„Glaube ist Seelenarbeit“

Theologen schreiben den ersten Kommentar zu Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Jenseits der Liebe“ heißt ein Roman von Martin Walser aus dem Jahr 1976. „Jenseits der Literatur“ war die Kritik in einer großen deutschen Tageszeitung überschrieben, die kein gutes Haar an Walsers Roman ließ (siehe Literaturkritik: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14427). Walser war zutiefst getroffen, er sah in dem Kritiker den Erzengel, der ihn, den Autor, „mit dem Flammenschwert aus dem einzigen Bereich, in dem ich leben will, vertreibt“. 2010 erschien Walsers Novelle „Mein Jenseits“, ein literarisches Glaubensbekenntnis, das Erstaunen bei den Kritikern auslöste. Was war los mit dem Autor, der im Deutschlandfunk-Interview (15.7.2011) sagte, er „glaube nicht“, aber er „knie“? Außer lobenden Worten für den Stil und den Mut bei der Behandlung des Themas – ein leitender Psychiater stiehlt (oder rettet) eine berühmte Reliquie und wird zum Patienten in der eigenen Klinik – fand die Kritik nicht mehr als die Stichworte von Spiritualität und Transzendenz. Ein Fall also für die Theologie.

Die hat sich, federführend durch den 2012 verstorbenen Fribourger Pastoraltheologen Michael Felder, der Novelle höchst kompetent, umsichtig und im interdisziplinären Sinne enorm lehrreich angenommen. Die Beiträge befassen sich u.a. mit dem Schauen als Modus der Jenseits-Annäherung (Konrad Hilpert), mit der in der Novelle eine leitbildende Rolle spielenden Pilgermadonna von Caravaggio (Otmar Fuchs und Martin Brüske), mit Pilgern und Reliquienverehrung (Annemarie Mayer), mit Zeit und Alter (Leo Karrer) und mit der Ambivalenz von „Religionswörtern“ (Erich Garhammer). Karl-Josef Kuschel untersucht in größerem Kontext Walsers, Gottesprojekt‘. Christoph Gellner kommentiert in einem vorzüglichen Überblicksessay die erstaunlich kontinuierliche Entwicklung der Gottesfrage in Walsers Werken: von der Kritik am „bürgerlich entschärften, Vollkasko-Christentum‘“ in dem Roman „Halbzeit“ über die Büchnerpreisrede „Woran Gott stirbt“ und den Kindheitsroman „Ein springender Brunnen“ bis zu den Essays und den Aphorismen in „Mein Jenseits“: „Aber dass der Glaube die Welt schöner macht als das Wissen, stimmt doch“.

Was Theologie und Literatur bei allen Verschiedenheiten zusammenbringt, erläutert der Schriftsteller (und studierte Theologe) Arnold Stadler in seinem brillanten Nachwort: „Der Theologe will verstehen, und nicht irgendetwas. Der Schriftsteller weiß, dass es nichts zu wissen gibt. Und doch. Er will glauben können. Und glaubt. Und schreibt manchmal davon, Bücher, die ,Mein Jenseits‘ heißen.“ Einend sind also der Glaube ans Wort und die Empathie, die bei Theologen, Erbarmen‘ oder, Gnade‘ heißt. Und weil der Glaube die Welt schöner macht als sie ist, ist das Jenseits des Schriftstellers die Literatur. Diese Einsicht in die literarische Ästhetik der Literatur, die gute Stücke mit einer Ästhetik der Theologie teilt, verdanken wir dem Kommentarband von Michael Felder. Vielleicht bringt er Germanisten auch dazu, Walsers Roman „Muttersohn“, in den die Novelle „Mein Jenseits“ eingebettet ist, einmal als Glaubensroman zu lesen: der „Muttersohn“ etwa als literarisierter „Menschensohn“?

Titelbild

Michael Felder (Hg.): Mein Jenseits. Gespräche über Martin Walsers "Mein Jenseits“.
Berlin University Press, Berlin 2012.
238 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783862800285

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch