studentenbewegung gilt: die erste große Konfrontation der Studenten mit einer Staatsgewalt, die brutal zuschlägt, wenn es um Ruhe und Ordnung geht. Die Bilder der jungen Frau, die den von der Polizei erschossenen Studenten Benno Ohnesorg im Arm hält, stammen von Brodmanns Kameramännern. Der Film, der diese allmählich hochkochende Konfrontation minutiös festhält, ist bis heute eines der aufschlussreichsten Dokumente aus den Anfängen der Studentenbewegung. Der doppeldeutige Filmtitel bringt es in der Tat auf den Punkt und steht zugleich für die Parteinahme der Stuttgarter Dokumentarabteilung im Kampf gegen deutsch-nationalen Untertanengeist und Obrigkeitsstaat: „Der Polizeistaatsbesuch“.

Diese Haltung ist bezeichnend für die zeitkritische Tendenz der Sendereihe, die gelegentlich auch als ‚Der Spiegel‘ des Fernsehens bezeichnet worden ist – eine Anerkennung, die erst als solche verständlich wird, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die „Spiegel“-Redaktion in den 1950er- und 1960er-Jahren eine regierungskritische Berichterstattung machte, die sie 1962 wegen angeblichen Landesverrats sogar hinter Gitter brachte. In ähnlich schweres Wetter war die Dokumentarabteilung des SDR bereits 1956 geraten, als ihr Leiter Heinz Huber in seiner Dokumentation „Die deutsche Bundeswehr“ die deutsche Wiederbewaffnung anlässlich der ersten Einberufungen und des Amtsantritts des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß (CSU) in der Regierung Adenauer (CDU) mit Adenauers Nachkriegs-Versprechen konfrontierte, dass ein Deutscher nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen werde. Die Sendung löste heftigste Kritik in Parlament und konservativen Kreisen aus und führte wenig später zur Absetzung des SDR-Intendanten Fritz Eberhard, eines ehemaligen Widerstandskämpfers und überzeugten Antifaschisten.

Mit diesen Beispielen ist das Themenspektrum der Sendereihe jedoch nur angedeutet. Die fünf DVDs der Edition enthalten 16 Dokumentationen, Reportagen und Dokumentarfilme, die nach den thematischen Schwerpunkten Politik, Sport, Frauen, Militarismus sowie Arbeit und Kultur gegliedert sind. Zu den eindrucksvollsten bei den Themen Sport und Frauen gehören Wilhelm Bittorfs Reportage „Die Borussen kommen“ (1964) über den damaligen deutschen Meister Borussia Dortmund und Roman Brodmanns „Die Misswahl. Beobachtungen bei einer Schönheitskonkurrenz“ (1966). Beiden Reportagen geht es nicht nur darum, die vordergründigen Ereignisse zu dokumentieren, sondern einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und die Vorbereitungen, Konkurrenzen, Ängste, Aufstiegsträume und Lebensumstände ihrer ProtagonistInnen zu erfassen. In seinem Dokumentarfilm „Wegnahme eines Kindes“(1971) beobachtet Elmar Hügler in eindringlichen Bildern den Kampf einer jungen Mutter um ihr Kind aus geschiedener Ehe, der zu scheitern droht, weil sie mittlerweile mit einem Afroamerikaner zusammenlebt. „Der sogenannte Neger ist ein störendes Element“ für die Juristen. Dabei handelt es sich um einen Autorenfilm, der sich thematisch und formal von den stärker journalistisch geprägten Reportagen Ertels, Bittorfs und Brodmanns unterscheidet, auf Kommentare weitgehend verzichtet und von den Dokumentarfilmen des amerikanischen Direct Cinema und des französischen Cinéma Vérité geprägt ist.

Ähnliches gilt auch für Peter Nestlers Dokumentarfilm „Ödenwaldstetten. Ein Dorf ändert sein Gesicht“ (1964). Ein kleiner Junge will – in einem Buch lesend – über die Straße gehen und blickt plötzlich erschrocken auf, als er die Bordsteinkante spürt. Kein Auto weit und breit, aber der Verkehr hat zugenommen und die Gefahr lauert unterbewusst. Aus minutiösen Beobachtungen dieser Art setzt Nestler sein Porträt eines Dorfes zusammen, das seinen traditionellen bäuerlichen Charakter verliert und Zug um Zug modernisiert und technisiert wird. Das im Kulturfilm jener Zeit oft noch beschworene ländliche Idyll konfrontiert er mit einem nüchternen Blick auf die Modernisierung. Dennoch bleibt ein ambivalentes Gefühl. Das Schlussbild zeigt wie in einem vergilbten Gemälde die Sensen schwingenden Mäher im Gegenlicht unter durchbrochenem düsteren Himmel und unterlegt es mit O-Ton: „Die ganzen Sachen von früher und den Krieg, das hat man fast alles vergessen. Es ist immer was Neues gekommen. Was hinter einem liegt, ist gemäht.“

Als Schlusswort war das für Nestler auch ein Kommentar zum Umgang der Deutschen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit, die verdrängt wurde, während sie sich dem Wiederaufbau und dem Wirtschaftswunder widmeten. Es war das Verdienst der Dokumentarabteilung des SDR, die mit der mehrteiligen Sendung „Das Dritte Reich“ (1960/61) auch die erste ausführliche Dokumentation über die Zeit des Nationalsozialismus ins Deutsche Fernsehen gebracht hatte, diesem Trend in den 1950er- und 1960er-Jahren entgegenzuarbeiten. Die Edition präsentiert mit ihrer Auswahl nicht nur die Frühgeschichte des deutschen Fernsehens, sondern auch eine ereignisreiche Periode der Zeitgeschichte.

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Kay Hoffmann (Hg.): Zeichen der Zeit. Die Geschichte der Stuttgarter Schule. Beobachtungen aus der Bundesrepublik (1956-1973).
5 DVD.
Absolut Medien, Berlin 2011.
733 min, 69,90 EUR.
ISBN-13: 9783898485470

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