Gutes tun

Oliver Harris mit einem ziemlich guten Plot: „London Killing“ zeigt Potential, aber auch Luft nach oben

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein einigermaßen bekannter deutschsprachiger Autor hat die Formel von der Kraft geprägt, die stets das Böse will, und doch das Gute schafft. Dass Handlungen nicht immer das bewirken, was sie sollen, ist allerdings auch aus dem Alltagsleben zu beobachten, und lässt sich allenthalben bestätigen. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt darin, dass unsereins weder allzu genau darüber nachdenkt, was denn jede Handlung möglicherweise an Konsequenzen nach sich zieht, dies angesichts der vielfältigen, sich überkreuzenden Strategien und Absichten aber auch kaum praktizieren wollten. Die Folgen von Handeln einzugrenzen gelingt eben nur in relativ einfachen Situationen, zu denen, merkwürdigerweise sogar das Autofahren gehört.

Das ist allerdings nur deshalb der Fall, weil die Kontingenz des Handelns einerseits durch Regeln begrenzt wird, andererseits das Meiste, was wir tun, in der Masse verpufft. Ob wir nun Kaffee oder Tee trinken, mit dem Wagen links abbiegen oder irgendeine Partei wählen oder nicht, ist nur in der Masse, in der Verstärkung wirksam, nicht im konkreten Einzelfall bedeutsam, außer natürlich für uns selbst, was, wer schlechten Kaffee trinken oder Rad fahren muss, bestätigen wird.

Aber zurück zur Kraft, die Böses will und Gutes schafft: Harris hat sich in seinem Debut auf ein Motiv verlassen, das im Krimigenre einigermaßen gut eingeführt ist, das des bösen Polizisten. Die Zahl der korrupten und gewalttätigen Polizisten im Genre ist derart hoch, dass für den, der dummerweise dauernd an solche Exponate gerät, die Frage auftaucht, ob sich einer der Leute auch mal dafür bemüht, wofür er bezahlt wird, nämlich Ordnung hüten, Verbrechen aufklären, Bösewichter einsperren.

Natürlich, ja, es gibt auch die Guten unter den Verbrechensjägern, aber auch die müssen gelegentlich zu ihrem Glück gezwungen werden, oder sie geraten einfach nur dort hinein. So wie Oliver Harris’ Held Nick Belsey.

Belsey wacht eines Morgens auf, ist extrem verkatert, hat einen schlimmen Filmriss und keinen Geldbeutel mehr, das Handy ist auch weg, den Polizeiwagen, der zertrümmert an der Ecke steht, hat er wohl selbst in den Busch gefahren, er ist bankrott und hat ein Disziplinarverfahren am Hals, steht also mit einer im Krimi gern genutzten Wendung mit dem Rücken zur Wand.

Als er am ersten Tag danach zu einem Selbstmord gerufen wird, sieht er eine Chance, aus seinem alten Leben auszusteigen. Ein reicher Exil-Russe hat sich anscheinend selbst die Kehle durchgeschnitten. Belsey ist versucht, in dessen Leben einzusteigen, das ihm so vieles zu bieten hat, von dem er in seinem eigenen nur noch zu träumen vermag: vor allem alles, was mit Geld zu tun hat.

Ein großes Haus, ein Porsche als Auto, eine Firma, die zu florieren scheint, bis auf eine Sekretärin eigentlich ohne Mitarbeiter, Geld, das herumzuliegen scheint. Die Gelegenheit scheint günstig, alles einfach zu übernehmen und abzuhauen.

Allerdings muss Belsey feststellen, dass sein Vorhaben nicht ganz ohne weiteres umsetzbar ist, denn irgendjemand scheint auf der Jagd nach seinem neuen Alter Ego zu sein.

Schnell werden nacheinander eine junge Frau (angeblich die Sekretärin des Russen), ein merkwürdiger Finanzvermittler und noch einige andere mehr aufs Korn genommen und erschossen. Aus der Ferne mit einem Gewehr, ein Profi-Killer offensichtlich. Je mehr Belsey nun versucht, seinen Exit weiter voranzutreiben, desto mehr ist er gezwungen, sich an die Aufklärung dieses Gewirrs von Fällen zu machen, die sich ihm nach und nach präsentieren.

Er gerät in einen internationalen Spekulationsskandal, in dessen Mittelpunkt offensichtlich der tote Russe steht. Es geht dabei um viel Geld, es geht um ein riesiges Projekt, von dem niemand weiß, ob es sich um eine Luftblase oder um ein wirklich belastbares Vorhaben handelt.

Um daraus wenigstens etwas Kapital schlagen zu können, muss Belsey hinter die Kulissen schauen, er muss herausfinden, was dieser Russe vor hatte und warum ihn jemand getötet hat und dies bei einigen anderen Leuten weiter erfolgreich fortsetzt. Denn wenn Belsey eins schnell herausfindet, dann ist es, dass der Selbstmord zwar intelligent inszeniert war, aber eben doch inszeniert.

Belsey stößt dabei in die Finanzkreise der City of London vor, also zu jenen Leuten, die mit großem Geld das Ganze am Laufen halten. Zugleich aber gerät er mehr und mehr ins Visier seiner eigenen Leute, die ihn fast genauso gern hochnehmen wollen wie der unbekannte Killer. Mit anderen Worten: Belsey hat nichts im Griff, kommt seinem Ziel nicht näher, und muss sich am Ende damit zufrieden geben, dass er sein altes Leben wiederbekommt (die Konditionen, unter denen das geschieht, sollte man nachlesen).

Überraschend an Harris’ Roman ist, dass er trotz seiner Länge recht stringent geschrieben ist. Der Plot ist überzeugend, die einzelnen Schritte, in denen er entwickelt wird, sind zwar vom Chaos der Entwicklung geprägt, aber logisch ableitbar. Und zwar auf ein Ende hin, in dem sich dann alles erklärt, auch die Zuordnung von Bösen und Guten.

Titelbild

Oliver Harris: London Killing.
Übersetzt aus dem Englischen von Wolfgang Müller.
Karl Blessing Verlag, München 2012.
480 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674388

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