„Goethes Papagei“ auf der Couch

In Jan Deckers Eckermann-Monolog wehrt sich die Titelfigur vergeblich gegen sein „Über-Ich“

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Meinungen der Zeitgenosssen und der Nachwelt über Johann Peter Eckermann (1792-1854) gehen weit auseinander. Stand er als „Goethes Papagei“ für Heinrich Heine „auf der Grenze des Lächerlichen“, so huldigte Friedrich Nietzsche den „Gespräche(n) mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“ als „dem besten deutschen Buch, das es gibt“. Christian Morgenstern brachte es in Rage, wenn „allezeit hier und dort über den Eckermann geredet wird“. Denn dem Verfasser der „Galgenlieder“ war der erfolglose Lyriker Eckermann „ein ganzer Kerl, ein Vorbild, allen denen zu empfehlen, denen es um ihre Bildung wahrhaft ernst ist.“

Derweilen kalauerte der Insel-Verleger und Goethesammler Anton Kippenberg in Bezug auf Eckermanns Geburtsstadt Winsen an der Luhe: „Auf Winsen sich die Ruhe legt; / Kein Windeshauch die Luhe regt. / Da hebt Gemuh’, Gemecker an: / Die Herde heim treibt Eckermann.“ Und auch Martin Walser flocht dem Adlatus des großen Weimarer Dichters in seinem Bühnenstück „In Goethes Hand“ (1982) keine Kränze.

Nun ist Eckermann in dem knapp 60-seitigen Theatermonolog von Jan Decker als Protagonist auf der Psychiatercouch zu erleben. Johann Christian August Heinroth (1773-1843), seit 1811 Inhaber des weltweit ersten Lehrstuhls für „psychische Therapie“ an der Leipziger Universität, hat ihn sich dort zurechtgelegt, weil er über seine Zurechnungsfähigkeit entscheiden soll. Da Eckermann 1844 auf der Flucht vor seinen Schuldnern Weimar verlassen hat, will der Hof nach seiner Rückkehr das Jahressalär des Sonderlings streichen. Heinroth soll zu diesem Vorhaben die psychiatrische Munition liefern.

Deckers geschickt zwischen Komik und Tragik, Fakt und Fiktion, Selbstverteidigung und Anklage changierender Monolog präsentiert eine Figur, wie es sie in Goethes Umgebung zuhauf gab. Das hatte freilich weniger mit Goethe und mehr mit der ausgeprägten Untertanenmentalität seiner Getreuen zu tun, die der Weimarer Dichter einerseits beklagte, andererseits aber wohl auch erwartete. Wer ihm die Ehrerbietung verweigerte oder von Gleich zu Gleich mit ihm umzugehen gedachte, wurde nur allzu schnell als nicht förderungswürdig eingestuft und hatte im klassischen Weimar keine Zukunft. Und so roch es in der Nähe des Literaturtitanen – wie Thomas Mann das in seinem Roman „Lotte in Weimar“ ausdrückte – nur allzusehr nach Opfer.

Als ein solches sieht sich auch die Titelfigur des „Eckermann“-Monologs. Fleißig erinnert sie sich der über ein Jahrzehnt zu ertragenden Demütigungen und beklagt, dass sämtliche eigenen Lebenspläne an der fordernden Gegenwart des Hausherrn vom Frauenplan zerbrachen. Krankheit, Geldnot, eine immer wieder hinausgeschobene Ehe, die nach 13-jähriger Verlobungszeit nur bis zur Geburt des Sohnes dauerte, nach der die Mutter stirbt – alles Gaben, auf dem Altar der deutschen Dichtung geopfert, ohne dass für Eckermann selbst viel herausgesprungen wäre. Und doch gelingt am Ende nicht, wozu die Beichte einer Lebensverfehlung auch hätte führen können: die Loslösung aus dem Bannkreis eines „Über-Ichs“ mit Namen Goethe. Im Gegenteil: Nachdem sich Deckers Eckermann in den ersten beiden Bildern des Monologs mühselig ins Freie gearbeitet hat, kehrt er im abschließenden dritten Bild freiwillig wieder unter die Knute eines Herrn zurück, der 1846, zu der Zeit, da der Monolog spielt, schon seit bald anderthalb Jahrzehnten tot war. Das tat seiner kritiklosen Anbetung freilich keinen Abbruch.

Nicht mehr unter den Lebenden weilte 1846 übrigens auch Johann Christian August Heinroth. Der Königlich Sächsische Hofrat war bereits am 26. Oktober 1843 in Leipzig verstorben. Wenn er nun hinter der „mit Kissen vollgestopften Chaiselongue“ auf einem Stuhl sitzt, die Ohren spitzt und letzten Endes Eckermanns Zurechnungsfähigkeit bestätigt, so nimmt das Ganze Züge eines Traums an. Eines Traums vom Ausbruch aus dem Käfig seiner Existenz – in Eckermanns ärmlicher Behausung stapeln sich die Käfige mit Vögeln und anderen Tieren, deren Verhalten er jahrelang beobachtete –, vom Titelhelden selbst inzeniert und freiwillig dorthin zurückführend, wo man ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1854 noch gnädig durchfüttert.

Deckers Text ist in dem kleinen Thüringer quartus Verlag erschienen. In bibliophiler Aufmachung, begrenzt auf 500 nummerierte Exemplare, gehört das Büchlein in die von dem Jenaer Germanisten, Ausstellungs- und Filmemacher Jens-Fietje Dwars herausgegebene und gestaltete „Edition Ornament“, die sich an der von Kurt Wolff zwischen 1913 und 1921 in Leipzig und München edierten Reihe „Der jüngste Tag“ orientiert. Die drei montierten Zeichnungen des Geraer Künstlers Kay Voigtmann – durch seine Zusammenarbeit mit Ingo Schulze, Jens Sparschuh und Burkhard Spinnen als Illustrator bekannt geworden – gliedern Eckermann wie Goethe in den beständig wachsenden Kosmos jener grotesken Figuren ein, die nicht nur „anatomisch-hanebüchen“ sind, wie Voigtmann selbst sagt, sondern bei all ihrer Monstrosität auch etwas Harmlos-Hilfsbedürftiges besitzen.

Kein Bild

Jan Decker: Eckermann oder die Geburt der Psychoanalyse aus dem Geist Goethes. Theatermonolog in drei Bildern.
quartus-Verlag, Jena 2012.
72 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783936455991

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