Vom Nutzen der Armut

Kathrin Hartmann analysiert in ihrem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben wie unter dem Banner der Armutsbekämpfung mit den Armen Kasse gemacht wird

Von Esther MenhardRSS-Newsfeed neuer Artikel von Esther Menhard

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jeder kennt die Bilder von armen Menschen in Entwicklungsländern, von vertrockneten Feldern, die Ernteausfälle mit sich bringen, von Kindern mit Hungerbäuchen, Menschen in bescheidenen Behausungen aus Plastikplanen, ohne Strom und fließendes Wasser, von Kindern, die in schmutzigen Gewässern spielen und Menschen, die von diesen Gewässern leben. Es ist Armut im ersichtlichsten Sinn. Diese Form von Armut ist, folgt man der bekannten und viel zitierten Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut, klar als absolute Armut erkennbar. Sie bezeichnet ein Leben unter dem Existenzminimum, in der ständigen Sorge um Nahrung, Kleidung und Obdach. Dabei befinden sich die Betroffenen in einem dauerhaften Mangelzustand, das heißt sie haben von allen Dingen, die notwendig sind, um die menschlichen Grundbedürfnisse zu erfüllen, permanent zu wenig.

Kathrin Hartmanns Untersuchung lässt sich grob in zwei Abschnitte teilen. Sie folgt dieser gängigen Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut, wobei sie sofort die Vorurteile entlarvt, die mit dieser Unterscheidung einhergehen. Während absolute Armut und die damit verbundene Problematik ihrer Bekämpfung unbestritten anerkannt werden, wobei sie in Entwicklungsländern verortet wird, ist die relative Armut, ihre Erscheinung, ihre Akutheit, umstritten und vage. Gemeinhin wird als relativ arm derjenige bezeichnet, dessen Grundbedürfnisse erfüllt sind, der aber keine Möglichkeit hat, aus eigener Kraft seinen Lebensstandard dem Durchschnitt des Landes, in dem er wohnt, anzupassen. Ihm fehlen die Mittel, sich sozial in eine Gemeinschaft einzubringen etwa durch die Mitgliedschaft in einem Verein. Auch der Zugang zu Bildungs- und Kulturgütern bleibt ihm aufgrund seiner niedrigen finanziellen Mittel weitestgehend verwehrt. Hierzulande wird medial stark daran gearbeitet, relative Armut nicht als „richtige“ Armut anzuerkennen. „Als wären die deutschen Armen gar nicht wirklich arm, sondern nur nicht wohlhabend“. So zitiert Hartmann eine gängige Haltung, nach der Arme hierzulande zwar keinen Porsche kaufen könnten, aber immerhin nicht hungern müssten. Sie weist darauf hin wie unangebracht es ist, die beiden Formen von Armut miteinander zu vergleichen beziehungsweise die eine gegen die andere auszuspielen. Denn das führe dazu, die Armut in einem Industrieland wie Deutschland nicht ernst zu nehmen. Zumal die Behauptung, dass Arme in Deutschland nicht hungern müssten, nicht stimmt. Dabei geht man nicht nur von den absolut armen Menschen in Deutschland aus, deren Zahl man bislang auf 200.000 bis 800.000 schätzt. Hunger, die Sorge um Nahrung, wenn am 20. des Monats das Geld bereits aufgebraucht ist, trifft auch Menschen, die aufgrund ihres Einkommens als relativ arm eingestuft werden oder zunächst noch als armutsgefährdet.

Zwei grundlegende Thesen, die beide nicht neu sind, aber nach wie vor an Sprengkraft nichts verloren haben, werden im Buch erläutert und auf investigative Weise überzeugend begründet. Die erste These sagt aus, dass Reichtum in einem kapitalistischen System nicht ohne Armut existieren kann. Die zweite These bezieht sich auf das Problem der Armutsbekämpfung. Diese trägt oft, wenn sie auch häufig gut gemeint ist, zum Erhalt des stark auseinander klaffenden Verhältnisses von Reichtum und Armut bei. Hinzu kommt, dass Hilfsorganisationen wie NGOs häufig unternehmerisch aufgebaut sind und einen eigenen Profit im schlechtesten Sinn des Wortes anstreben.

Hartmann veranschaulicht die beiden Thesen, indem sie sich zwei bekannte Modelle der Armutsbekämpfung anschaut. In Deutschland nimmt sie die Arbeit der „Tafeln“ unter die Lupe. In Bangladesch prüft sie das Modell des Social Business anhand des berühmten Konzepts der Mikrokredite des Friedensnobelpreisträgers und „Bankers der Armen“ Muhammad Yunus. Sie kommt in beiden Fällen – man ahnt es schon – zu einem ernüchternden Ergebnis.

Wer in Deutschland Hunger hat, wem das Geld nicht reicht, wer seine Bedürftigkeit vom Amt aus nachweisen lassen kann, der kann zur „Tafel“ gehen, um sich dort für einen symbolischen Euro eine Kiste mit aussortierten Lebensmitteln zu holen. Es sind Lebensmittel, die in Supermärkten nicht mehr verkauft werden dürfen, weil sie nicht mehr makellos aussehen oder das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Für Menschen, die das Angebot der Tafel annehmen, ja fast müssen, um nicht zu hungern, bedeutet das zumeist eine Form von Erniedrigung. Sie müssen sich eingestehen, dass sie sich nicht mehr selbstständig über Wasser halten können. Sie müssen sich damit anfreunden, nicht mehr die Wahl zu haben, welche Lebensmittel in den Korb kommen. Sie müssen sich von Stolz und dem Gefühl der Autonomie verabschieden, vor allem wenn sie Kinder haben. Sie müssen sich damit arrangieren, wie Bittsteller behandelt zu werden, denn so funktioniert das Ehrenamt bei den „Tafeln“. Die Problematik in bezug auf das Konzept der „Tafeln“ ist vielfältig wie auch ihre systemfixierende Funktion. Die geht sogar soweit, dass bereits diskutiert wurde, den Hartz-IV Regelsatz neu mit dem, was die Betroffenen an Lebensmitteln bei der Tafel beziehen, zu verrechnen. In einem Staat, in dem staatliche Befugnisse immer weiter reduziert werden, in dem die Sozialausgaben ständig gekürzt und das Mantra der Eigenverantwortung gebetsmühlenartig gepredigt wird, können die „Tafeln“ eine Arbeit leisten, die diesen Prozess befördert. Statt mit ihrer Arbeit die Armut aktiv und effektiv zu bekämpfen, kann die „Tafel“ sich dabei zuschauen, wie immer mehr Filialen in Deutschland gegründet werden. Dies müsste man eigentlich als eindeutiges Zeichen der ansteigenden Bedürftigkeit sehen. Von den „Tafeln“ wird das jedoch als Erfolg verbucht. Das Unternehmen „Tafel“ hat große und viele Sponsoren, die sich auf der einen Seite das Geld der Menschen nehmen, um es ihnen auf der anderen Seite abzüglich der Zinsen und Zinseszinsen in mildtätiger Manier zurückzugeben.

Bekannte Supermarktketten, die sich als Unterstützer der „Tafeln“ in die Medien bringen, profitieren ungemein von deren Arbeit. Sie können Abfälle kostengünstig entsorgen lassen und stehen in der Öffentlichkeit als Wohltäter da, was in Zeiten des viel beschworenen Nachhaltigkeitsgedanken beim Kunden gut ankommen dürfte.

Eine weitere Mogelpackung, die zu Beginn ihrer Entstehung als sozial verschrien war, öffnet Hartmann, wenn sie auf das Geschäft mit Mikrokrediten in Bangladesch zu sprechen kommt. Ihr Erfinder Muhammad Yunus versprach, dass Arme sich durch Kredite ihr eigenes Geschäft aufbauen könnten, indem sie das Startkapital von der Bank bekämen, ohne eine Kreditwürdigkeit nachweisen zu müssen. Sobald sie in der Lage dazu wären, könnten sie das Geld mit wenig Zinsen an die Bank zurückzahlen. Yunus spricht von der Grameen Bank, die er mitbegründet hat. Nach ihrem Entstehen erkannten andere, auch NGOs, die Lukrativität des Geschäftes mit den kleinen Krediten und stiegen mit ein. Hartmann deckt auf, wie absurd die Idee ist, Arme zu Unternehmern machen zu wollen, Menschen mit wenig Geld das ganze Risiko der Selbstständigkeit allein tragen lassen zu wollen. Sie beschreibt, wie einfache Menschen in Bangladesch durch die Aufnahme auch nur eines Kredits in die Schuldenspirale abgerutscht sind, weil sie nicht nur den Kredit, sondern auch die hohen Zinsen nicht zahlen konnten. Die Radikalität, Hartnäckigkeit und Gewaltbereitschaft der Geldeintreiber, wie sie in den Interviews beschrieben wird, ist angesichts der großen Armut der Kreditnehmer erschütternd. Hartmann berichtet von Menschen, die vor ihren Gläubigern geflohen sind, wo ein Leben nicht dazu reicht, das Geld zu verdienen, das sie schulden.

Hartmanns Buch zeichnet sich durch genaue Recherche, Originalität und die Nähe zu dem Alltag der dargestellten Menschen aus. Es bleibt nicht auf einer theoretischen Ebene haften, sondern widmet sich stets mit einer angemessenen emotionalen Nähe den konkreten alltäglichen Problemen der Armen hierzulande und auf der anderen Seite des Globus. Hartmann belegt ihre strukturiert dargestellten Thesen bestechend genau mit empirischen Beispielen. Sie sucht die Verantwortlichen nicht nur, sondern sucht sie auch auf, um sie zur Rede zu stellen. Sie deckt die Absurditäten im etablierten Armutsbild auf, indem sie medienkritisch arbeitet, das heißt nicht selten genug die als Tatsachen verkauften Vorurteile entlarvt. Hartmanns Buch ist so ein rundum spannendes und wichtiges Buch.

Titelbild

Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draussen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft.
Karl Blessing Verlag, München 2012.
416 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674579

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