Erinnern und Erzählen

Manuel Maldonado Alemán hat einen deutsch-spanischen Sammelband über literarische Erinnerungskulturen publiziert

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinem autobiografischen Lager-Buch „Der Tote in meinem Namen“ (2002) berichtet der spanische Schriftsteller Jorge Semprún, dass er in der Bibliothek des Konzentrationslagers Buchenwald William Faulkners Roman „Absalom, Absalom!“ gelesen und eben ein Exemplar dieser ersten deutschen Ausgabe später in der Wohnung von Hans Magnus Enzensberger gefunden habe, der ihm dann den Band schenkte. So gegenwärtig kann Erinnerung sein, wenn sie erzählt wird. Das Beispiel dient Manuel Montesinos Caperos dazu, Konvergenzen und Divergenzen der literarischen Erinnerungen von Bruno Apitz und Jorge Semprún an ihre Zeit in Buchenwald zu ermitteln: die paradoxe Nähe zu Weimar, die Folter, die Befreiung durch die Amerikaner auf der einen, die lineare beziehungsweise die diskontinuierlich-reflexive Erzähltechnik auf der anderen Seite.

Der Beitrag ist Teil eines Sammelbandes, der sich der Konstellation von Gedächtnis, Erzählen und Identität widmet. Erinnern und Erzählen sind zwei wahlverwandte Prozesse, gekennzeichnet durch Konstruktivität, Pluralität und Transnationalität, wie der Herausgeber, der spanische Germanist Manuel Maldonado Alemán in seiner konzisen Einleitung betont. Dadurch wird die literarische Inszenierung von Erinnerung zu einem vielseitig interessanten Gegenstand der Erinnerungsliteraturwissenschaft. In diesem Sammelband wird der Akzent auf die soziokulturellen Kontexte von Erinnerungserzählungen gelegt.

Wie sie Identitätskonzepte stabilisieren und zugleich destabilisieren können, belegt etwa der Aufsatz von Wolfgang Emmerich über die Differenzen des ost- und westdeutschen Geschichtsgedächtnisses, das sich auf unterschiedliche Gründungsmythen stütze. Nun ist es zwar etwas übertrieben, der 68er-Bewegung die komplette „Neumodellierung des westlichen kulturellen Gedächtnisses“ anzuvertrauen (daran haben schon früher Günter Grass, Enzensberger und Martin Walser mitgewirkt). Aber die These, dass der antifaschistische Gründungsmythos der DDR eine nützliche Doppelfunktion als „haltbare Staatsdoktrin und als beruhigende Lebenslüge“ hatte, wird plausibilisiert mit Jurek Beckers Lesart der „Ansippung“ (Herfried Münkler) der neugegründeten DDR an den antifaschistischen Widerstand: „Unter der NS-Herrschaft gab es in Deutschland ca. 150.000 aufrechte Antifaschisten. Davon leben heute allein 17 Millionen auf dem Boden der DDR.“

Identitätsumschreibungen im Dienste einer Zweitbiografie finden sich auch im Falle von Erich Kästners 1961 erschienenem Tagebuch „Notabene 45“ (Heinz-Peter Preußer) und von Wolfgang Hildesheimers deutsch-jüdischer Selbstverortung (Olga García). Während der Zusammenhang der „Vertextungsstrategien“ bei so unterschiedlichen Autoren wie Hermann Kant, Uwe Timm und Peter Kurzeck nicht ganz einsichtig wird (Hans-Peter Ecker), so überzeugt die Neu-Zäsurierung der Literaturgeschichte nach 1945 – mit den Einschnittjahren 1959/60 und 1989/90 – unter dem Blickwinkel der „Gegenwartsbewältigung“ (Volker Wehdeking). Besonders gelungen ist die Untersuchung der Rolle der imaginierten Erinnerungen in erzählten Lebensläufen am Beispiel von Monika Marons Roman „Pawels Briefe“, in dem Manuel Maldonado Alemán die Medialität der narrativ inszenierten Erinnerung und die Entdifferenzierung von Fiktionalität und Faktionalität aufzeigt.

Das vorerst jüngste Kapitel der Gedächtniskultur wird von der Migrationsliteratur geschrieben. In einem bikulturellen Lebenslauf wie dem des deutsch-spanischen Autors José F.A. Oliver tragen die Kategorien „Raum, Zeit, Familie, Sprache, Vergangenheit und Unterwegssein“ zu einem Wandel des Identitätskonzepts bei, der sich am Titel von Olivers Essay-Buch „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ (2007) gut ablesen lässt. Dieses „submersiv-assimilative“ Kulturmodell beschreibt Víctor M. Borrero Zapatas Beitrag über kulturelle Einheiten und Literaturkanon spanischer Autoren in Deutschland.

Viele Fragen der Erinnerungskulturwissenschaft sind in den zum derzeitigen Kanon der Memorialliteratur gehörenden Werken verankert. Mit einem der vielleicht spannendsten Probleme setzt sich der Aufsatz von Luis A. Acostas über historiografisches und literarisches Geschichtsgedächtnis auseinander: Ist Walter Kempowskis monumentales „Echolot“ (1993-2005) mit Zeitzeugenstimmen aus den Jahren 1943 bis 1945 das Geschichtskonzert eines „Weltereignisdirigenten“ (Gerd Langguth), ein gattungshybrider „Chronos im Originalton“ (Hans Maier) oder aber eines der „letzten großen literarischen Wagnisse“ unserer Zeit (Frank Schirrmacher)? Einiges spricht dafür, dass die Bibelzitate und die eingebauten Gedichte im „Echolot“ einen Referenzrahmen stiften, der über die historiografische Schicht hinausweist und auf die künstlerische Bedeutung dieses Arrangements des kollektiven Gedächtnisses aus Einzelstimmen hinweist. Die literarisch inszenierte Erinnerung ist somit keine Vergangenheit, sie ist, wie Faulkner sagt, „nicht einmal vergangen“.

Titelbild

Manuel Maldonado Alemán: Gedächtnis, Erzählen, Identität. Literarische Inszenierungen von Erinnerung.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2012.
269 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-13: 9783826048777

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