Die einzig wahre Rebellion

Lydia Lunchs nihilistisch-feministische Textsammlung „Will Work For Drugs“ liegt in deutscher Übersetzung vor

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lydia Lunch ist Eingeweihten, die sich für die Avantgarde der populärkulturellen Musik erwärmen, schon seit geraumer Zeit keine Unbekannte mehr. Genauer gesagt seit Ende der 1970er-Jahre, in deren letztem sie die erste von insgesamt nur vier (Maxi-)Singeln ihrer bereits einige Jahre zuvor gegründeten No Wave-Band „Teenage Jesus and the Jerks“ veröffentlichte. Anfang der 1980er-Jahre verschwand die Band auch schon wieder von den Bühnen der New Yorker Punk-Schuppen, und Lunch startete eine Solo-Karriere, zu deren ersten Glanzlichtern ihr Album „13:13“ zählte.

Allerdings mag der Ausdruck „Glanzlicht“ angesichts seiner mehr als düsteren Stücke wie „Suicide Ocean“, „Dance oft the Dead Children“ oder „Stares to Nowhere“ nicht ganz so glücklich gewählt sind. Jedenfalls reüssierte Lunch schon zu dieser Zeit nicht nur im musikalischen Underground, sondern drehte keineswegs weniger bedrückende Kurzfilme und Videos wie „Thanatopis“ und „She Had Her Gun Already, Beauty Becomes The Beast“. Darüberhinaus umfasst das vielseitige Œuvre der pessimistisch-feministischen Künstlerin Drehbücher, Theaterstücke und einige Bücher.

Ein weiteres dieser Bücher ist nun in deutscher Übersetzung erschienen: „Will Work For Drugs“. Der Titel der amerikanischen Original-Ausgabe wurde für die deutsche Ausgabe beibehalten.

Das Vorwort zu der „Sammlung von Essays, Kurzgeschichten und Interviews“ hat Karen Finley verfasst. Offenbar zählt sie zu den großen BewunderInnen der Künstlerin. Das kann man verstehen, jedoch hätte sie ihre geradezu kniefällige Vergötterung Lunchs an dieser Stelle etwas im Zaum halten sollen. So mag es zwar zutreffen, dass Lunch mit ihrem Buch „die Form des Tagebuchs vom Missbrauch der Selbstbeweihräucherung befreit“. Doch dafür legt Finley der Verehrten die Ketten der Beweihräucherung um so enger an. Und dies nicht nur, weil sie die Künstlerin zum „amerikanischen Nationalheiligtum“ verklärt. Einen Gefallen tut sie Lunch damit sicherlich nicht, denn derlei hat die Musikerin und Autorin nun wahrhaftig nicht nötig.

Auch sind einige von Lunchs Texten keineswegs frei von Schwächen und nicht jede ihrer Sentenzen ist sonderlich originell. So handelt es sich bei dem einer „jungen Psychoschlampe“ in den Mund gelegtem „Mantra“ „SCHLAFEN KANN ICH WENN ICH TOT BIN“ um ein Bonmot des deutschen Filmschaffenden und Workaholics Rainer Werner Fassbinder, der bekanntlich schon seit einigen Jahrzehnten in tiefem Schlaf liegt.

Noch ein wenig älter ist die von Lunch aufgegriffene Vorstellung, es sei besser, nicht zu sein. Schon Midas wusste sie dem Silen auf dem Folterbett zu entlocken. Originell aber ist, dass Lunch dem Mann die Schuld am Elend des Seins – wohlgemerkt, nicht eines bestimmten So-Seins, sondern des Daseins schlechthin – zurechnet, was sie zudem in eine gelungen Wendung zu kleiden weiß, wenn sie beklagt, dass der „Segen des Nichtseins durch die Berserkerattacken des Stammbaums meines Vaters zerschmettert wurde, die mit Gewalt in mein zerbrechliches endokraniales Gewölbe einbrachen.“

„Mutterschaft“, so räumt sie andererseits mit einer gängigen Vorstellung auf, „ist nicht verpflichtend“. So steht es im Titel eines der gelungensten Texte des Buches. Nach dem widerwilligen Eingeständnis des erzählenden Ichs, dass schreiende Babys ihre „mütterlichen Instinkte gegen meinen Willen wecken“, verflucht sie „Kindergebären“ als „unnatürlichsten Akt, den eine Frau im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte an sich verüben kann“, und bekennt, dass der „beschämende Gedanke, tatsächlich ein fremdes Leben in mir heranwachsen zu lassen“, sie schaudern lässt.

Doch nicht nur für Elternschaft, auch Religionen erteilt sie eine nachgerade rabiate Absage. So verteufelt sie Gott, diesen „rachsüchtigen Kriegsherrn, dessen Lieblingsbeschäftigung schon immer Gewalt, Folter und Vergeltung waren“, als „egoistischen Diktator, dessen Sadismus so ausgeprägt war, dass er auf die Ermordung seines einzigen eingeborenen Sohnes bestand, nur um zu beweisen, wozu er fähig war, nachdem er uns alle dazu verurteilt hatte, in ewiger Verdammnis wie Fleischpuppen in seinem privaten Kerker zu verrotten.“ Diesem berauschenden Furor folgt die Ernüchterung jedoch auf dem Fuß, wenn man erkennen muss, dass all dies letztlich nur darauf hinausläuft, „Mutter Brooklyn“ auf Gottes verwaisten Thron zu hieven.

In einem anderen Texte lässt Lunch ihr – wenn man so will – prosaisches Ich sogar eingestehen, es „flirte“ zwar mit dem Tod, doch sei es „dankbar für jede Minute, die ich am Leben bin.“

Beschlossen wird der Band mit einigen Interviews, die Lunch mit diversen Kunstschaffenden – im übrigen ausschließlich Männern – führte, unter ihnen einige, zumindest hierzulande weithin unbekannte, aber etwa auch der namhafte Autor des Romans „Letzte Ausfahrt Brooklyn“

Lust, versichert Lunch im Nachwort, sei „die einzig wahre Rebellion“. Eine denkbar fragwürdige Haltung. Doch wird sie um einiges plausibler, wenn Lunch anfügt, es seien insbesondere die Frauen, die auf ihrer Lust bestehen sollten, denn sie sei ihnen als erste gestohlen worden.

Titelbild

Lydia Lunch: Will work for drugs.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Simone Salitter und Gunter Blank.
mox & maritz Verlag, Bremen 2011.
163 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783934790179

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