Bildung am Hof, im Kloster und in der Stadt

Ulrich Nonn legt einen kompakten Überblick der mittelalterlichen Bildungsgeschichte vor

Von Monika StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinem neuen Buch über „Mönche, Schreiber und Gelehrte“ begibt Ulrich Nonn sich auf die Spuren von „Bildung und Wissenschaft im Mittelalter“. Dabei widmet sich der emeritierte Geschichtsprofessor der Entwicklung des Bildungswesens von der römischen Klassik bis zum Humanismus. „Von der immer noch gern unterstellten Bildungsferne des ‚dunklen Mittelalters‘ sollte heute keine Rede mehr sein“, lautet das abschließende Fazit.

Nach den detaillierten Ausführungen, die Nonn vorausgeschickt hatte, glaubt sein Leser ihm diese Bilanz gern. Das Buch schildert anschaulich, wie sich über die rund 1.000 Jahre Mittelalter verschiedene Bildungszentren in ganz Europa herausgebildet haben. Der Autor berücksichtigt dabei auch die Voraussetzungen für die Entstehung derartiger Orte, an denen Wissen gesammelt, geformt und weitervermittelt werden konnte, und er illustriert die Auswirkungen auf die Lebenswelt der Menschen.

Nach einigen einleitenden Worten und der Frage „Verfall der römischen Bildung?“ stellt Nonn ausgewählte mittelalterliche Bildungsinstitutionen vor: Den Aachener Hof Karls des Großen (Kapitel „Die karolingische Bildungsreform“), die Kloster- und Domschulen („Das Schulwesen als Domäne der Kirche“), die ersten Universitäten („Von den Domschulen zu den Universitäten“), die städtischen Schulen („Das städtische Schulwesen“) sowie die Gelehrtenkreise der Humanisten („Eine neue Bildungsbewegung: Der Humanismus“). Dabei behält er stets die Interaktionen verschiedener Bildungseinrichtungen und Bildungsbewegungen im Auge. Anschaulich und fundiert werden Funktionsweisen und Ziele einzelner Institutionen beschrieben. Dazwischen sind zwei weniger institutions- als wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtete Kapitel eingeschoben, die sich „[Dem] Bildungsideal der artes liberales“ und „[Der] Entwicklung der Scholastik als mittelalterliche Schulwissenschaft“ widmen.

Zur Anschaulichkeit des Buches tragen die vielen, teilweise in Farbe gehaltenen Abbildungen bei. Diverse Beispiele, Biografien bedeutender Gelehrter und detaillierte Ausführungen zu einzelnen Institutionen lassen das Bildungswesen des Mittelalters plastisch werden. Quellenzitate in deutscher Übersetzung machen die Lektüre lebendig und unterhaltsam und geben historisches Fundament. Auf diese Weise kommt beispielsweise der Prediger und Historiograf Jakob von Vitry (um 1160/70-1240) zu Wort, welcher schildert, wie zur Zeit seines Theologiestudiums in Paris die Unterschiede zwischen den Studenten aus verschiedenen Regionen Vorurteile geschürt hatten, die sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen führen konnten.

Ebenfalls eingängig sind die vielen Bezüge, die Nonn zwischen Mittelalter und Gegenwart herstellt. Sie finden sich zum einen in einem kurzen abschließenden Kapitel unter dem Titel „Bildung im Mittelalter – Bildung heute“; zum anderen fließen sie immer wieder in den Text ein: in diversen etymologischen Ausführungen (etwa für die Begriffe clericus, universitas, scholaris, studens) oder durch Anknüpfung an die Lebenswelt der Rezipienten. So wird im Kapitel zu den artes liberales beispielsweise auf bekannte Beispiele der bildlichen Darstellung an Kirchenportalen und Handschriften zurückgegriffen, oder an einer anderen Stelle wird auf das Nachleben von Erasmus von Rotterdam als Namensgeber für das heute bekannte internationale Studierendenaustauschprogramm hingewiesen.

Eine Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte des Mittelalters zu schreiben ist natürlich ein ambitioniertes Projekt – besonders, wenn man es auf nur 200 Seiten entwickeln möchte. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass Nonn Abstriche in der Themenauswahl und wissenschaftlichen Tiefe machen musste, und es stellt sich die Frage, inwiefern man ihm dies überhaupt zum Vorwurf machen kann. Die programmatische Verortung der Studie innerhalb der Reihe „Wissen“ durch die Wissenschaftlichen Buchgesellschaft schwächt derartige Kritik außerdem von Vornherein ab: Ziel der Reihe ist nämlich, dass der „anspruchsvolle[ ] Leser“ seinen „Horizont erweitern“ kann. Es geht damit explizit nicht um die detaillierte Präsentation neuer Forschung, sondern um die Aufarbeitung von wissenschaftlichen Themen für ein interessiertes, aber nicht zwingend akademisches Publikum.

Doch auch vor diesem Hintergrund ist die Schwerpunktsetzung der Studie kritisch zu hinterfragen: Denn selbst wenn eine Arbeit sich „Mönche[n], Schreiber[n] und Gelehrte[n]“ widmet, sollte eine Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte des Mittelalters nicht darum herum kommen, auch die Bildung und Ausbildung von Frauen zumindest anzusprechen. In Nonns Buch geschieht dies aber nicht. Die Ignoranz dieser Thematik mag mit dem institutionsgeschichtlich ausgerichteten Blickwinkel des Buches zusammenhängen: Bildung von Frauen unterlag anderen Rahmenbedingungen als jene von Männern oder auch von Kindern. Latein hat für die Ausbildung von Frauen außerdem häufig einen andereren Stellenwert gehabt, und von einem eigentlichen Wissenschaftsbetrieb – wenn man so sagen will – waren sie ebenfalls ausgeschlossen.

Trotzdem sollte dem „anspruchsvollen Leser“ nicht vorgegaukelt werden, dass Frauen und Mädchen im Mittelalter keinerlei Ausbildung genießen konnten. Diverse Untersuchungen haben gezeigt, dass insbesondere spätmittelalterliche Frauenklöster sehr wohl Orte von Bildung und Ausbildung für Frauen waren. Exemplarisch sei hier für den süddeutschen Raum auf das DFG-Projekt von Eva Schlotheuber zu „Schriftlichkeit in süddeutschen Frauenklöstern“ hingewiesen oder auf die Dissertation von Marie-Luise Ehrenschwendtner (2004), die sich explizit der „Bildung und Ausbildung der Dominikanerinnen in Süddeutschland“ widmet. Von der Bildungsferne der Frau im Mittelalter sollte heute also ebenfalls keine Rede mehr sein.

Auch an anderen Stellen kann man kritisieren, dass die Übersichtsdarstellung zu sehr den Konsens sucht und die kritische Auseinandersetzung meidet. So stellt Nonn zum Beispiel Ludwig den Frommen als bildungsfeindlich dar und präsentiert damit ein in der Forschung etabliertes, aber nicht unumstrittenes Stereotyp. Bereits Pierre Riché hat in seinem erstmals 1983 erschienen sowie in verschiedene Sprachen übersetzten Buch „Les Carolingiens. Une famille qui fit l’Europe“ ausgeführt, dass Ludwig die Bemühungen seines Vaters um das Schulwesen mit der Unterstützung des Klerus durchaus weitergeführt hatte, auch wenn das negative Zeugnis seiner Zeitgenossen in eine andere Richtung weist. Nonns Generalisierung, dass Karls „Sohn und Nachfolger Ludwig […] eine abweisende Verständnislosigkeit gegenüber jeglicher Form weltlicher Bildung zeigte“, ist somit auf jeden Fall zu hinterfragen.

Zusammenfassend kann man sicher festhalten, dass Nonns Buch einem Leser mit Interesse an mittelalterlicher Wissenschaft und Bildungsinstitutionen einen sehr fundierten und gut lesbaren Überblick bietet. Die Studie überzeugt durch Klarheit, Anschaulichkeit und Prägnanz. Kleinere Detailfehler wie die Tatsache, dass es in Cambridge kein „Campus Christi College“, sondern nur ein „Corpus Christi College“ gibt, fallen nicht ins Gewicht. Das Buch macht Lust auf vertiefende Lektüre im Bereich der mittelalterlichen Bildung und Wissenschaft. Es bleibt aber zu hoffen, dass der Leser dabei auch auf Studien trifft, die noch andere, neue Aspekte von Bildung im Mittelalter aufgreifen.

Titelbild

Ulrich Nonn: Mönche, Schreiber und Gelehrte. Bildung und Wissenschaft im Mittelalter.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
200 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783534230723

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