Ein Handbüchlein für den Heilsweg

Der Mainzer „Schatzbehalter“ als Faksimile-Band

Von Jürgen WolfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Wolf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der „Mainzer Schatzbehalter“ (Nürnberg: Anton Koberger, 1491 = GW 10329) gehört zum Kostbarsten, was der volkssprachige Buchdruck in der Inkunabelzeit hervorgebracht hat. Die Ausstattung mit insgesamt 96 ganzseitigen Holzschnitten höchsten Niveaus aus der Werkstatt Wolgemut-Pleydenwurff in Nürnberg, in der zeitgleich der junge Dürer seine Ausbildung machte, und der sorgfältige Druck im Zusammenspiel mit dem didaktisch aufbereiteten Text aus der Feder des gelehrten Franziskanerpaters Stephan Fridolin dokumentieren eindrücklich, mit welcher Macht das neue Medium Buchdruck gegen Ende des 15. Jahrhunderts in das Leben der Laien vordringt.

Die Details dieses Druckprojekts, aber auch die allgemeinen Entwicklungen um 1490 dokumentieren die gut zu lesende, sehr informative Einführung. Dem neuzeitlichen Leser werden dabei diverse Hilfen zum Verständnis der Bilder, der Texte, der eingesetzten Techniken, der Werkstattzusammenhänge und nicht zuletzt der Wirkung dieses einzigartigen Erbauungsbuches an die Hand gegeben. So werden exemplarisch spezifische Bild-Text-Relationen analysiert und ein flüchtiger Blick in die Werkstatt von Michael Wolgemut und Hans Pleydenwurff sowie die Offizin Anton Kobergers geworfen. Thema des vielleicht von Caritas Pirckheimer, der Äbtissin des Nürnberger Klarissenklosters (dessen Beichtvater Fridolin seit 1482 war), angeregten „Schatzbehalters“ ist das Leiden Christi, das in der Idee der compassio (Mitleiden) den Menschen den Weg zum Heil, zu Gott weisen soll.

Unter den Erbauungsbüchern der Zeit sticht der Schatzbehalter durch die aufwändige Verzahnung von Bild und Text heraus. So finden sich im Text zahllose Querverweise auf die Bildtafeln und andere Textstellen. Der „Schatzbehalter“ ist also kein Zufallsprodukt für einen schnellen Druckerfolg, sondern ein intensiv durchdachtes, auf hohem intellektuellem und künstlerischem Niveau komponiertes Gesamtkunstwerk, das sich zudem – wiederum in Bild und Text – höchsten didaktischen Ansprüchen verpflichtet zeigt. Fridolin konnte für seine Ausarbeitung auf die um 1470/1475 entstandene „Bamberger Tafel“ aus dem Franziskanerkloster an der Schranne in Bamberg zurückgreifen, wo er seit 1460 Prediger war. Die Tafel enthielt bereits das Programm des „Schatzbehalters“. Bei der wirkmächtigen und genau auf die Bedürfnisse der damaligen Menschen zugeschnittenen Aufbereitung dieser Vorlage für ein umfassendes Druckwerk spielten der berufliche Hintergrund Stephan Fridolins als Prediger, wohl aber auch die Wünsche beziehungsweise Erfahrungen der hoch gebildeten Äbtissin Caritas Pirckheimer sowie anderer Nürnberger Persönlichkeiten aus klerikalem wie laikalem Umfeld eine gewichtige Rolle.

Der vorliegende Faksimileband bietet alle 96 Holzschnitte des „Schatzbehalters“, hier nach dem kolorierten Exemplar der ULB Darmstadt (Inc IV 440), in hervorragender Druckqualität. Zum Verständnis beigegeben sind jeweils kurze Beschreibungen. Leider hat man sich fast ausschließlich auf das – zugegeben herausragende – Bildmaterial konzentriert. Von dem insgesamt 352 Blätter umfassenden Druckwerk ist damit jedoch gerade ein gutes Viertel erschlossen. Einige wenige Textseiten finden sich dann zwar noch verstreut im Einführungsteil (etwa der Prolog, das Kolophon, einzelne Textbeispiele), der auch eine knappe Paraphrase des Inhalts bietet, die sprachliche und didaktische sowie vor allem die erbauliche Dimension des Werks wird so aber kaum präsent. Und sie muss gewaltig gewesen sein, wenn man bedenkt, dass Hartmann Schedel in seiner zwei Jahre später ebenfalls bei Anton Koberger erschienen monumentalen „Weltchronik“ darauf hinweist, dass viele Menschen verzweifelt und mit allen erdenklichen Mitteln das Heil suchten, „doch der himmlische Reichtum, den der Chronist im Sinn hatte, sei auch einfacher zu gewinnen. Nämlich mit dem zu Nürnberg gedruckten Schatzbehalter, der die Betrachtung der Leiden Christi lehre (Weltchonik, fol. 214r).“

Dass dieser Hinweis Schedels weit mehr war als ein Werbehinweis auf ein weiteres Produkt der Offizin Koberger, belegt der Blick auf die heute noch existenten „Schatzbehalter“-Exemplare. Der Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) weist rund 200 erhaltene Inkunabeln nach, was bei den üblichen Verlustraten auf eine Auflage von 1.500-2.000 Exemplaren hindeutet. Zudem gibt es zahlreiche handschriftliche Kopien des Drucks. Das heißt beinahe jeder, der im deutschsprachigen Raum lesen konnte und etwas auf sich hielt (und über das notwendige Geld verfügte), nannte wohl einen ‚Schatzbehalter’ als „Handbüchlein“ für den Heilsweg sein Eigen.

Titelbild

Dominik Bartl: Der Mainzer Schatzbehalter. Ein koloriertes Andachtsbuch von 1491.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012.
176 Seiten, 69,90 EUR.
ISBN-13: 9783534249886

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