Lenins einbalsamierter Leichnam, bei Ebay ersteigert

Miroslav Penkov erzählt in „Wenn Giraffen fliegen“ von seiner alten Heimat Bulgarien

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alles hat Großvater in „einem Jahr verloren, was ein Mann verlieren konnte: die Frau seines Herzens, Großmutter, und die Liebe seines Lebens, die Partei“. Dennoch lässt er sich nicht unterkriegen. Immer noch sind seine Lieblingslektüre die Gesammelten Werke von Lenin, die er seiner Frau an ihrem Grab vorliest, jeden Tag. Und dann gelingt es ihm sogar, den Kommunismus in seinem Dorf einzuführen. Einen solchen Idealismus versprüht er, dass die Dorfbewohner ihre Heimat in „Leningrad“ umbenennen und den Großvater zum Vorsitzenden wählen.

Fest und unbeirrt glaubt er an den Kommunismus und seine Helden, glaubt sogar, dass Giraffen fliegen können, wenn es in der „Duma“, der kommunistischen Zeitung steht. Jedenfalls macht ihm das sein Enkel weis. Der schlägt einen anderen Weg ein, geht nach Amerika, macht Karriere im Kapitalismus, schließt sein Studium mit Summa cum laude ab. Und dennoch beneidet er seinen einfachen Großvater, der in Bulgarien lebt und auf dem Land in seinem Traum glücklicher zu sein scheint als er selbst. Sodass er ihm schließlich ein Geschenk macht, das er bei Ebay ersteigert hat: Lenins einbalsamierten Leichnam.

In acht Geschichten schreibt Penkov, der selbst in Amerika Karriere gemacht hat und Professor für englische Literatur ist, von seiner alten Heimat, die er mit 18 verlassen hat. Es sind Geschichten voller Melancholie, voller skurriler, einfacher Menschen, die an den Umständen leiden, unter denen sie leben. An der kommunistischen Unterdrückung oder an den Versuchungen des Westens. An der Nähe zu Serbien, das sich schon früher einen Teil Bulgariens geholt hat, an den starren Grenzen, die Liebende auseinanderreißt oder sie sogar tötet, wenn sie von Grenzposten beim Überqueren des Flusses erwischt werden, wie in der Geschichte „Östlich des Westens“.

Viele Stories balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Schrecken und Komik, Kitsch und Ernst, wie „Ein Bild mit Yuki“, das von einem Ehepaar erzählt, einem Exilbulgaren und seiner japanischen Frau, die in Sofia Urlaub machen, um sich hier für wenig Geld ihren Kinderwunsch in einer Spezialklink zu erfüllen. Sie fahren in das Dorf, in dem der Erzähler aufgewachsen ist und treffen auf eine archaische Kultur, in der sich die Frau nicht zurechtfindet.

Penkov hat einen sehr gemütlichen Ton, voller Sympathie zeigt er uns sein Heimatland, seine Gefangenheit in den alten Kulturen, den Wunsch nach Aufbruch zum westlichen Heil und das Unvermögen dazu. Er scheut auch vor Sentimentalitäten nicht zurück, wie in der Geschichte von dem Obdachlosen, den zwei Jugendliche treffen, als sie in einer Kirche ein Kreuz stehlen wollen, und der ihr Herz rührt. Das ist ein wenig zu dick aufgetragen, wie auch die Geschichten meist zu glatt ausgehen, zu konstruiert wirken und der Ton auf Dauer ein wenig zu gleichförmig scheint.

Titelbild

Miroslav Penkov: Wenn Giraffen fliegen.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller.
Karl Blessing Verlag, München 2012.
320 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783896674609

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