Zeitreise zu JFK und zu sich selbst

Anmerkungen zu Stephen Kings Opus „Der Anschlag“

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stephen King hat wieder einen Großroman geschrieben. Und er hat ungewöhnlich viel recherchiert für dieses Buch – wie auch schon für „Die Arena“. Diese Genauigkeit im Faktenmaterial hinterlässt einen positiven Eindruck bei der Lektüre. Es scheint alles real zu sein, authentisch, keine Fiktion. Obwohl diese Feststellung ein Paradoxon sein mag, beginnt der „realistische“ Roman mit einer unglaubwürdigen Hypothese: Was wäre, wenn man in der Zeit zurückreisen könnte? Würde man versuchen, die Vergangenheit zu ändern? Welche Auswirkungen hätte dies für die Gegenwart? An die Hypothese schließen sich eine Reihe Fragen an, die sich auch dem Protagonisten des Romans stellen, als er mit der Information konfrontiert wird, dass Zeitreisen offensichtlich möglich sind.

King baut eine Brücke, ein Portal zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Der Durchgang von der Gegenwart des 21. Jahrhundert in die Vergangenheit des Jahres 1958 befindet sich im Abstellraum eines etwas heruntergekommenen Restaurants in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Der Protagonist Jake Epping ist Lehrer in der Erwachsenenbildung an einer Schule im US-Bundesstaat Maine. Er hat eine gescheiterte Ehe mit einer Alkoholikerin hinter sich und steckt in einer Sinnkrise. Mit seinen 35 Jahren ist er, wie so oft in Stephen Kings Romanen, ein normaler, durchschnittlicher Typ. Durch seinen wesentlich älteren Freund Al Templeton in die Lage versetzt, in die Vergangenheit zu reisen, wird er mit folgeschweren Fragen konfrontiert, die sich aus der Option einer Zeitreise ergeben: Was wäre, wenn das Attentat von Lee Harvey Oswald auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas verhindert würde? Hätte sich der Vietnamkrieg anders entwickelt, wenn Kennedy weiter gelebt hätte? Wäre die politische Krise der 1970er-Jahre in den USA überhaupt keine Krise geworden? Und was sind die Auswirkungen, die Zeitreisen nach sich ziehen könnten? Der Autor beantwortet diese Fragen mit einem Axiom für Zeitreisende, das sich im Laufe der Handlung immer wieder als richtig erweisen wird: Die Vergangenheit möchte sich nicht ändern und sie wehrt sich gegen Eingriffe aus der Zukunft.

Damit kommt Stephen King seinem schon in „Der Anschlag“ vorgestellten Widersacher noch ein Stück näher. Denn schon immer waren es die alltäglichen Situationen, aus denen sich das Böse dem Menschen nähert, aus denen das Böse entsteht. In „Die Arena“ sind es die Menschen, die den Horror auslösen. Es ist das in manchen Menschen angelegte Böse, das sich einen Weg in die Wirklichkeit sucht. In dem „Anschlag“ wird dies noch deutlicher, denn die menschlichen Abgründe werden noch alltäglicher, noch tiefer geschildert. Dies wird besonders deutlich in der Beschreibung der Figur Lee Harvey Oswalds, in der sich Alltäglichkeit und Bösartigkeit eindrucksvoll überlagern. Dass dies alles aus einer beobachtenden Perspektive des Protagonisten geschieht, macht den Antagonismus von Gut und Böse noch deutlicher. Jake Epping sieht sich nicht nur mit der Weltgeschichte konfrontiert, sondern auch mit der Geschichte vor seiner Haustür. Und an solch einer privaten Geschichte, dem Schicksal des Hausmeisters an Jakes Schule, dessen Mutter und Geschwister von seinem Vater 1958 ermordet wurden und der bei diesem Mord nur mit schweren Verletzungen überlebte, wird die Problematik der Zeitreise und der Änderungen in der Vergangenheit exemplifiziert. Hierfür nutzt Stephen King fast die Hälfte des Buches und lässt Jake im privaten Bereich „Zeitreisen üben“ – für den Leser erfreulicherweise spannend und aufschlussreich zugleich.

Jake muss sich gegen das Beharrungsvermögen der Zeit durchsetzen. Aber auch eine Liebesgeschichte vereinfacht es nicht unbedingt, die Vorbereitungen für die Verhinderung des Attentats auf Kennedy zu treffen. Dabei entscheidet sich Stephen King für eine weniger politische als private Variante der „Anschlaggeschichte“, wenn er sich für Oswald als Einzeltäter entscheidet – aber diese Entscheidung ist sekundär. Primär geht es immer um das Duell zwischen dem Individuum und dem Bösen – nur in verschiedenen Gestalten.

Die Fragen bleiben: Kann Jake das Attentat verhindern? Verändert sich die Geschichte? Was passiert mit der Gegenwart? Was hingegen nicht fraglich ist: Stephen King hat einen spannenden, unterhaltsamen, sehr kurzweiligen und unbedingt lesenswerten Roman geschrieben. Und davon gibt es pro Lesejahr kaum ein gutes Dutzend.

Titelbild

Stephen King: Der Anschlag. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2011.
1056 Seiten, 26,99 EUR.
ISBN-13: 9783453267541

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