Was fühlt schon eine Tasse?

Ein Sammelband bietet „Resonanzen auf Hermann Hesse“

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hatte Hermann Hesse auch Humor? Wer seine großen, wichtigsten Bücher liest, wird das kaum annehmen können: Ernst sind sie, getragen von großem Pathos, die Welt zu retten. Wie im „Glasperlenspiel“. Oder wenigstens sich selbst. Wie in „Siddhartha“. Oder mit sich abzurechnen, wie im „Steppenwolf“. Und selbst wenn er, wie dort, vom Humor redet, ist es nicht sein eigener, sondern der Humor der „Unsterblichen“. Aber die lachen über ihn, den Helden und Erzähler. Und er kann nicht zurücklachen. Sondern nur hoffen, dass er selbst einmal auch so lachen können wird.

Auch in seinen Gedichten gibt es keinen Humor, sondern nur die große Geste oder die feine Naturbeobachtung. Und, so muss man leider sagen, auch viel Kitsch. Nur in manchen kleineren Geschichten, in wenigen, zeigt Hesse tatsächlich etwas wie Witz oder Selbstironie. In „Kurgast“ etwa, wo er sich selbst als wehleidigen Hypochonder seziert, der sich über die anderen Kurgäste erhebt, weil er nicht so krank ist wie jene – bis er selbst auch einen Stock benutzen muss. Oder dass er nicht schlafen kann, weil der Nachbar immer so laut ist – bis er durch ein witziges und erhellendes Gedankenexperiment seinen Ärger besänftigt und besiegt. Aber dann ist der Nachbar am nächsten Tag ausgezogen.

Oder in einer Geschichte, die jetzt mit anderen Erzählungen und Gedichten und Ausschnitten aus längeren Texten in einem Sammelband vereinigt ist. Da erzählt Hesse mit bissiger Kritik an den Auswüchsen des Vegetariertums und der Reformbewegung von „Dr. Knölges Ende“, der, aus Gesundheitsgründen zum Vegetarier geworden, in eine Kommune von Gesundheitsaposteln reist, wo er allen möglichen Abarten von Frugivoren und „Vegetariern der strengen Observanz“ begegnet, auch Jonas. Dieser Jonas hat sich sogar von der Sprache verabschiedet, lebt in den Bäumen und verachtet jeden, der nicht so lebt wie er. Und wird von Knölge gereizt: „Grimmig lächelnd verbeugte er sich und sagt mit so viel Hohn und Beleidigung in der Stimme, als er aufzubringen vermochte: ‚Sie erlauben, dass ich mich vorstelle. Dr. Knölge.‘“ Wütend erwürgt Jonas den frechen Dr. Knölge. Und auf seinem Grabstein steht: „Dr. Knölge, Gemischtkostler aus Deutschland.“

Das Buch ist aber keine Sammlung von Hesse-Texten. Es besteht in „Resonanzen auf Hermann Hesse“, die allerdings sehr unterschiedlich ausfallen. Da stehen kunsthistorische Betrachtungen über die unterschiedliche Bewertung von Hesses Malerei neben literaturwissenschaftlichen Essays über biografische Hintergründe oder Naturlyrik bei Hesse und Brecht, literarische Texte neben einer „andächtigen Nachzeichnung eines Hesse-Bildchens“. Dieser letzte Text, er ist von Adolf Muschg, ist eine sehr ironische, aber auch feine Antwort auf einen Text von Hesse, dem „Kaminfegerchen“. Oder ist er eine böse Demontage?

Auffallend ist, dass einige der beteiligten Literaten sich Figuren herausgenommen haben, aus deren Sicht sie etwas schildern, was Hesse aus der auktorialen Haltung beschrieben hat. Da kommt der Frugivore und Mörder Jonas wieder ins Spiel – und obwohl der sich doch in Hesse Geschichte auch der Sprache entledigt hat, ist er in Nina Jäckles Geschichte mehr als eloquent. Dabei benutzt er den gleichen, etwas gewundenen Satzbau wie Hesse und das gleiche Pathos. Und nur das Motto von Searle („Für Sprache benutzende menschliche Wesen kann es nicht so etwas wie einen Naturzustand geben“) verweist auf die innere Inkohärenz. Das allerdings konnte man schon Hesses Erzählung entnehmen, mit sehr viel weniger Worten und witziger.

Anderen Autoren geht es um den Eigensinn, Matthias Zschocke etwa komponiert einen E-Mail-Wechsel mit dem Herausgeber über den Autor Hesse und dieses so schwierige Wort Eigensinn, und das auf sehr eigensinnige Art und Weise, was er am Schluss auch explizit sagt. Es gibt um „Klingsors letzter Sommer“, Liebesgeschichten, das Wandern, die Naturlyrik und „Siddhartha“.

Ein wenig disparat ist die Zusammenstellung schon, aber das ist ja auch schon im Untertitel mit „Resonanzen“ angekündigt. Die Hesse-Verehrer werden auf ihre Kosten kommen, denn sie bekommen viele Anregungen. Gleich zu Beginn steht die schöne Aussage von Peter Bichsel, der gesteht: „Ich wage nicht mehr, ihn zu lesen. Hesse war mir in meiner Jugend zu wichtig, als dass ich das Risiko eingehen wollte, meine damalige Begeisterung zu überprüfen.“ Aber der schönste Widerhall stammt von Franz Hohler, der in „Viktors Verwandlungen“ in sieben Folgen seinen Helden Viktor in eine Kaffeetasse verwandelt, damit er der Geliebten nahe sein kann (Aber: „was fühlt schon eine Tasse?“), in einen Bergschuh, in eine Flötenklappe, einen Buntstift, in Hans Hass (weil die Fee, die ihn verwandelte, schon ein wenig schwerhörig war, und den Wunsch „Hermann Hesse“ nicht richtig verstanden hat), in einen warmen Randstein und in einen alten Mann. Der schönste Text im ganzen Buch.

Titelbild

J. Ulrich Binggeli (Hg.): Heimweh nach Freiheit. Resonanzen auf Hermann Hesse.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2012.
350 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783863510305

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