Des Kaisers neue Tiere

Achim Thomas Hack berichtet in seiner „Biographie eines Elefanten“ über Politik, Gabenpraxis und Dickhäuter im Mittelalter

Von Nico Schulte-EbbertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nico Schulte-Ebbert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Benjamin Blümchen über Ottos Ottifanten und Loriots Wendelin bis hin zu Disneys Dumbo – Elefanten sind in der westlichen Kultur inzwischen bekannt wie bunte Hunde. Auch reale Vertreter ihrer Spezies, wie etwa Tuffi, die aus der Wuppertaler Schwebebahn sprang, oder Hannibals Elefanten, die im Jahre 218 vor Christus die Alpen überquerten, sind den meisten ein Begriff.

Weniger bekannt dürften die namentragenden Dickhäuter der Antike oder des Mittelalters sein. Achim Thomas Hack, geboren 1967, seit 2010 Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Jena, widmet sich in seinem 2011 erschienenen Band, dessen Text er als Anhörungsvorlesung im Juli 2009 in Jena vortrug, einem solchen Exoten: Abul Abaz, der Elefant Karls des Großen.

Hack gibt in diesem ersten Band der Jenaer mediävistischen Vorträge zunächst eine kurze biografische Skizze des Elefanten, dessen prominente Behandlung in den Quellen, so der Autor, selbst Karls Frauen nicht widerfahren sei. Die Frage, ob eine „Biographie“ über ein Tier sinnvoll ist, beantwortet Hack mit Blick auf die überlieferten Dokumente folgendermaßen: „Wenn man es dennoch für sinnvoll erachtet, die Zeugnisse über ihr [Karls und des Elefanten] Leben zusammenzustellen, so vor allem deshalb, weil sich dadurch singuläre Einblicke in die Geschichte ihrer Zeit ergeben.“

Und genau dies ist Hacks schmales Bändchen: ein ungewöhnliches Fenster ins 9. Jahrhundert. So berichten die Reichsannalen auffallend präzise, dass der Elefant indischer Herkunft – einen Abriss über die Verbreitung und den Lebensraum der Elefanten bietet Hack am Ende seiner Studie an – als Präsent des Kalifen Hārūn ar-Rašīd zusammen mit anderen Geschenken am 20. Juli 802 (nach mittelalterlicher Zeitrechnung) in Aachen angekommen sei. Erst durch seinen Tod im Jahre 810 findet Abul Abaz wieder Erwähnung in den Annalen: Während eines Feldzugs gegen die Normannen sei der Elefant plötzlich nahe der heutigen Stadt Wesel gestorben. Hack kann mit großer Sicherheit die Maul- und Klauenseuche dafür verantwortlich machen.

Seine „genaue Lektüre der zeitgenössischen Quellen“ räumt dabei mit so mancher Legende auf – etwa dass Abul Abaz ein Albino war – und zeichnet zugleich ein überaus genaues und faszinierendes Bild dieses Exoten im Frankenreich. In kurzen Kapiteln beschreibt Hack verständlich und anschaulich die Umstände dieses „diplomatischen Geschenks“. So ist seine Elefantenbiografie keineswegs einem Fachpublikum vorbehalten. Ein üppiger Fußnotenapparat, der den Lesefluss und -genuss nicht unterbricht, lässt für die vertiefende Lektüre keinen Wunsch offen. Anhand der tierischen Lebensgeschichte als Leitlinie versteht es Hack, ein Bild der politischen, diplomatischen, zoologischen, umweltgeschichtlichen, (kriegs-)technischen und logistischen Gegebenheiten des 9. Jahrhunderts zu skizzieren.

In einem zweiten Teil, der mit „Einzelstudien“ überschrieben ist, erfährt der Leser Genaueres über die „Legende von den fehlenden [Knie-]Gelenken“ der Elefanten und Elche („die griechischen Wörter […] liegen lautlich nahe beieinander“), deren vermeintlich ähnliche anatomische Auffälligkeit Hack anhand einiger antiker Autoren vorführt. Für den heutigen Leser wirken die Kategorisierungen und Vergleiche amüsant. Nach einem kurzen Exkurs über die wenig realistischen Elefantendarstellungen in der mittelalterlichen Buchmalerei (vier Abbildungen beschließen den Band), klärt Hack über den Namen des Tieres auf – der wörtlich übersetzt „‚Vater der Runzeln‘ oder ‚Falten‘ bedeute“, was sich jedoch weniger auf die Haut, als vielmehr auf die gerunzelte Stirn oder die zusammengezogenen Augenbrauen beziehe – und beleuchtet die Sekundärliteratur mit ihrem Interpretationsangebot hierzu kritisch und überzeugend.

Hack geht abschließend noch auf „[w]eitere Quellen über Karls Elefanten“ ein und untersucht die Rezeptionsgeschichte, in der das Interesse, die Faszination und die Resonanz rund um die ‚Aachener Bestie‘ belegt werden. Auch Jahrhunderte nach deren Tod hat sich daran nichts geändert: Im letzten Kapitel beschäftigt sich Hack mit Knochenfunden im Weseler Raum, die Mitte des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Hier zitiert und kommentiert er einen interessanten Briefwechsel, bei dem es wünschenswert gewesen wäre, die jeweiligen lateinischen Gedichte zu übersetzen.

Dies ist jedoch der einzige Kritikpunkt. Hacks „Abul Abaz“ ist angenehm verständlich geschrieben und leicht konsumierbar, ohne trivial oder oberflächlich zu erscheinen. Im Gegenteil: Die vielen Verweise auf weiterführende Literatur geben nicht nur dem Laien ein breitgefächertes Instrumentarium an die Hand, das verhindert, sich wie ein Elefant im Porzellanladen zu fühlen.

Titelbild

Achim Thomas Hack: Abul Abaz. Zur Biographie eines Elefanten.
Wissenschaftlicher Verlag Dr. Michael P. Bachmann, Badenweiler 2011.
101 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-13: 9783940523129

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