Professor Weber fährt durch Amerika und hält eine Vorlesung in München

Ein Buch über Max Webers Amerika-Reise und ein weiterer Band der Max Weber-Gesamtausgabe sind erschienen

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Amerika, Du hast es so viel besser als Deutschland!

Amerika, Du hast es so viel besser als Deutschland! Oder, und etwas genauer: Den amerikanischen Frauen geht es ja so viel besser als den deutschen Frauen! Um wie vieles besser, darüber berichtet die Frau eines deutschen Professors ihren Geschlechtsgenossinnen zu Hause:

„Was die Existenz ohne Dienstboten bei der heutigen Form des Privathaushalts für Kulturmenschen bedeutet, läßt sich auch nur durch die Anschauung begreifen. Welch ein ungeheurer Luxus z.B. Reinlichkeit ist, das erlebt man erst, wenn man eine Zeit lang in einem derartigen Haushalt mit mehreren Kindern zubringt. Bewundernswert ist nun, wie völlig sich die gebildete amerikanische Frau noch in einem solchen Haushalt als geistige Persönlichkeit zu behaupten weiß, geistig wach und regsam bleibt und nicht die Verengung ihres Gesichtskreises erleidet, wie manche deutsche Muster-Hausfrauen, die mit ihrer häuslichen Tätigkeit eine Art von religiösen Kultus treiben, so daß ihnen die Erfüllung außerhäuslicher Aufgaben oder selbst die eigene geistige Weiterbildung als eine Art sündhafter Vielgötterei erscheint. In Amerika wird der Haushalt – wie mir scheint – immer nur als Mittel zum Zweck, nicht aber – wie bei uns noch vielfach – als Selbstzweck betrachtet. […] Natürlich tut auch die amerikanische Technik mehr als bei uns, um den Dienstbotenmangel auszugleichen. Allerdings will es der Wohnindividualismus, daß eigentlich jeder ein eigenes Häuschen erstrebt. 80 Prozent der Einfamilienhäuser bestehen noch aus Holz und sind schon für 8 – 12.000 Mark fertig zugeschnitten aus der Fabrik zu beziehen. Jedes hat Centralheizung, Koch- und Leuchtgas, Kalt- und Warmwasserleitung in Küche, Bade- und Schlafzimmern. Küche und Esszimmer liegen immer nebeneinander. – Aber ebensoviel wie die Technik tut auch der amerikanische Ehemann, um der Frau ihre Aufgabe zu erleichtern. Statt wie nach guter alter deutscher Sitte sich all’ den kleinen alltäglichen Bedürfnissen seines äußeren Menschen von seiner Gattin bedienen zu lassen – es soll sogar deutsche Ehemänner geben, die sich jedes einzelne Wäschestück von ihrer Frau hinlegen lassen und sich nie selbst einen Fleck aus dem Rock machen! – leistet der amerikanische Mann seinerseits im Hause allerlei Handreichungen: das Versorgen der Heizung fällt ihm regelmäßig zu, dann das Stiefelputzen und etwa das Reinigen seines Zimmers; auch das Geschirrwaschen verrichten viele Ehepaare morgens oder abends gemeinsam. Ebenso werden natürlich die Kinder, sobald sie den Windeln entwachsen sind, zu bestimmten Verrichtungen, z.B. zum Staubputzen, Fegen, Bettenmachen, herangezogen und lernen dadurch außerordentlich früh, sich selbst zu helfen und überall zuzugreifen. Selbst die Söhne eines Universitätspräsidenten müssen unter Umständen das Trottoir fegen und Fenster putzen. – Von denjenigen Frauen nun, die weder einem Beruf nachgehen, noch einen Haushalt allein zu versorgen haben, gibt es natürlich auch eine große Zahl, die als schöne Zierpflanzen wesentlich der Geselligkeit leben, Zeit und Geld im Schmücken ihres äußeren Menschen anlegen, Theater und Konzerte füllen und in den zahllosen populären Vorträgen geistiges Konfekt naschen. Auch kinderlosen Frauen, die mit ihren erwerbstätigen Gatten im boardinghouse leben und den ganzen Tag ,busy‘ sind – mit dem Staubwischen ihres Zimmers, endlosen Konferenzen mit ihren Schneiderinnen, afternoon-teas und ähnlichen wichtigen und nützlichen Dingen – sind mir begegnet und haben den gottlosen Wunsch, ihnen 6 Kinder aufhalsen zu können, in mir erweckt.“

Dieser winzige Ausschnitt aus den umfangreichen „Reiseeindrücken“ von Marianne Weber, die diese im Frühjahr 1905 im „Centralblatt des Bundes deutscher Frauenvereine“ publizierte, belegt, wie unterhaltsam es ist, einen ganzen Strauß solcher Schilderungen zu präsentieren, mit denen Max und Marianne Weber von ihren vielfältigen Erlebnissen und Eindrücken auf ihrer dreimonatigen Reise durch Amerika berichteten.

Die anstrengende Rundreise des Heidelberger Ehepaars

Am 20. August 1904 hatte das Passagierschiff Bremen in Bremerhaven die Anker gelichtet, am 19. November 1904 sahen die beiden Reisenden aus Heidelberg an Bord der Hamburg die Skyline von Manhattan im Nebelschleier eines Wintertags allmählich verschwinden. Die drei Monate und zwölf Tage, die das Paar auf dem Boden der Vereinigten Staaten von Amerika verbracht hatten, führten sie auf einen weiten und beschwerlichen Weg: Von New York zu den Niagara-Fällen und nach Chicago, von wo sie nach St. Louis, ihrem offiziellen Ziel, reisten. Nachdem der Congress of Arts and Science im Rahmen der Louisiana Purchase International Exposition vorüber war, reiste Max Weber alleine weit nach Westen, nach Oklahoma, und nach seiner Rückkehr von dort, wieder zusammen mit seiner Frau, tief in den Süden, nach New Orleans. Von dort bewegte sich das Ehepaar auf Etappen wieder nach Norden über Tuskegee, Atlanta, Mount Airy, Washington D.C., Philadelphia, Boston und zurück nach New York, wo sie abschließend zwei Wochen blieben.

Viele der bisherigen Darstellungen der wissenschaftlichen und politischen Erträge, die die Amerika-Fahrt für das Werk Webers erbracht haben, gingen von der Annahme aus, dass Weber gerade erst durch seine dortigen Beobachtungen, Erlebnisse und Eindrücke vom wirksamen Sinnzusammenhang eines protestantisch geprägten Arbeitsethos und des von diesem bestimmten „rationalen Betriebskapitalismus“ überzeugt worden sei. Es sei durch seine Amerika-Fahrt gewesen, dass die so famose „Weber-These“ von der „Wahlverwandtschaft“ von Protestantismus und Kapitalismus, bei ihrem Autor selbst erst so richtig fundiert worden sei. Davon kann – wie Claus Offe 2004 und der Rezensent selbst 2006 gezeigt haben – nach dem nun erschienenen Buch des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers und Max Weber-Forschers, Lawrence A. Scaff, hoffentlich keine Rede mehr sein.

Max Weber hatte den ersten Teil des zur Veröffentlichung in Heft 1 des 20. Bandes des „Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ bestimmten Manuskripts von „Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus“ an den Tübinger Verleger Paul Siebeck bereits Monate, bevor er an Bord der ,Bremen‘ ging, geschickt. Das gedruckte Heft selbst erschien im November 1904, also zu jener Zeit, als Weber noch in New York weilte. Erst der zweite Teil dieses Aufsatzes erschien im März 1905, nur dort hätte Weber seine aktuellen Amerika-Kenntnisse einbauen können. Wenn man den Text daraufhin durcharbeitet, was Weber von Amerika im Zusammenhang mit seiner These vor seiner Fahrt dorthin wusste, und was er nach seiner Rückkehr von dort einbaute, so fällt auf, dass sich weder im Detail noch grundsätzlich irgendetwas geändert hat. Man könnte sagen, dass Weber sich für diesen so famosen Text, der nicht zuletzt seine Berühmtheit im englischsprachigen Raum begründete, geradezu als unbelehrbar zeigte. Für die famose „Weber-These“, so wird man bilanzieren können, hätte er nicht nach Amerika fahren müssen.

Wenn man von dem allein äußeren Anlass der Reise, die vor allem lukrative – Max Weber bezog 500 Dollar Vortragshonorar plus Fahrtkosten – Einladung nach St. Louis, absieht, stellt sich die Frage, wonach Weber auf dieser Reise suchte und wie er mit den Ergebnissen dieser rastlosen Suche in seinem Werk insgesamt umgegangen ist. Gesucht hat Weber vor allem nach Anzeichen einer zunehmenden „Säkularisierung des Lebens“, dessen unaufhaltsamer „Bürokratisierung“ und nach den gesellschaftlichen Tendenzen einer allmählichen „Aristokratisierung“. Diese drei Entwicklungen zusammen würden, so Webers Vorstellung, den „genuinen Amerikanismus“ verdrängen und derart der unaufhaltsamen und rapiden „Europäisierung“ Amerikas Vorschub leisten.

Die „massivste Ursprünglichkeit“

Wer den ganzen werksgeschichtlichen Zusammenhang im Auge behält, erkennt, dass die amerikanische (Selbst-)Erfahrung für Weber erhebliche Auswirkungen hatte. Sein Denken über Religion, Wissenschaft, Universität, Demokratie und politisches Führertum ist nach seiner Rückkehr von seinen Impressionen der „Neuen Welt“ stark geprägt. Wenn Weber in seinem Münchner Vortrag vom November 1917 über „Wissenschaft als Beruf“, in dem er so viele Vergleiche mit Amerika heranzieht, zu seinen Zuhörern sagt: „Erlauben Sie, daß ich Sie noch einmal nach Amerika führe, weil man dort solche Dinge oft in ihrer massivsten Ursprünglichkeit sehen kann“, so trifft das am genauesten den Kern. Der Blick Webers in die Moderne entpuppt sich als Blick in die europäische Moderne. Und eben diese europäische Moderne des Okzidents sollte, nach Webers sich allmählich formierender Vision, die Welt als Ganzes beherrschen, selbst die Welt Amerikas.

Nicht Amerika also würde die moderne Wirklichkeit bestimmen, sondern Europa! Die vorerst noch ungebrochene Energie, die vehemente Arbeitsintensität, der sportliche Kampf- und Pioniergeist und die kindliche Naivität der Amerikaner würden – nach Webers Einschätzung – nicht mehr lange bestehen können. Der vermeintliche Aufbruch in eine unbekannte Zukunft würde die gesellschaftlichen und mentalen Verhältnisse dorthin zurückführen, woher die Einwanderer gekommen waren, nach Europa, in die Alte Welt. Die Herrschaft der bürokratischen Maschinen, die allumfassende Macht der sozialen Kontrolle, die Tendenzen der gesellschaftlichen Aristokratisierung und das Verhängnis der nicht gelingenden Integration der Schwarzen in die amerikanische Mehrheitsgesellschaft würden zusammengenommen die Träume von einer ganz anderen, einer wirklich freien Gesellschaft der gleichen Bürger schon bald als das entlarven, was sie seien, nämlich Illusionen. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen sah Weber in Amerika nicht die Anti-These zu Europa, sondern er sah eine eigenartige Synthese entstehen, bei der Amerika seine vermeintliche Andersartigkeit gegenüber Europa allmählich immer mehr verlieren würde. Die amerikanische Unschuld würde ersetzt werden durch das europäische Raffinement, der amerikanische Pragmatismus durch den europäischen Intellektualismus, die amerikanische Tatkraft durch den europäischen Weltschmerz und der amerikanische Moralismus durch das europäische Kompromisslertum.

Und bei diesen Prozessen spielten, nach Webers Ansicht, vor allem die Deutschen, also seine nach Amerika ausgewanderten Landsleute, in deren Kreisen er sich während seiner Amerika-Zeit fast durchgehend bewegt hatte, eine besonders hervorgehobene Rolle, vor allem auf dem Gebiet der religiösen Entwicklungen. Ob er ihr engagiertes Wirken in dem lutherischen Pfarrhaus in North Tonawanda, in dem skeptischen Verhalten seiner Verwandten in North Carolina – Abkömmlinge der Kinder seines mütterlichen Großvaters, Georg Friedrich Fallenstein –, die „unter despektierlichem Ausspucken“ bei einer Baptistentaufe zugegen waren, oder in den jüdisch-freidenkerischen Kreisen von Brooklyn beobachtete, überall sah Weber gerade durch die Deutsch-Amerikaner die religiösen Traditionen des „genuinen Yankeetums“ unterminiert, wie er seiner Mutter schrieb: „Daß sie [die religiöse Indifferenz] zugenommen hat – namentlich durch die Deutschen – ist ziemlich sicher. Aber die Macht der kirchlichen Gemeinschaften ist immer noch gewaltig im Vergleich zu unserem Protestantismus.“

Als Weber um die Weihnachtszeit 1904 wieder an seinem Schreibtisch in der Heidelberger Hauptstraße 73 saß, hatte er eine Vielzahl von Erinnerungen an Begegnungen und Erlebnissen mitgebracht, die ihn für sein weiteres Werk begleiten würden. Weber war nach Amerika gefahren, als er gedanklich am Ende seiner Auseinandersetzung mit der Kulturbedeutung der protestantischen Ethik angekommen war. Somit wäre es durchaus plausibel, anzunehmen, dass er sich während der dreieinhalb Monate vor allem mit diesem Themenkreis beschäftigt hätte. Dies war jedoch, entgegen vieler späterer Darstellungen, keineswegs der Fall. Zum einen scheint es so zu sein, dass Webers Interesse an seiner eigenen Fragestellung zumindest gefühlsmäßig stark abgenommen hatte, zum anderen ließ schon der einigermaßen hektische Reise- und Besuchskalender keinen Spielraum für weiterführende Recherchen. Was die beiden Heidelberger Reisenden, Max und Marianne Weber, an Amerika ganz besonders interessiert hatte, waren die Probleme einer Einwanderungsgesellschaft: Fragen nach Ethnizität und Rasse, Klassen und Schichten, Geschlechterfragen, Erziehung, Religion und Demokratie.

Das Ehepaar Weber trifft viele Menschen

Max Weber interessierte sich ganz besonders für Fragen der Sozialpolitik, der Arbeitsbeziehungen, der Agrarverfassung, der Organisationen und Praktiken sowohl von religiösen Gruppen wie von Erziehungsanstalten. Von den zahlreichen Menschen, deren Begegnung ihm erkennbar von ganz besonderer Bedeutung waren, möchte ich hier nur die folgenden nennen: die Schwarzenführer William Edward Burghardt Du Bois und Booker T. Washington, den Philosophen William James und den Wirtschaftswissenschaftler Edwin Seligman von der Columbia University. Im „Indian Territory“ gehörte Robert Latham Owen zu seinen wichtigsten Gesprächspartnern, der bald nach seinem Besuch zum Senator für Oklahoma gewählt wurde. Weber ließ keine Gelegenheit aus, Erziehungseinrichtungen jeder Art von innen kennen zu lernen – Schulen, Colleges, Universitäten; überall suchte er in den Bibliotheken auch nach Material, mit dem er eventuell seine Studien über die religiösen Gruppierungen der USA fortsetzen könnte. Was ihn jedoch vor allem interessierte, war die Frage, worin sich diese amerikanischen Bildungseinrichtungen von ihren deutschen Schwesterinstitutionen unterschieden. Neben diesen Bildungseinrichtungen nahm Weber, überall, wohin er kam, beobachtend an religiösen Veranstaltungen der unterschiedlichsten Provenienz teil: Von den Gottesdiensten der Sekten der Quäker, Baptisten und Christian Science scheint ihn der in der Gemeinde des schwarzen Predigers Walter H. Brooks in Washington D.C. ganz besonders tief beeindruckt zu haben, – von der soziologiegeschichtlich so berühmt gewordenen Taufe im „Brushy Fork Pond“ bei Mount Airy ganz zu schweigen.

Marianne Weber konzentrierte ihr Interesse auf die Führerinnen der amerikanischen Frauenbewegung, auf die Bewegung der „Settlement Houses“ und auf Erziehungseinrichtungen, die für Frauen geschaffen worden waren. Es sei hier nur die Begegnung mit der späteren Nobelpreisträgerin Jane Addams und deren Mitarbeiterinnen in der legendären Einrichtung von Hull House in Chicago genannt. Marianne Weber besuchte die Elitecolleges für amerikanische Frauen in Bryn Mawr und Wellesley. Und sie erlebte die Frauen in den besseren Kreisen der deutsch-amerikanischen Familien in der Stadt New York.

Wer sich im anschaulichen Detail über diese Reise informieren will, dem sei die gründliche und gut lesbare Arbeit des Politikwissenschaftlers von der Wayne State University, Lawrence A. Scaff, vorbehaltlos zur unterhaltsamen und überaus lehrreichen Lektüre empfohlen. Sie bietet nicht nur eine faszinierend dichte, viele unbekannte Quellen erschließende Studie über die Nordamerika-Expedition von Max und Marianne Weber, sondern zudem eine informative, wenn auch vergleichsweise skizzenhafte Rekonstruktion der Weber-Rezeption in einem Netzwerk von US-amerikanischen Universitäten, vor allem der University of Chicago, der Harvard University, der University of Wisconsin, der Columbia University und der New School for Social Research. Dass dabei der Rolle von Talcott Parsons, der Geschichte der englischen Weber-Übersetzungen ganz allgemein und die Produktion der „Protestantischen Ethik“ – des „Heiligen Textes“ – ganz besonderes Gewicht zukommt, versteht sich von selbst.

Die Vorlesung

Am 26. März 1919 nahm der entpflichtete Honorarprofessor der Universität Heidelberg, Dr. Max Weber, den Ruf des „Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus“ für die Besetzung einer Stelle als „ordentlicher Professor der Gesellschaftswissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie“ an der Staatswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München in etatmäßiger Eigenschaft an. Weber trat damit zum 1. April 1919 die Nachfolge von Lujo Brentano an, dem prominenten Vertreter des linksliberalen Flügels der Historischen Schule der deutschen Nationalökonomie, der diesen Münchner Lehrstuhl seit 1891 innegehabt hatte und zum 1. Oktober 1916 emeritiert worden war.

Der Berufung Webers – „im Namen der Regierung des Volksstaates Bayern“ – waren heftige Turbulenzen vorausgegangen. Am Abend des 7. November 1918 hatte der Vorsitzende der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) in Bayern, Kurt Eisner, die Revolution ausgerufen, das Haus Wittelsbach für abgesetzt erklärt, den bayerischen König Ludwig III. zur Flucht gezwungen und am Tag darauf eine sozialistische „Volksregierung“ der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte gebildet, mit sich selbst als deren Ministerpräsidenten und Außenminister. Im Rahmen der vielfältigen Umwälzungsabsichten dieser Regierung eines „Freien Volksstaats Bayern“ sollte unbedingt ein sozialistischer Wissenschaftler auf den Brentano-Lehrstuhl berufen werden. Erst nachdem Otto Bauer und Karl Kautsky abgelehnt hatten, nahm der Hochschulreferent des Kultusministeriums, Franz Matt, die Angelegenheit wieder in seine erfahrenen Beamtenhände. Abweichend von der tatsächlichen Vorschlagsliste der Fakultät – die den Nationalökonomen Moritz Julius Bonn an die erste Stelle und die Nationalökonomen Gerhart von Schulze-Gaevernitz und Max Weber gemeinsam auf die zweite Stelle gesetzt hatten – beschloss der bayerische Ministerrat in seiner Sitzung am 18. Januar 1919, die Verhandlungen zuerst mit Max Weber aufzunehmen. Die offensichtlich beabsichtigte Ruferteilung an Weber wurde am 26. März 1919 auf einer Sitzung des Aktionsausschusses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte heftig kritisiert: Es wurde gefordert, den Lehrstuhl mit einer Persönlichkeit zu besetzen, die „die Gesinnung der Jugend mit sozialistischem Geist zu durchtränken versteht“. Max Weber habe sich dagegen stets in „bürgerlich-kapitalistischen Gedankengängen“ bewegt. In der Resolution verlangte der Aktionsausschuss, „daß der freigewordene Lehrstuhl für Nationalökonomie lediglich von einem Manne besetzt wird, der tiefes Verständnis hat für die Nöte des schwerringenden Volkes, vor allem aber dem Sozialismus nicht feindselig gegenübersteht.“ Trotz dieser Widerstände erhielt Weber, mit Zustimmung des sozialdemokratischen Kultusministers Johannes Hoffmann und durch die engagierte Mithilfe des damaligen bayerischen Finanzministers Edgar Jaffé, den schriftlichen Ruf. Verständlicherweise zweifelte der Jurist Weber, ob in diesem „politischen Durcheinander“ seine Anstellung formell in Ordnung gehen würde.

Dabei war es weder die Begeisterung für die Wiederaufnahme des „Professor-Spielens“ – wie er selbst mehrfach diese Tätigkeit nannte – noch die Liebe zur Münchner Universität, die Weber zur Rufannahme veranlassten, sondern zwei Motivkomplexe: Geld und Liebe.

Seine seit 1899 geführte Existenz als Rentier, der ausschließlich von den Kapitalerträgen seiner Mutter und seiner Frau lebte, würde er nach Kriegsende nicht fortsetzen können. Nachdem eine hauptamtlich politische Karriere für ihn nicht (mehr) möglich war, gab es zur Wiederaufnahme der bezahlten Arbeit als Universitätsprofessor keine Alternative, wobei mehrere Universitäten ihr Interesse bekundet hatten.

Max Weber ging an die Münchner Universität – oder genauer: in diese Stadt – einer Frau wegen, die seine große, leidenschaftliche, späte Liebe geworden war: Elisabeth Freiin von Richthofen, verheiratete Jaffé, Ehefrau des Kollegen Edgar Jaffé, und jahrelange Geliebte seines jüngeren Bruders, Alfred Weber.

Ungeachtet seiner Ernennung zum 6. April 1919 – einem Tag vor Ausrufung der Räterepublik – konnte Weber seine Lehrtätigkeit nicht unmittelbar aufnehmen. Seine Teilnahme an den Friedensverhandlungen in Versailles führte dazu, dass er nach einem kurzen Abstecher in Berlin erst ab der ersten Juniwoche 1919 ins Isartal zurückkehren konnte, wo er sich – im ersehnten Zusammensein mit Else Jaffé in deren bescheidenem Haus „Vogelnest“ in Wolfratshausen im Isartal – auf die Wiederaufnahme seiner Universitätslehre vorbereitete. Die Liste der von Weber in den insgesamt drei Semestern seiner Münchner Zeit angebotenen Lehrveranstaltungen ist nicht sonderlich lang: Im verbliebenen Rest des Sommersemesters 1919, das vor allem für die zurückkehrenden Kriegsteilnehmer organisiert wurde, die Vorlesung „Die allgemeinsten Kategorien der Gesellschaftslehre“, die der Neuformulierung der ersten Kapitel jener Texte dienten, die später als „Wirtschaft und Gesellschaft“ veröffentlicht wurden. Für die Vorlesung, für die sich Weber von Stunde zu Stunde vorbereitete, hatten sich 600 Hörer eingeschrieben. Weber präsentierte hier jene dürren Paragraphentexte, die wir als seine „Allgemeine Soziologie“ kennen. Im Wintersemester 1919/20 bot Weber eine vierstündige Vorlesung mit dem Titel „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ an, sowie eine vierstündige Übung „Soziologische Arbeiten und Besprechungen“. Auch im Sommersemester 1920 wurden es nicht weniger Studierende. Für die vierstündige Vorlesung „Allgemeine Staatslehre und Politik (Staatssoziologie)“ hatten 400 Teilnehmer ihre Hörergelder bezahlt. Für die zweistündige Einführungsvorlesung „Sozialismus“ waren es 600 Hörer, nur den zweistündigen Kurs „Soziologisches Seminar“ beschränkte er auf einen kleinen Kreis.

Es waren keine „normalen“ Semester, die Max Weber an der Münchner Universität erlebte, fielen sie doch in eine insgesamt überaus turbulente Periode der bayerischen und deutschen Geschichte. Dass er in diesen Monaten, die man in jeder Hinsicht – sowohl privat als auch öffentlich – als aufgewühlt bezeichnen kann, hat derart produktiv wissenschaftlich arbeiten können, ist zumindest bewundernswert. Neben seinem häuslichen Schreibtisch in der Schwabinger Seestraße 3c und dem Lesesaal in der Bayerischen Staatsbibliothek diente ihm das Professorenzimmer des Staatswirtschaftlichen Seminars als Arbeitsplatz. Ungeachtet seines festen Vorsatzes, sich vollkommen aus dem politischen Leben herauszuziehen und sich ausschließlich der Arbeit an seinen wissenschaftlichen Vorhaben zu widmen, überschattete eine Vielzahl dramatischer politischer Vorgänge die drei Münchner Semester.

Die Buchveröffentlichung

Von einer der genannten vier Münchner Vorlesungen erschienen bereits vor drei Jahren im Rahmen der Max-Weber-Gesamtausgabe sorgfältig ediert zwei studentische Mitschriften: der Vorlesung vom Sommersemester 1920 über „Allgemeine Staatslehre und Politik (Staatssoziologie)“, die ebenfalls an dieser Stelle rezensiert wurden. Dabei wurde auch auf die grundsätzlichen Probleme einer solchen Publikation angesichts fehlender Manuskripte von Max Weber selbst aufmerksam gemacht. Soeben erscheint nun die Edition der sehr viel umfangreicheren Vorlesung vom vorangehenden Wintersemester 1919/20, jenes „Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“, die eine wesentlich kompliziertere Geschichte hinter sich hat.

Unter den insgesamt 508 eingeschriebenen Hörern dieser Vorlesung saßen einige Männer – von den wenigen Frauen als ,Gasthörerinnen‘ seien genannt Elsa Bernstein und Julie Meyer-Frank –, die bis heute einigermaßen bekannt wurden: Eduard Baumgarten, Arnold Bergstraesser, Immanuel Birnbaum, Wolfgang [George W. F.] Hallgarten, Karl Pfister und Max Rheinstein – alles Namen, die auch mit der Rezeption Max Webers eng verbunden sind. Die Münchner Vorlesungen Webers wurden angeblich als „universitäres Ereignis“ gehandelt, so dass selbst Kollegen wie der angesehene Staatsrechtler Karl Rothenbücher, der Historiker Erich Marcks und Webers Lehrstuhlvorgänger Lujo Brentano an dieser Vorlesung über Sozial- und Wirtschaftsgeschichte teilnahmen, – sporadisch, wie man wohl vermuten darf. Dass zu den Hörern auch der damals 31-jährige Carl Schmitt zählte, der zu dieser Zeit bereits an der Münchner Handelshochschule lehrte, wird noch zu erwähnen sein.

Unsicher jedoch ist, ob zwei Männer, mit deren Namen die posthume Publikation dieser Vorlesung aufs Engste verbunden ist, überhaupt aktiv daran teilgenommen haben. Dabei handelt es sich um Siegmund Hellmann (Jahrgang 1872), ein Mediävist, der nach seiner Münchner Habilitation im Jahr 1899 ab 1909 als außerordentlicher Titularprofessor an der Universität München und ab 1923 als Ordinarius an der Universität Leipzig lehrte, und den Wirtschaftswissenschaftler Melchior Palyi (Jahrgang 1892), der nach seiner Promotion an der Münchner Handelshochschule im Jahr 1916 einen Lehrauftrag dortselbst wahrnahm. Diese beiden waren gewiss keine ,normalen‘ Studenten, die dem nach München berufenen Max Weber zuhörten – falls sie das überhaupt taten – sondern bereits qualifizierte Wissenschaftler, als sie zusammen im Jahr 1923 beim Verlag von Duncker & Humblot in München und Leipzig ein Buch mit dem Titel veröffentlichten: „Wirtschaftsgeschichte von Max Weber. Abriss der universalen Sozial- und Wirtschafts-Geschichte. Aus den nachgelassenen Vorlesungen herausgegeben von S. Hellmann, Professor der Geschichte an der Universität München, und Dr. M. Palyi, Dozent an der Handelshochschule Berlin.“.

Wie war es zu diesem 348-seitigen Buch gekommen? Max Weber war mitten im laufenden Sommersemester – am 14. Juni 1920 – in München gestorben. Seine Witwe und Nachlassverwalterin, Marianne Weber, setzte unmittelbar danach alles daran, dass aus den ungeordneten Notizen und Manuskripten, die sie vorfand, ,richtige‘ Bücher wurden, die sie selbst komponierte, mit der Hilfe einer ganzen Schar von Hilfsbereiten. Der zu diesem Zeitpunkt 27-jährige Melchior Palyi war einer davon und wirkte in den Jahren 1920 bis 1922 in vielfältiger Weise bei der Edition der hinterlassenen Schriften von Max Weber mit. Wie sie auf den zu diesem Zeitpunkt bereits 47-jährigen Hellmann verfiel, klärt auch der zu rezensierende Band nicht auf, zitiert wird jedoch ein Brief von Marianne Weber an den Tübinger Verleger Paul Siebeck, dass „zwei hiesige [Münchner] jüngere Gelehrte das Winterkolleg meines Mannes über Wirtschaftsgeschichte […] nach Kollegheften herausgeben wollen.“

Dass eine solche Publikation mit Problemen verbunden ist, machte die damalige „Vorbemerkung“ zur ersten Auflage überaus deutlich: „Max Weber hat die Vorlesung, die hier der Öffentlichkeit übergeben wird, unter dem Titel ‚Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte“ im Wintersemester 1919/20 auf Andringen der Studenten abgehalten, ungern, denn seine Aufmerksamkeit fesselten vollständig die großen soziologischen Aufgaben, denen er sich zugewandt hatte, aber dann, nachdem er einmal sein Ja gesprochen, doch mit dem rücksichtslosen Einsetzen seiner gesamten Kraft und seiner ganzen Persönlichkeit, das ihn kennzeichnete. […] Auch wenn Max Weber ein längeres Leben beschieden gewesen wäre, würde er die ‚Wirtschaftsgeschichte‘, wenigstens in der Gestalt, wie sie hier vorliegt, nicht der Öffentlichkeit übergeben haben: Äußerungen von ihm zeigen, daß er sie als eine ihm aufgedrungene Improvisation mit tausend Unvollkommenheiten betrachtete, und daß er, wie jeder große Gelehrte, auch hier selber sein unerbittlichster Richter gewesen ist.“

Bereits im Jahr 1923 stellten sich die beiden Herausgeber exakt jene Fragen, die auch heute noch gestellt werden müssen: „Die Frage, die sich unter diesen Umständen Frau Dr. Marianne Weber [Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät Heidelberg 1922] und den von ihr beauftragten Herausgebern aufdrängte, ob die Veröffentlichung überhaupt gestattet sei, haben sie, nach manchem Schwanken, schließlich doch mit einem Ja beantworten zu müssen geglaubt, weil sie überzeugt sind, daß die Wissenschaft auf den Besitz auch dieses Werkes von Max Weber einen Anspruch hat. Denn nicht im Detail liegt seine Bedeutung – Max Weber war kein Spezialist, und Spezialisten werden an dem Buche genug auszusetzen haben –, sondern in der Kühnheit der Konzeption, die eine nach den Hauptgebieten des Wirtschaftslebens geordnete Typologie der Wirtschaftsgeschichte in die Darstellung der Vorbereitung und Entfaltung des modernen Kapitalismus einmünden läßt, und der Souveränität, mit welcher die Ergebnisse der Forschung in den Dienst dieses Gedankens gezwungen werden.“

Man hört es: Schon bei der Erstpublikation dieses Buches waren sich die dafür Verantwortlichen nicht sonderlich sicher, ob ihr Vorgehen tatsächlich im Sinne Webers war, vor allem angesichts der Tatsache, dass es kein Manuskript gab: „Ein Skriptum oder auch nur zusammenhängende Aufzeichnungen Max Webers waren nicht vorhanden, nur eine Anzahl Blätter mit schlagwortartig hingeworfenen Notizen in seiner kaum dem Geübten und Eingeweihten zugänglichen Handschrift fand sich im Nachlaß.“ Wie also kam es überhaupt zu einem Text, Tonbandaufzeichnungen existierten ja auch nicht?

Siegmund Hellmann und Melchior Palyi wiesen in ihrer „Vorbemerkung“ darauf hin, dass der Text „aus der Nachschrift von Hörern hergestellt werden“ musste, die „bereitwillig und für viele Monate ihre Hefte zur Verfügung stellten“. Die Herausgeber von 1923 markierten zusätzliche Mängel: „was leider gänzlich fallen mußte, war die drastische, schlagende Ausdrucksweise, die in den Niederschriften begreiflicherweise nur ganz unvollkommen und undeutlich festgehalten werden konnte und jedes Versuchs einer Restauration spottete.“ Ungeachtet aller dieser Bedenken sahen sie sich darüber hinaus dazu ermächtigt, „durch reichere Gliederung der einzelnen Teile in Paragraphen und Unterabschnitte die Übersicht und das Verständnis erleichtern zu sollen“, sie markierten „offenbare“ Irrtümer durch Anmerkungen und sie „erweiterten“ Max Webers Literaturangaben, „um demjenigen, der tiefer einzudringen wünscht, das Suchen zu erleichtern.“

Dieser derart fabrizierte Text – unter dem lakonischen Titel „Wirtschaftsgeschichte“ – erlebte eine bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte. Es war das erste aller Werke Max Webers, das in eine Fremdsprache übersetzt worden ist: Die englische Fassung der Übersetzung durch den einflussreichen Wirtschaftswissenschaftler Frank Hyneman Knight (1885-1972), einem der zentralen Begründer der „Chicago School“ und Lehrer zahlreicher Nobelpreisträger, erschien bereits im Jahr 1927 im Londoner Verlag George Allen & Unwin, drei Jahre bevor Talcott Parsons seine englische Übersetzung der „Protestant Ethic“ im gleichen Verlag publizierte. Webers „General Economic History“ ist heute immer noch lieferbar und prägte unzweifelhaft für zahllose englischsprachige Leser deren Weber-Bild. Auch im deutschsprachigen Raum erwies sich dieses nicht einmal mit einem Originalmanuskript kollationierte Buch als überaus erfolgreich: Von der im Mai 1923 erschienenen ersten Auflage wurden bis zum April 1924 bereits 3.000 Exemplare verkauft, was eine Neuauflage von 4.000 Exemplaren notwendig machte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die unermüdliche Editorentätigkeit des Münchner Privatgelehrten und Max-Weber-Forschers, Johannes F. Winckelmann, auf dessen Wirken und Bedeutung bereits mehrfach bei der laufenden Berichterstattung über die Max-Weber-Gesamtausgabe an dieser Stelle eingegangen wurde, zuletzt ausführlich beim Band über die Entstehungsgeschichte von „Wirtschaft und Gesellschaft“.

Winckelmann war es gewesen, der im Frühjahr 1958 eine „Dritte, durchgesehene und ergänzte Auflage“ der „Wirtschaftsgeschichte“ publizierte, erneut beim Verlag Duncker & Humblot. Angesichts des Fehlens eines Manuskripts musste auch er sich dabei auf die Fassung von Hellmann und Palyi stützen, hatte aber im Zuge seiner ausgedehnten Forschungen eine weitere Vorlesungsmitschrift heranziehen können, die der ehemalige Regierungsdirektor Dr. Erwin Stölzl dem Max-Weber-Institut überlassen hatte. Winckelmann schrieb dazu in seinem „Vorwort“: „Es handelt sich dabei um eine Mappe mit 103 beschriebenen Folioseiten in deutlich lesbarer Handschrift, wobei der Schreiber eine Mischung von Kurantschrift und Stenographie verwendet hat. Er hat im Laufe des Winters eine Anzahl von Vorlesungen versäumt, so daß sich verschiedene Lücken, zum Teil durch weiße Blätter auch äußerlich kenntlich, ergeben.“ Bei dem Vergleich mit den früheren Ausgaben kam Winckelmann zum Schluss, dass die ursprüngliche Fassung „dem wirklichen Vortrag offenbar sehr nahekommt“, für die sich Hellmann und Palyi auf etwa fünf bis acht Hefte gestützt hatten. Da es Winckelmanns großes Anliegen gewesen war, den „inneren Zusammenhang“ zwischen den vermutlichen Ausführungen Max Webers in seiner – frei gehaltenen – Vorlesung und den gleichzeitigen Arbeiten an der schriftlichen Fassung des ersten Teils von „Wirtschaft und Gesellschaft“ herauszuarbeiten, machte er in der von ihm erzeugten dritten Auflage bei der „Begrifflichen Vorbemerkung“ eine Mehrzahl von Anmerkungen und Einfügungen, die – ohne besondere Kennzeichnung – „zum Bestandteil des Textes oder der Anmerkungen gemacht worden“ sind; zugleich „mußte“ der Wortlaut einiger Absätze einen „stärkeren Eingriff“ erfahren, der „wenig glücklich gefaßt war“. Auch wenn Winckelmann den Herausgebern der ehemaligen Fassung „große Sorgfalt“ attestierte, nahm er doch „vereinzelte Berichtigungen“ vor, „die gelegentliche kleinere Versehen oder bloße Druckfehler betreffen“ und darum „nicht besonders kenntlich gemacht worden“ seien. Und so ging diese edierte Fassung nach über dreißig Jahren – „das längst vergriffene, viel gesuchte Buch“ – erneut in alle Welt hinaus, wobei Winckelmann auch dabei darauf verwies, dass gerade die Begrifflichkeit „in letzter Schärfe“ im „Ersten Teil von Max Webers Hauptwerk ‚Wirtschaft und Gesellschaft‘“ zu finden sei. Diese dritte Auflage aus dem Jahr 1958 erlebte weitere Auflagen (4. Auflage: 1981; 5. Auflage: 1991), aktuell ist das Buch immer noch im Handel, derzeit in der 6. Auflage, unverändert im Berliner Verlag Duncker & Humblot. Nimmt man die Übersetzungen dieses Buches in sämtliche Kultursprachen der Welt – zumeist auf der Basis der englischen Fassung – hinzu, so lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass dieses Buch „aus zweiter Hand“ eines der erfolgreichsten Bücher Webers ist.

Doch die Editionsarbeit war noch nicht zu Ende: Hatte Winckelmann die Stölzl-Mitschrift – zusammen mit dessen Mitschrift der Vorlesung über „Staatssoziologie“ – bereits in den 1950er-Jahren als Geschenk erhalten und zur Grundlage seiner damaligen Überarbeitung machen können, so erhielt er Anfang der 1960er-Jahre ein weiteres Kollegheft, in dem der Jurist Georg Girisch seine Aufzeichnungen dieser Vorlesung notiert hatte. Winckelmanns Tod im Jahr 1985 verhinderte eine erneute Bearbeitung.

Die Herausgeber des hier anzuzeigenden Bandes hatten damit für die Historisch-Kritische Ausgabe im Rahmen der MWG zu ihrer Verfügung: Die Fassung von 1923, die Überarbeitungen von Winckelmann sowie die Mit-/Nachschriften von Erwin Stölzl und Georg Girisch, die beide im Deponat der Bayerischen Staatsbibliothek liegen, und die im Band ebenfalls ediert abgedruckt wurden (die Stölzl-Nachschrift komplett, die Girisch-Notizen als Ergänzung). Als von offenbar hervorgehobener Bedeutung – „Durch einen Glücksfall“ – wurde den MWG-Herausgebern ein „Notizzettel“ übermittelt, den der spätere „Kronjurist des Dritten Reichs“ (Waldemar Gurian), Carl Schmitt, als Teilnehmer des Weber’schen Dozentenkolloquiums – und nach Selbstaussage regelmäßigem Hörer der Weber’schen Vorlesung über Sozial- und Wirtschaftsgeschichte – hinterlassen hat, und der hier erstmals abgedruckt ist. Er gibt zwar keinerlei weiterführende Auskunft über das in der Vorlesung Vorgetragene, scheint also eher – „wegen der Bedeutung Carl Schmitts“ – als edierungswürdige Reliquie betrachtet worden zu sein.

Insgesamt postuliert der Herausgeber Wolfgang Schluchter: „Wir dürfen daher davon ausgehen, daß ihre [Hellmann und Palyi] Darstellung eine relativ originalgetreue Wiedergabe der Weberschen Argumentationen ist. Die Herausgeber der Max Weber-Gesamtausgabe haben sich deshalb entschlossen, diesen Text in die Edition aufzunehmen.“

Wer kann mit diesem Buch etwas anfangen?

Um was geht es in diesem Text? Es ist, wie der Name sagt, eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte – der Menschheit müsste man hinzufügen. Weber beginnt mit allgemeinen Definitionen – „Wirtschaftlich nennen wir ein Handeln insoweit, als es orientiert ist an der Fürsorge für begehrte Nutzleistungen oder Chancen der Verfügung über solche“ – hebt dann inhaltlich mit Agrarverfassungen an, fährt mit Gewerbe und Bergbau bis zum Eintritt der kapitalistischen Entwicklung fort, kommt zum Güter- und Geldverkehr im vorkapitalistischen Zeitalter und endet mit der Entstehung des modernen Kapitalismus und der Entfaltung der kapitalistischen Gesinnung. Dabei konzentriert er sich zwar auf die abendländischen Entwicklungen (Antike, Mittelalter, Neuzeit) mit einem Schwerpunkt auf den Verhältnissen auf deutschem Boden, unternimmt aber auch weitschweifende Exkursionen in außereuropäische Verhältnisse nach China, Indien und den Vorderen Orient.

Es ist kein Wunder, dass gerade die Münchner Studenten sehr ähnliche Wünsche hatten, wie heutige Studierende: der große Überblick und nicht zu viele verwirrende Details. Der Lehrstuhlvorgänger, Lujo Brentano, hatte seine fünfstündige Vorlesung über 25 Jahre hin im Wahlfach „Wirtschaftsgeschichte“ für das Curriculum der Nationalökonomie angeboten und darin die Entwicklung der Volkswirtschaft und ihrer Organisation vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert behandelt. Weber musste diesen berechtigten Erwartungen seiner Münchner Studenten nachkommen, auch wenn er kein Fachmann auf diesem Gebiet war und sich „in fliegender Hast bis zum letzten Moment“ selbst Abschnitt für Abschnitt in die jeweilige Materie einarbeiten musste. In seinem Fall – wie immer bei seinem Vorgehen – hieß das, dass er vor allem die Arbeiten anderer heranzog und deren Ergebnisse kommentierend vortrug: ganze „Wagenburgen von Büchern“ türmten sich auf seinem Schreibtisch. An seine Geliebte Mina Tobler schrieb er am 27. August 1919: „Im Winter werde ich ja sehr asketisch leben müssen, da die Studenten ein neu zu machendes großes, mir nicht unbedingt ‚liegendes‘ Kolleg verlangen.“ Sein Cousin zweiten Grades, Eduard Baumgarten, selbst Hörer dieser Vorlesung, sympathisierte mit den Studenten: „Es ging ihm [Max Weber] wohl auf, daß es die Studenten in der Tat nichts anging, daß er jetzt ein Buch [Über grundlegende Kategorien der verstehenden Soziologie] schreiben wollte, sondern daß es seine ‚verdammte Pflicht‘ sei, noch einmal Professor zu werden, d.h. ein Lehrer, der in allen Stücken für seine Studenten da war.“ Die insgesamt 26 zweistündigen Einheiten – jeweils montags und mittwochs von 18 bis 20 Uhr im Auditorium Maximum – wurden von Max Weber frei gehalten, auf „Notiz-Zettel“ gestützt, die er angeblich seinem Cousin Baumgarten unmittelbar danach übergab mit der Bemerkung „Macht, was ihr wollt damit, ich will das Zeug nicht mehr sehen.“ Von diesen „Zetteln“ existiert heute keiner mehr, sie wurden jedoch offensichtlich von Hellmann und Palyi mitherangezogen. Wer deren großes Verdienst nachvollziehen will, möge sich die berühmten „Zettel“ ansehen, die Max Weber bei seinem ebenfalls frei gehaltenen Vortrag über „Politik als Beruf“ am 29. Januar 1919 in Händen hielt, wie sie in einer hervorragenden Ausgabe vor vier Jahren von Heribert Tenschert publiziert worden sind.

Dass die von Weber gehaltene Vorlesung zudem überaus anspruchsvoll gewesen war und viele ihrer Hörer überforderte, lag gewiss auch an der Fülle des Stoffs, wie man einem Bericht des Teilnehmers Wolfgang [George W. F.] Hallgarten entnehmen kann: „Allein das von ihm [Max Weber] vorgebrachte Material – das Riesengerippe der von ihm erarbeiteten soziologischen Grundbegriffe und Grundkategorien des Wirtschaftens – ging noch über das Fassungsvermögen eines ersten Semesters hinaus, und ich beschloß, dieses Studium zunächst noch zu vertagen.“ Dazu kam sicher auch die hastige Vortragsweise, von der es zahlreiche Berichte gibt, die durch Webers geringe Motivation an der ganzen Unternehmung sicher nicht gemildert worden war. Umso größer ist unstrittig das Verdienst der beiden Erstherausgeber, Siegmund Hellmann und Melchior Palyi, einen einigermaßen gut lesbaren Text erzeugt zu haben, auch wenn Hellmann in der eigenen Rückschau und bei den Überlegungen zu einer Neuauflage für eine gründliche Überarbeitung plädierte: „In ihrer jetzigen Gestalt sind sie [die Literaturangaben] nur Zeugnis für die Kühnheit der beiden Herausgeber.“

Der Rezensent selbst hat vor allem Studierenden, denen die Auseinandersetzung mit den Originalschriften Max Webers über „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ zu mühsam und zu anstrengend erschienen, häufig jene Passagen aus der „Wirtschaftsgeschichte“ ans Herz gelegt, in denen über „Die Entstehung des modernen Kapitalismus“ gehandelt wird. In diesem vierten Kapitel – mit seinen Überschriften „Begriff und Voraussetzungen des Kapitalismus“, „Die äußeren Tatsachen der Entwicklung des Kapitalismus“, „Die ersten großen Spekulationskrisen“, „Der freie Großhandel“, „Die Kolonialpolitik vom 16. bis zum 18. Jahrhundert“, „Die Entfaltung der gewerblichen Betriebstechnik“, „Das Bürgertum“, „Der rationale Staat“ und „Die Entfaltung der kapitalistischen Gesinnung“ – findet man vieles von dem, was Weber in anderen seiner Publikationen geschrieben hat. In diesem von anderen verfassten Buch liest es sich jedoch sehr viel klarer und eindeutiger als bei Weber selbst.

Um Appetit auf diese Lektüre zu machen, sei wenigstens dieser knappe Schlussabsatz zitiert: „Die religiöse Wurzel des modernen ökonomischen Menschentums ist abgestorben. Heute steht der Berufsbegriff als caput mortuum in der Welt. Die asketische Religiosität wurde durch eine pessimistische, aber keineswegs asketische Weltbetrachtung abgelöst […] Mit dem völligen Zurücktreten aller Reste des ursprünglichen ungeheuren religiösen Pathos der Sekten hat der Optimismus der Aufklärung, der an die Harmonie der Interessen glaubte, das Erbe der protestantischen Askese auf dem Gebiete der Wirtschaftsgesinnung angetreten […] Das Wirtschaftsethos war auf dem Boden des asketischen Ideals entstanden; jetzt wurde es seines religiösen Sinnes entkleidet. Es war möglich, daß die Arbeiterklasse sich mit ihrem Los beschied, solange man ihr die ewige Seligkeit versprechen konnte. Fiel diese Vertröstung weg, so mußten allein daraus jene Spannungen innerhalb der Gesellschaft sich ergeben, die seitdem noch ständig im Wachsen begriffen sind. Damit ist der Zeitpunkt am Ende des Frühkapitalismus und beim Anbruch des eisernen Zeitalters im 19. Jahrhundert erreicht.“

Die beiden mitschreibenden Studenten Stölzl und Girisch machten es sich noch kürzer: „1. Fabelhaft gutes Gewissen des Unternehmers, 2. Fabelhaft gute Arbeiter [durch] kirchliche Disziplin.“

Wer sich beim Anbruch des 21. Jahrhunderts für diesen Text inhaltlich interessiert – und dazu kann nur beherzt geraten werden – sollte sich an die Version von 1923 oder die aktuell verfügbare Fassung in der sechsten Auflage halten, schon aus Kostengründen. Die hier anzuzeigende Version in der MWG ist, wie alle vorhergegangenen Bände, vor allem durch die editorischen Berichte eine Fundgrube an Informationen und Anregungen, die zu intensiver Forschung einlädt. Für die Max-Weber-Forschung im engeren Sinn bietet der Band erneut den Ausgangspunkt für die Weiterführung der laufenden Diskussionen über das Verhältnis der verschiedenen historischen Schichten des Gesamtwerks.

Ungeachtet aller zweifellos geübten Sorgfalt von Herausgebern und der Münchner Zentralredaktion findet der aufmerksame Leser dann doch Korrekturbedürftiges, so etwa wenn der Titel der Erstveröffentlichung der „Wirtschaftsgeschichte“ von 1923 mehrfach als „Abriß“ geschrieben wird, wo doch das Faksimile nur wenige Seiten später belegt, dass es als „Abriss“ geschrieben wurde; problematisch ist auch, wenn über das Schicksal eines der Erstherausgeber, Siegmund Hellmann, berichtet wird, dass dieser – zusammen mit seiner Schwester, Karla [korrekt: C/Karoline, genannt „Carry“] Brachvogel – am 23. Juli 1942 in das „Konzentrationslager“ Theresienstadt deportiert wurde und dass dort beide bald danach „starben“ und die amtliche Angabe „Altersschwäche“ lapidar übernommen wird.

Zu bedauern ist die Tatsache, dass in diesem Band eines der folgenreichsten Texte Webers vollständig darauf verzichtet wurde, Sacherläuterungen zu präsentieren, nicht einmal unvollständige oder fehlerhafte Zitate, die Weber selbst angeführt hat, werden nachgewiesen oder korrigiert. Ob jedenfalls die langatmige Rekapitulation dessen, was Weber in seiner Vorlesung gesagt hat beziehungsweise gesagt haben soll, in der umfangreichen „Einleitung“ des Herausgebers – der durchgehend glaubt betonen zu müssen, worauf es Weber „ankommt“ – von Nutzen ist, mag dahingestellt sein: über Weber hinaus führt sie jedenfalls nicht. Vor allem äußert sie sich nicht dazu, wie die Weber’sche Darstellung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von 1919/20 aus heutiger Sicht dieses Faches beurteilt wird. Gerade darum ist es überaus bedauerlich, dass dem Nestor dieses Faches, dem Münchner Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt, zwar als „Berater“ bei den „verschiedenen Herstellungsstufen“ gedankt wird, dieser jedoch keinen eigenen Beitrag lieferte, wie er das mit seiner mustergültigen und umfangreichen Kommentierung der „Börsen“-Bände der MWG (Bde. I/5) leistete.

Hinter den Mauern der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Insgesamt erinnern die Geschehnisse im Rahmen des Herausgeber-Gremiums der MWG zunehmend mehr an die Mysterien des Vatikans. Anstelle des seit Jahrzehnten angekündigten Herausgebers dieses Bandes – dem Frankfurter Ordinarius für Volkswirtschaftslehre, Bertram Schefold – tritt nun überraschenderweise der emeritierte Heidelberger Soziologe, Wolfgang Schluchter, als Herausgeber auch dieses Bandes auf. Dass es seiner Meinung nach dabei keines Spezialisten für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bedarf, wird schon aus den markigen Einleitungssätzen deutlich: „seine [Max Webers] Interessen galten nicht mehr in erster Linie der Nationalökonomie, sondern der Soziologie. Weber sah es inzwischen als seine Aufgabe an, seine Kraft darauf zu verwenden, die Soziologie den geistreichen Dilettanten, wie er sagte, zu entwinden und sie als eine begrifflich scharfe und empirisch gehaltvolle Wissenschaft vom menschlichen Handeln neben der Nationalökonomie auch im Lehrbetrieb zu verankern. […] Die Gesellschaftswissenschaft, also die Soziologie, nicht die Nationalökonomie sollte an erster Stelle stehen.“ Ob das so pauschal zutrifft – vor allem wenn man von einem heutigen Verständnis von Soziologie ausgeht – und vor allem auf den hier anzuzeigenden Band anwendbar ist, mag mit sehr guten Argumenten bezweifelt werden.

Man denke nur an die Erinnerungen des ehemaligen Studenten Hans Staudinger – den späteren Reichstagsabgeordneten für die SPD und einflussreichen Dekan der New School of Social Research – der als Aussage Webers zitierte: „Kulturgeschichte und nicht Soziologie ist mein eigenes wesentliches Studieninteresse: die Beziehungen von Werten und Ideen, also die subjektiv bewegenden und treibenden Kräfte zu den menschlichen Handlungen, Gesellungsformen und Einrichtungen.“ Nach Staudinger – gleichlautend mit vielen anderen Stimmen – sah der späte Weber weniger in der Soziologie, sondern in der Kulturgeschichte den „wirklichen Schlüssel zum Verstehen und Begreifen des Werdens der Menschen, ihrer differenzierten Handlungen in der Gegenwart, sowie zur Richtunggebung bei der kommenden Entwicklung auf allen gesellschaftlichen Gebieten“.

Die immer wieder auflodernden Diskussionen, ob Weber als Soziologe, Nationalökonom, Jurist, (Kultur-)Historiker, Religionswissenschaftler, Politikwissenschaftler, (Politischer) Philosoph, Wissenschaftstheoretiker, Medienwissenschaftler einzuordnen sei, sind eine unsinnige Geisterdebatte. Anstatt sie pauschal zu führen, bietet gerade die MWG die einmalige Gelegenheit, die jeweilige Fachkompetenz Max Webers – bald 100 Jahre nach dessen Tod – auf den Prüfstand zu stellen. War es schon ein fragwürdiges Unterfangen, die Edition der Vorlesungen über „Allgemeine (‚theoretische’) Nationalökonomie“ der Jahre 1894 bis 1898 dem Historiker Wolfgang J. Mommsen zur Kommentierung zu überlassen, so hätte gerade beim Band der „Wirtschaftsgeschichte“ die einmalige Chance genutzt werden sollen, einen Fachwissenschaftler die Frage beantworten zu lassen, was von dem dilettierenden Sozial- und Wirtschaftshistoriker Max Weber rückblickend zu halten ist. Wenn nun schon der renommierte Spezialist für die Dogmengeschichte ökonomischer Theorien, Schefold, nach einem permanenten Hin-und-Her von Auflagen und Zumutungen nicht mehr für die Editions-Aufgabe zu halten gewesen war – in seinen eigenen Worten „eine Unglücksgeschichte“ – hätte man als Beobachter der Entwicklungen erwarten können, dass die Herausgeber einen anderen Spezialisten zu gewinnen versucht hätten, wie beispielsweise den Frankfurter Ordinarius für Allgemeine Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Neuzeit – und großen Weber-Verehrer – Werner Plumpe. Anstelle eines Soziologen wäre auch der neu kooptierte Herausgeber Gangolf Hübinger als ausgewiesener Historiker – wenn auch nicht Wirtschaftshistoriker – in Frage gekommen, der bereits vor drei Jahren die Vorlesungsmitschriften der „Staatssoziologie“ in der MWG ediert hatte.

Über die Hintergründe der „langwierigen“ und „komplizierten“ Arbeit an diesem Band schweigt sich das „Vorwort“ des Bandes beredt aus, indem es heißt: „Die Edition wurde unter der Herausgeberschaft von Bertram Schefold begonnen. Die Textedition führte Joachim Schröder durch, der auch die Editorischen Berichte abfaßte und die Verzeichnisse anlegte. Nachdem Bertram Schefold aus der Edition ausgeschieden war, haben die Herausgeber Wolfgang Schluchter gebeten, an seine Stelle zu treten. Er schrieb die Einleitung und überarbeitete die Editorischen Berichte.“ Da Schluchter seit Beginn des Unternehmens zu den Herausgebern der MWG zählt, muss er sich also selbst gebeten haben, an die Stelle des ausgeschiedenen Schefold zu treten. Ganz offensichtlich kam er dieser Bitte nach, so dass ihm „für die kurzfristige Übernahme der Herausgeberschaft und die Abfassung der Einleitung“ im „Vorwort“ gedankt wird. – Anzumerken ist im Übrigen, dass ganz offensichtlich meiner Anregung gefolgt wird und im hier anzuzeigenden Band der Band 24 der MWG nicht mehr unter dem Namen Webers, sondern dem von Schluchter zitiert wird.

Insgesamt spricht einiges dafür, dass der renommierte Frankfurter Dogmenspezialist Bertram Schefold, der bereits vor Jahrzehnten vom Herausgeber M. Rainer Lepsius für diese Aufgabe gewonnen worden war, mit seinem bereits vor vier Jahren abgelieferten Manuskript von 180 Seiten einen wertvollen Beitrag für das aktuelle Weiterdenken Max Webers geliefert hatte. Darin wollte Schefold zeigen, in welcher Weise Weber in die zahlreichen wirtschaftswissenschaftlichen Diskurse seiner Zeit eingebunden war, und vor allem war es das Bestreben Schefolds gewesen, die Position Webers als eine zwischen dem – damals schon „überholten“ – Wert- und Preistheoretiker Carl Menger und dem sehr viel aktuelleren Karl Marx, dessen drei Bände der „Theorien über den Mehrwert“ erst zwischen 1905 und 1910 erschienen, zu charakterisieren. Die nunmehr von Wolfgang Schluchter beigesteuerten Abschnitte über die Beziehungen Webers zu Werner Sombart und Lujo Brentano sind kein hinreichender Ersatz, bleibt doch gerade die mehr als relevante Auseinandersetzung Webers mit Marx dabei unbehandelt. Erneut muss festgehalten werden, dass uns bis heute eine wirklich solide Darstellung mit dem Titel „Max Weber und die Nationalökonomie seiner Zeit“ fehlt, vergleichbar etwa mit der vorbildlichen Arbeit von Roman Köster über die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik. Man darf gespannt sein, wer die entscheidenden Passagen über die „Soziologischen Grundkategorien des Wirtschaftens“ aus dem (ehemaligen) Sammelwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ kommentieren wird, nachdem Bertram Schefold auch diese Aufgabe an die Hauptherausgeber zurückgegeben hat.

So verdienstvoll es auch ist, dass nun auch die „Wirtschaftsgeschichte“ – dieses Buch mit einer hinlänglich bekannten problematischen Historie – im Rahmen der MWG vorliegt, stellt sich doch insgesamt und immer wieder aufs Neue die Frage, wieso nicht die Publikation bislang unveröffentlichter und großenteils unzugänglicher Texte dem Wiederabdruck der bereits jahrzehntelang lieferbaren Texte vorgezogen wird, allen voran die seit Jahrzehnten angekündigten Briefbände, von denen noch insgesamt fünf fehlen (Zeitraum vor 1906 und nach 1917). Das Warten muss also weitergehen, in der großen Hoffnung, dass das Förderprogramm der „Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften“ das ganze Unternehmen weiterhin so überaus wohlwollend, geduldig und opulent unterstützt (siehe auch literaturkritik.de 9/2010).

Erwähnte Texte

Dirk Kaesler: Man sieht nur, was man zu wissen glaubt: Max und Marianne Weber im Amerika der Jahrhundertwende. – In: Amerika und Deutschland. Ambivalente Begegnungen. Herausgegeben von Frank Kelleter und Wolfgang Knöbl. Göttingen: Wallstein Verlag 2006. S. 10-29.

Claus Offe: Selbstbetrachtung aus der Ferne. Tocqueville, Weber und Adorno in den Vereinigten Staaten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004.

Leidenschaft und Augenmaß. Max Webers Stichwortmanuskript zu „Politik als Beruf“. Einführung von Dirk Kaesler. Ramsen: Antiquariat Bibermühle 2008. [= Katalog LIX]

Hans Staudinger: [Erinnerungen an Max Weber]. Deposit Staudinger, Library State University of New York, Albany.

Roman Köster: Die Wissenschaft der Außenseiter. Die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011.

Titelbild

Lawrence A. Scaff: Max Weber in America.
Princeton University Press, Princeton 2011.
311 Seiten, 0,00 EUR.
ISBN-13: 9780691147796

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Wolfgang Schluchter (Hg.): Max Weber-Gesamtausgabe. Band III/6 Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.
Mohr Siebeck, Tübingen 2011.
664 Seiten, 249,00 EUR.
ISBN-13: 9783161510366

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