Thomas Mann, ein Stratege

Der dritte Briefband der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe ist mitsamt Kommentar erschienen

Von Friederike WonschikRSS-Newsfeed neuer Artikel von Friederike Wonschik

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Der Mensch kann sich nie als ein Ganzes zeigen. Nur Stückwerk wird jeweils sichtbar“, schrieb Thomas Mann in einem Brief vom 4. Dezember 1924 an Ida Boy-Ed. Es sind Zeilen, die nahezu programmatisch für den berühmten deutschen Dichter und sein Identitätsverständnis sind. Sich in aller Gänze gerieren, die komplexen Strukturen seines Selbst, seiner Oberflächen und Tiefen offenlegen, als in sich geschlossenes Gefüge offenbaren zu können – für ihn eine Utopie. Zudem scheinen Manns Worte gleichsam symptomatisch, wenn es darum geht, ihn und sein Schaffen in einer Gesamtausgabe – von außen – erfassen zu wollen. Wohl deshalb ist das Zitat dem jüngst im S. Fischer Verlag erschienenen 23. Band der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe zu Thomas Manns Korrespondenzen aus den Jahren 1924 bis 1932 vorangestellt. Für eine Beschäftigung mit seiner Person ist dieser Gedanke schlicht richtungsweisend.

Und somit steht im Mittelpunkt der nunmehr dritten Briefedition nicht das große Ganze, sondern vielmehr das differenzierte Bild einzelner Lebenskonstanten. Thomas Manns epistolarisches Schaffen „als einen Grundpfeiler seiner Schriftstellerexistenz“ zu erschließen ist es, was die Herausgeber Thomas Sprecher, Hans R. Vaget und Cornelia Bernini leisten wollten. Tatsächlich ist ihnen das im Zuge einer umfassenden Sichtung vorangegangener Korrespondenzausgaben und der Zusammenstellung bislang unveröffentlichten Materials von weit mehr als 300 Briefdokumenten gelungen. Insgesamt 523 Briefe, Karten und Telegramme, adressiert an 254 Zeitgenossen aus Thomas Manns Lebens- und Wirkungskreis, sind in dem 674-seitigen Textband versammelt. Darunter zahlreiche Briefwechsel mit – dem Autor nicht persönlich bekannten – Lesern und hochkarätigen Schriftstellerkollegen, wie etwa Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Ernst Bertram, Hermann Hesse, Max Brod, Elias Canetti, Oskar Loerke oder Else Lasker-Schüler. In ihrer Fülle schließlich bestätigen sie, was Thomas Mann den eingangs erwähnten Zeilen an seine langjährige Gönnerin hinzufügte: „Aber allmählich enthüllt sich doch das Ganze und die Zeit wird lehren, daß ich nie aufgehört habe, mir selber treu zu sein.“

Der Leser dieser ‚halben Dialoge‘ kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Treue zu sich selbst bezeichne Manns typisch diplomatisches Vorgehen respektive einen strategischen Schreibstil. Seine Umsicht bei der Adressaten- und Zielorientierung seiner Schriften verdeutlicht sein Wirken als literarische Autorität, die in Manns Fall oft verknüpft ist mit der Rolle des Geschäftsmannes. So dokumentiert die Zusammenstellung der Briefe auf eindrucksvolle Weise Manns Einwirken auf die Rezeption seiner Werke am Beispiel des „Zauberbergs“, der im November des Jahres 1924 erscheint. Ein bemerkenswerter Beleg hierfür ist ein Brief an Oskar Loerke aus diesem Monat, versucht Mann hierin doch erfolglos der „öffentlichen“ Entdeckung der Verwandtschaft zwischen der literarischen Figur Mynheer Peeperkorn und Gerhart Hauptmanns entgegen zu wirken. Doch schließlich erkennt Mann die Notwendigkeit zum Eingeständnis vor seinem Freund und Vorbild, und wendet sich zu diesem Zwecke halb ehrfurchtsvoll entschuldigend, halb verschmitzt an Hauptmann persönlich (April 1925), um als ‚Kind der Kunst‘ auf die Verzeihlichkeit seines Vergehens zu verweisen.

Mit Hilfe des Kommentarbands, der zahlreiche Auszüge aus Kritiken und fundierte Kurzbiografien zu Manns Briefpartnern enthält, lassen sich die unterschiedlichen Reaktionstendenzen nachvollziehen, denen sich sowohl der Roman als auch sein Autor ausgesetzt sahen. Seinerseits zieht Mann in den Repliken an seine Kritiker gern Auslegungskonzepte zum eigenen Werk heran, wodurch diese Interpretationsvorschläge als Zeichen versuchter Selbstverortung und Rezeptionslenkung gelesen werden können. Sie dienen phasenweise als außenwirksame Erklärungsmuster und lassen sich daher in Form von Selbstzitaten in einer ganzen Reihe von Briefen über Monate hinweg wiederfinden. Jene Konzepte umfassen etwa die „Lebens- und Zukunftsfreundlichkeit“ des „Zauberbergs“, der mit einer radikalen Verabschiedung der Romantik einhergehe. Ein weiteres Schlagwort bildet der „Wille zu Zeit- und Lebensdienst“, ein Streben nach dem „heiteren und Guten“, welches Thomas Mann mit dem Demokratie-Gedanken verknüpft.

Häufig nimmt er damit Lesarten geneigter Rezensenten auf, worin sich neben Manns enthusiastischer Reaktion auf wohlwollende Kritiken eine Praxis anpassungsfähiger Selbstlektüre offenbart. In diesem Prozess der anhaltenden Selbstreflexion zeigt sich der Schriftsteller um eine Aktualisierung und kontinuierliche Reinterpretation der eigenen Rolle und seines literarischen Beitrags an gesellschaftspolitischen Diskursen bemüht: Selbstkommentare zu dem künstlerischen Schaffen gehen Hand in Hand mit politischen Andeutungen. Sie zeigen Mann als wachen Beobachter der politischen Strömungen seiner Zeit, als den ihn der S. Fischer Verlag schon damals durchaus werbewirksam zu präsentieren verstand.

Gerade die Schriften an Freunde verraten die offenkundige Abneigung gegen den latent wachsenden Antisemitismus und völkisches Gedankengut. Diese politischen Entwicklungen bilden zentrale Themen der Familie Mann. Ein prominentes Beispiel dafür, dass nicht allein eine ästhetische Positionierung in seinen Korrespondenzen vorgenommen wird, stellt die wechselhafte Beziehung zu Joseph Ponten dar. Geraten Manns Schreiben gelegentlich zu einer regelrechten Verteidigung seines Werks, so enden selbst höchst eindringliche Briefe dennoch auf den versöhnlichen, wenn auch formelhaften Schluss „Ihr sehr Ergebener“ – Strategisch werden Takt, Korrektheit und Expertise zelebriert. In der Beantwortung von Forscheranfragen tritt Mann als wohlmeinender Ratgeber in Erscheinung, wie etwa im Austausch mit dem Literaturwissenschaftler Hans Armin Peter. Ein unterhaltsames Beispiel stellt die Beantwortung eines Briefes von Max Barkhausen am 24. April 1925 dar, in der Thomas Mann diesen zum Einsatz des Konjunktivs und der Deklination von Werktiteln berät. Nicht minder unterhaltsam lesen sich die Zuschriften einiger Ärzte nach dem Erscheinen des „Zauberbergs“.

Ein Großteil der grenzüberschreitenden Korrespondenzen – unter anderem nach Holland, Frankreich, Ungarn und in die USA – belegt die von Mann angestrebte internationale Wirksamkeit. Und nicht ohne Kalkül versucht er auf die fremdsprachliche Vermittlung seines Werks direkten Einfluss auszuüben. So zeugen von Manns aufmerksamer Lektüre einzelner Übersetzungen beispielhaft seine Korrekturvorschläge an die verantwortlichen Übersetzer – etwa an Félix Bertaux oder Lavinia Mazzucchetti –, die geradewegs zu einer Untersuchung der transkulturellen Bedeutungsverschiebung einladen.

In diesem Zusammenhang scheint ebenfalls die zwischen 1924 und 1925 brieflich geführte Diskussion um die Vergabe des Übersetzungsauftrags für den „Zauberberg“ spannend. Aus den Briefdokumenten tritt Manns eingeforderte Teilhabe und Anteilnahme an marktstrategischen Entscheidungen deutlich hervor. Obgleich die Qualität der Übersetzungen durch Helen Tracey Lowe-Porter nach wie vor als umstritten gilt, kann sein Vorgehen gegen sie und zugunsten des amerikanischen Übersetzers George Scheffauer durchaus kritisch gesehen werden. Letzterer hatte bis dato eine gelungene Übersetzung der frühen Erzählungen, unter anderem von „Herr und Hund“ angefertigt. Insbesondere die am 25. April 1925 an sie verfasste Begründung seines Plädoyers für Scheffauer, die Anforderungen des Romans seien „einer männlichen Konstitution angemessener […] als einer weiblichen“, muss allenfalls als taktisches Manöver gelesen werden.

Neben solchen strategischen Interventionen, die einen besonders lesenswerten Teil der Mann’schen Briefe ausmachen, erlauben andere Schreiben einen Blick in enge freundschaftliche Beziehungen, wie zu Georg Martin Richter, und die privaten Familienverhältnisse. Allerdings mutet es ein wenig euphemistisch an, auf welche Weise Thomas Mann im Vorwort des Briefbandes die Rolle des sorgenvollen „pater familias“ zugeschrieben wird. Denn aus den Briefen an die Kinder sticht nur das innige Verhältnis zu „Kronprinzessin“ Erika hervor, mit der der Vater seinen Sinn für sprachlichen Humor teilt und für deren schauspielerische Ambitionen er seinen Einfluss geltend zu machen sucht. In diesem Zusammenhang wirkt auch der moralisierende Ton der Herausgeber im Bezug auf die zum Scheitern verurteilte Verlobung Klaus’ und der dreijährigen Ehe Erikas irritierend.

Schließlich bietet der ausführliche Kommentarband fundierte Hintergrundinformationen, die die einzelnen Schreiben in ihre spezifischen dialogischen Kontexte einbetten. In besonderem Maße bereichert der Kommentar die Lektüre der Briefe Manns, indem er sowohl positive als auch kritische Stimmen zu seinem Werk und seiner Person versammelt. Auf diese Weise veranschaulicht er die Ambivalenz und (politische) Heterogenität einer breiten Leserschaft, derer sich Mann in mehrfacher Hinsicht verpflichtet sah und aus der sich nicht zuletzt der Wille zur Bewältigung eines schier unendlichen Briefverkehrs gespeist haben mag.

Den mit zahlreichen Abdrucken von Autografen reich ausgestatteten Band rundet ein umfangreiches Register ab. Durch seine Einteilung in die Sektionen Briefempfänger, Werke des Autors, erwähnte Personen und fremde Werke erreicht es eine Übersichtlichkeit, die insbesondere für eine zielgerichtete Recherche zu Studienzwecken optimale Ausgangsbedingungen schafft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang, dass die Herausgeber im Anschluss an die Einzelkommentare auf weiterführende Sekundärliteratur verweisen – ebenfalls eine Bereicherung für Forschungszwecke. Die beiden Bände bieten eine Zusammenschau der Themen und Diskurse, die für Thomas Mann als öffentliche Person relevant waren und an denen er partizipierte. Ein deutlich positives Zeichen für die Thomas Mann-Forschung offenbart sich schließlich in der Durchführung dieses Editionsvorhabens, das sich der Einflussnahme und Autorität der Familie Mann entzieht.

Titelbild

Thomas Mann: Briefe III 1924-1932. Text und Kommentar in zwei Bänden.
Herausgegeben von Thomas Sprecher, Hans R. Vaget und Cornelia Bernini.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010.
1200 Seiten, 95,00 EUR.
ISBN-13: 9783100483720

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